Kommentar: Wunschtraum Daten-Sicherheit | Kommentare | DW | 08.08.2018
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Missbrauch von biometrischen Daten

Kommentar: Wunschtraum Daten-Sicherheit

Gutgläubige halten biometrische Daten wie den Fingerabdruck oder die Augen-Iris für eine Wunderwaffe im Kampf gegen Terroristen und andere Kriminelle. Marcel Fürstenau teilt diese Naivität in keiner Weise.

Der Klassiker ist ein geklautes Passwort. Damit lässt sich schnell das Bank-Konto des Opfers abräumen und anderer Schaden anrichten. Immer wieder gibt es Berichte über millionenfach gestohlene Identitäten bei Global Playern des Internets wie Google oder Facebook. Das Entsetzen ist jedes Mal groß und trotzdem werden daraus anscheinend kaum Lehren gezogen. Zwar geloben Plattform-Betreiber Besserung, dennoch ist der nächste Skandal nur eine Frage der Zeit.

Die meisten User surfen weiter sorglos im weltweiten Netz, hinterlassen an jeder virtuellen Ecke Hinweise über sich selbst. Und so leisten sie Tag für Tag ihren ganz persönlichen Beitrag, damit ein lückenloses Bewegungsprofil von ihnen entstehen kann. Sicherheitsbehörden einerseits und der werbenden Wirtschaft andererseits wird alles frei Haus geliefert. Vielen, wohl den allermeisten ist das egal. Frei nach dem alt bekannten Motto: "Ich habe doch nichts zu verbergen."

Ihr Konto kann ganz schnell leer sein

Wer so redet, macht sich wahrscheinlich auch keinerlei Gedanken darüber, was mit seinen/ihren biometrischen Daten wie Fingerabdrücken oder digitalen Bildern der Iris passieren kann. Wie kinderleicht solche vermeintlich absolut sicheren Identitätsmerkmale manipuliert und missbräuchlich verwendet werden können, war dieser Tage Thema einer TV-Reportage. Computer- und Cyber-Experten demonstrierten vor laufender Kamera, wie man mit Hilfe von Holzleim (!) Kopien von Fingerabdrücken herstellt und damit problemlos gesperrte Smartphones entriegelt.

Deutsche Welle Marcel Fürstenau Kommentarbild ohne Mikrofon (DW )

DW-Reporter Marcel Fürstenau

Ähnlich simpel funktioniert das Manipulieren der Iris. Mit entsprechend präparierten Pässen kommt man durch jede Sicherheitskontrolle auf Flughäfen. Und natürlich weiß die interessierte Kundschaft, wo es diese heiße Ware gibt: im auch für Geheimdienste schwer zu entschlüsselnden Darknet, der Dunkelkammer des Internets. Es ist der Tummelplatz für Dealer, die womöglich auch mit Ihrer Identität Schindluder treiben, ohne dass Sie es bemerken. Es sei denn, Ihr Konto ist plötzlich unerklärlicherweise leer oder die Polizei verdächtigt Sie einer Straftat, die eine andere Person in Ihrem Namen begangen hat.

Vater Staat geht mit schlechtem Beispiel voran

Dem Risiko, Opfer eines Identitätsdiebstahls zu werden, setzen sich letztlich alle Menschen aus. Im digitalen Zeitalter hinterlässt man unweigerlich Spuren. Niemand kann sich dem entziehen, weil viele Geschäfte nur noch online abgewickelt werden können oder der Staat die Abgabe biometrischer Daten gesetzlich verpflichtend vorschreibt. Das beste Beispiel ist der Reisepass. Die dafür mit einem Lasergerät erfassten Fingerabdrücke gelangen – kaum zu glauben – unverschlüsselt in den Computer. Das bestätigte ein Mitarbeiter des Herstellers in der TV-Reportage "Pässe für Kriminelle – biometrischer Datenhandel im Dark Web". Als "angemessen sicher" bezeichnet das deutsche Innenministerium diese Praxis. Man kann sie aber auch als skandalös bezeichnen, weil der Staat eine seit vielen Jahren bekannte Sicherheitslücke noch immer nicht geschlossen hat. Offenbar hält die Regierung das Risiko für beherrschbar. Kaum auszumalen, wie die Reaktionen wären, wenn von derlei Nachlässigkeit mal ein Terrorist profitieren sollte.

Weniger Daten bedeuten weniger Missbrauchspotenzial

Statt im Anti-Terror-Kampf ständig Gesetze zu verschärfen und die Überwachung in allen öffentlichen wie privaten Lebenslagen auszubauen, sollten die politisch Verantwortlichen erst einmal ihre digitalen Hausaufgaben erledigen. Ähnliches gilt für die übergroße Mehrheit der Bürger, die zugleich Konsumenten sind. Sie sollten es Staat und Wirtschaft so schwer wie möglich machen, an ihre Daten heranzukommen. Damit schützen sie sich selbst und verringern zugleich das Missbrauchsrisiko, weil weniger Informationen auf dem Markt wären. Denken Sie mal darüber nach!

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