Kommentar: Wie Phönix aus der Asche | Kommentare | DW | 12.11.2018
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100 Jahre polnische Unabhängigkeit

Kommentar: Wie Phönix aus der Asche

Während Westeuropa den 11. November als den Tag feierte, an dem die Greuel des Ersten Weltkrieges aufhörten, feierte Polen 100 Jahre Wiedererlangung der eigenen Staatlichkeit.

Dort, am Pariser Arc de Triomphe, wo die früheren Feinde des Waffenstillstands vom 11. November 1918 gedachten, waren polnische Spitzenpolitiker nicht dabei. Kein Wunder: Polen hat als Staat an dem Krieg nicht teilgenommen, weil es den Staat Polen damals schlicht auf der Karte nicht gab. Nach einer Glanzzeit als regionale Großmacht im 16. Jahrhundert, geschwächt durch innere und äußere Konflikte im 17. und 18. Jahrhundert, wurde Polen (genauer: ein polnisch-litauisches Commonwealth) 1795 endgültig als Staat ausgelöscht. Es folgten 123 Jahre unter preußischer, österreichisch-habsburgischer und russischer Besatzung; eine Zeit der brutal niedergeschlagenen Aufstände im Russisch-Polen und fortwährenden Unterdrückung unter Preußen. Lediglich im habsburgischen Vielvölkerstaat konnten die Polen eine eingeschränkte Autonomie genießen. Der große Konflikt zwischen den Besatzungsmächten und ihre Schwächung war für die Polen ein lang ersehnter Moment; eine historische Chance, den Skandal der Teilung zu beenden.

Auch wenn Polen als Staat an den Feindseligkeiten des Ersten Weltkrieges nicht teilgenommen hatte, waren Polen als Soldaten doch daran beteiligt. Das Tragische dabei: Sie kämpften gegeneinander in den Armeen der Besatzer. Etwa 400.000 von ihnen ließen auf den Schlachtfeldern ihr Leben. Genauso viele zivile Opfer vervollständigen die traurige Bilanz. Dieser Blutzoll war jedoch nicht umsonst. Dank des politischen und militärischen Talents von Jozef Pilsudski, der die polnische Truppen organisierte und das am Ende des Krieges entstandene Machtvakuum nutzte, konnte Polen am 11. November 1918 seine Neugründung als Staat feiern. Es erhob sich wie Phönix aus der Asche des Krieges.

Die Wiedergeburtsstunde Polens

Es war aber auch vor allem dem US-Präsident Woodrow Wilson zu verdanken, der die staatliche Wiedergeburt Polens zu seinem Plan für Nachkriegseuropa machte, und dafür sorgte, dass Polens Auferstehung international anerkannt wurde. Hier liegt auch ein Schlüssel zum Verständnis des besonderen Verhältnisses zwischen Polen und den USA. Nur in wenigen Hauptstädten Europas wird man heute einen Woodrow-Wilson-Platz finden können. In Warschau gibt es ihn.

Dudek Bartosz Kommentarbild App

Bartosz Dudek, Leiter DW Polnisch

Die Unterstützung der Amerikaner in ihrer erstmaligen Rolle als Weltmacht aber hätte nicht ausgereicht, wenn die polnischen Eliten von damals nicht auch ihre politischen Differenzen beigelegt hätten. Der heutige national-konservative Staatspräsident Andrzej Duda hat in seiner Festansprache am Grab des Unbekannten Soldaten in Warschau zurecht daran erinnert und einen Bogen zur jetzigen Situation gespannt. Zwietracht sei gefährlich und unter der polnischen Fahne gebe es schließlich Platz für jeden, der sein Land liebt, unabhängig von seiner politischen Meinung. Es waren richtige Worte für das stark gespaltene Land. Wenn Duda das ernst meinte, verpasste er allerdings eine gute Gelegenheit, dies auch symbolisch zu demonstrieren: Denn der ehemalige liberale Premier und ranghöchste EU-Vertreter, Ratspräsident Donald Tusk, protokollarisch einem amtierenden Staatsoberhaupt gleich, wurde nur in einer der hinteren Reihen platziert.  

Einheitsfeier in einem stark gespaltenen Land

Auch der nachfolgende Marsch durch die Straßen Warschaus war keine Demonstration überparteilicher Einigkeit. Die Opposition blieb ihm fern. Aus gutem Grund: Der jährlich stattfindende "Marsch der Unabhängigkeit" wird von rechten und rechtsextremen Gruppierungen organisiert. Dieses Jahr verlief er allerdings weitestgehend ruhig. Rassistische Parolen waren, anders als im vorigen Jahr, kaum zu sehen. Es lag wohl an einer Absprache zwischen Duda und den Veranstaltern. Nach langem Hin und Her einigte man sich darauf, dass Duda einen staatlich organisierten Marsch anführte. Direkt danach folgten die Rechtsextremen. Auch das hat einen bitteren Beigeschmack.

Das soll aber nicht den großen Zusammenhang verdecken: Das heutige Polen ist ohne seine komplizierte Geschichte der letzten 250 Jahren nicht zu verstehen. Und besonders dramatisch waren eben die letzten 100 Jahre: Seit 1918 musste Polen gleich dreimal seine Souveränität wiedergewinnen. 1918, 1945 und 1989 waren die Meilensteine dieser Geschichte. Der polnische Patriotismus mit einem Hang zur Betonung der eigenen Souveränität hat darin seinen Ursprung.

Auch wenn am Arc de Triomphe in Paris weder der polnische Präsident noch der Ministerpräsident anwesend waren: Hundert Jahre nach dem 11. November 1918 ist Polen von der Karte Europas nicht mehr wegzudenken. Und das ist auch ein Grund zum Feiern – nicht nur für die Polen, sondern auch für alle, die an eine gerechte Welt glauben.

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