Kommentar: Wer folgt dem Papst? | Kultur | DW | 23.09.2013
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Kultur

Kommentar: Wer folgt dem Papst?

Das erste große Interview von Papst Franziskus läßt Menschen innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche aufatmen. Der Pontifex schlägt neue Töne an. Eine Melodie entsteht daraus noch nicht, meint Klaus Krämer.

Nein, Jorge Maria Bergoglio ist kein Papst verbaler Schnellschüsse aus der Hüfte. Ein halbes Jahr ließ er sich Zeit, bevor er sich mit einem Interview für eine Jesuiten-Zeitschrift in Herz und Verstand blicken ließ. Jedes seiner Worte scheint er sorgsam abwägt zu haben. Dieses 20-seitige Interview ist eigentlich ein Gespräch – gespeist aus einem tiefen Glauben - und in weiten Teilen eine Reflexion seines persönlichen Lebens.

Eingeständnis persönlicher Defizite

Wohltuend echt wirkt der Papst. In einer Zeit, in der sich jeder möglichst fehlerlos darstellt, hat er als Oberhaupt seiner Kirche den Mut zu sagen: "Ich bin ein Sünder." Er spricht offen über frühere persönliche Defizite hinsichtlich Disziplin und Führungsstil. Wann gab es je einen öffentlich so selbstkritischen Papst?

Vielleicht ist es diese Authentizität, die es dem Leser leicht macht zu glauben, dass dieser Papst tatsächlich seine Kirche gravierend umbauen will. Dieses Interview ist längst noch keine Partitur, wie die römisch-katholische Kirche von morgen klingt. Aber die Komposition des musikalischen Grundthemas hat der Papst ganz klar im Kopf. Er tut gut daran, sie nicht alleine machen zu wollen. Die Beratung mit anderen liege ihm am Herzen, lässt er wissen. Hier spricht ein Teamworker und kein Einzelkämpfer.

Kirche muss den Menschen dienen

Klaus Krämer, Fachredakteur der Deutschen Welle für Religion Autor: Matthias Müller (DW)

Gottes hauptamtliches "Bodenpersonal" bekommt bei der Gelegenheit gleich eine erweiterte Dienstbeschreibung verpasst: Geistliche müssten vor allem Diener der Barmherzigkeit sein, so Franziskus. Organisatorische und strukturelle Reformen seien zweitrangig. Das klingt nach Revolution – nach Rückkehr zu menschennaher biblischer Ethik. Die innere Einstellung der Geistlichen will er vorrangig reformieren. Der Papst bringt es auf den simplen Nenner: "Das Volk Gottes will Hirten und nicht Funktionäre oder Staatskleriker." Fragt sich allerdings, ob die in der Lage sind, ihre Rolle neu zu verstehen und zu leben.

Zu dieser Ethik barmherziger Zuwendung gehört für das katholische Kirchenoberhaupt auch, Menschen in ihrer jeweiligen Situation abzuholen und zu begleiten – Geschiedene ebenso wie Homosexuelle. Die Religion habe zwar das Recht, die eigene Überzeugung im Dienst am Menschen auszudrücken Es dürfe jedoch keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben des Gläubigen geben. So deutlich hat das noch nie ein Papst formuliert!

Nicht mit Altbekanntem aufhalten

Und so geht es weiter: Die offizielle Haltung der katholischen Kirche zu gleichgeschlechtlicher Heirat, Abtreibung, und Verhütung sei bekannt, so Franziskus. Es sei aber nicht nötig, endlos davon zu sprechen. Jedem Hardliner in Fragen katholischer Ethik und Sexualmoral muss es bei solchen Aussagen die Stimme verschlagen.

Auch den Verfechtern der Macht katholischer Kongregationen, Räte und anderer Ämter wird es mulmig geworden sein. Für Franziskus haben sie lediglich die Aufgabe, für ihn und die Bischöfe zu arbeiten. "Zensurstellen" mit einer eigenen Dynamik will er nicht.

Neue Nuancen auch mit Blick auf Frauen in der Kirche – keine radikal neuen, aber durchaus weitherzig klingende Töne. Mit dem Befürworten einer stärkeren weiblichen Präsenz in der Kirche, spricht er all jenen aus dem Herzen, die genau das seit Jahrzehnten fordern. Und die Aussage, der weibliche Genius sei nötig an den Stellen, wo wichtige Entscheidungen getroffen würden, ist Balsam für deren Seelen.

Keine Rückschritte

Keinen Zweifel lässt Papst Franziskus daran, dass die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1963-1965) "unumkehrbar" sind. Es habe eine Bewegung der Erneuerung ausgelöst, die aus dem Evangelium selbst kommt. Die Früchte seien enorm. Ultrakonservative Katholiken werden mit Wehgeschrei vernommen haben, dass Rückschritte ihrer Kirche insgesamt unter keinen Umständen gewollt sind.

Eine neue Komposition ist das, was Papst Franziskus vorgelegt hat, noch nicht. Konkret geworden ist längst noch nichts. Auf jeden Fall wird das musikalische Werk der erneuerten zukunftsfähigen katholischen Kirche mehrere Komponisten erfordern und vielleicht auch verschleißen. Die Forderung von Franziskus, die Kirche müsse zuallererst "Wunden heilen und die Herzen der Gläubigen erwärmen", ist eine einfache wie geniale Grundvoraussetzung all dessen, was jetzt Schritt für Schritt passieren muss. Das hat der Pontifex richtig erkannt. Die Frage ist nur, wie viele der Gläubigen und vor allem der Verantwortlichen an den Schaltstellen seiner katholischen Kirche ihm folgen werden.