Kommentar: Warum wählt der Osten anders? | Kommentare | DW | 30.08.2019
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Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen

Kommentar: Warum wählt der Osten anders?

Diese Frage klingt oft wie ein Vorwurf: Die Ossis wählen falsch! Lange Zeit linker als der Westen, mit dem Auftauchen der AfD rechter. Oder sie wählen überhaupt nicht. Na und? Eine Polemik von Marcel Fürstenau.

Es ist immer das Gleiche: Jede Wahl im Osten des seit fast 30 Jahren wiedervereinigten Deutschlands löst im Westen der Republik Verwunderung oder gar Empörung aus. Weil auf dem Gebiet der früheren DDR andere Parteien für Furore sorgen als in der guten, alten Bundesrepublik in den Grenzen von 1989. Dort machten jahrzehntelang nur Konservative (CDU und CSU) oder Sozialdemokraten (SPD) das Rennen. Als Mehrheitsbeschaffer für Regierungen fungierten die Freien Demokraten (FDP). Eine Rolle, die ab der 1980er Jahre auch der einstigen Bürgerschreckpartei namens Grüne zuteil wurde.

Zugegeben: Die Zeiten haben sich ein wenig geändert – CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen fällt es zunehmend schwerer, ihre Pfründe zu verteidigen. Trotzdem teilen sie sich im Westen weiterhin fast überall die Macht, obwohl auch die Linke und die Alternative für Deutschland (AfD) etwas vom Kuchen abbekommen wollen. Wer es besonders schlecht meint mit diesen beiden Parteien, schimpft sie Kommunisten oder Nazis. Davon gibt es zwar tatsächlich so einige in ihren Reihen. Aber Linke und die rechtspopulistische AfD pauschal in die extremistische Ecke zu stellen, ist simpel und feige – und vor allem bequem.

Keine Rückkehr zur DDR-Planwirtschaft in Thüringen

Denn wer die Auseinandersetzung scheut, verweigert kompromisslos jeden Dialog. Darunter litt die Linke, als sie noch Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) hieß und im Westen wegen ihrer Vergangenheit als DDR-Staatspartei von den Konservativen als "rote Socke" diffamiert wurde. Im Osten hingegen war die PDS und ist heute die Linke Volkspartei, die in Thüringen seit 2014 mit Bodo Ramelow sogar ihren ersten Ministerpräsidenten stellt.

Deutsche Welle Marcel Fürstenau Kommentarbild ohne Mikrofon (DW )

DW-Redakteur Marcel Fürstenau

Das oft beschworene Kommunismus-Gespenst entpuppte sich dann als total harmlos. Der aus dem Westen stammende Regierungschef ließ weder die DDR-Planwirtschaft reanimieren noch verteufelte er Unternehmen, die wie Opel in Eisenach viel Geld investieren. Die Ossis in Thüringen haben also allen Anfeindungen zum Trotz mit über 28 Prozent für die Linke eine gute Wahl getroffen. Ganz anderer Meinung war damals und ist wohl noch heute das Zentralorgan des deutschen Wutbürgers: "Skandalwahl in Thüringen" titelte die "Bild"-Zeitung.

Ossis wählen AfD-Wessis

Ähnlich ist die Tonlage schon vor den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen (1. September) und Thüringen (27. Oktober). Die Hysterie ist allerdings weniger der Linken geschuldet als der AfD, die mit Ergebnissen von 20 Prozent plus x rechnen darf. Schöne Aussichten sind das sicher nicht, aber muss man deswegen gleich wieder in Panik verfallen? Und – aus berechtigter Sorge, aber auch aus Gewohnheit – gleich wieder das abgedroschene Klischee vom rohen, undankbaren und tumben Ossi kultivieren?

Keine gute Idee ist das, einfallslos sowieso. Damit zementiert man – ob gewollt oder nicht – Gräben, die nie ganz zugeschüttet waren. Ironie am Rande: Führende Figuren der Rechtspopulisten im Osten sind waschechte Wessis: Brandenburgs Spitzenkandidat Andreas Kalbitz stammt aus Bayern, Thüringens Frontmann Björn Höcke aus Nordrhein-Westfalen. Beide gehören dem völkisch orientierten "Flügel" innerhalb der AfD an, sind also besonders stramme Rechte.

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Quadriga - Wahlen in Ostdeutschland: Siegeszug der Rechten?

"So isser, der Ossi" 

Wessis dominieren den Osten, ein bekanntes Muster auch außerhalb der Politik: In der Wirtschaft ist es so, in Verwaltungen, an Universitäten, in den Medien. Kein Wunder, dass sich viele Ostdeutsche als Bürger zweiter Klasse fühlen. Deswegen muss man nicht AfD wählen, sollte es besser sogar sein lassen. Weil aber die Linke ihr Image als Protest-Partei verloren hat, entscheidet sich jetzt jeder fünfte Ossi eben für die Rechtspopulisten. Oder bleibt am Wahltag gleich zu Hause. Eine selbstbewusste Demokratie muss so etwas verkraften können. Und sich überlegen, woran das liegen könnte.

Eine Woche vor den Wahlen in Brandenburg und Sachsen erkundet der "Spiegel" in seiner Titelgeschichte die Gemütslage der dort lebenden Menschen: "So isser, der Ossi" (Hochdeutsch: "So ist der Ostdeutsche"). Auf elf Seiten wird versucht, "den Menschen, vor allem im Westen, ihre Landsleute zu erklären". Vielleicht sollte man auch mal probieren, den Menschen im Osten ihre Landsleute aus dem Westen zu erklären. Anlässe gibt es immer wieder, denn auch im alten Bundesgebiet gibt es zum Beispiel AfD-Wähler. Zweistellige Ergebnisse sind keine Seltenheit.

Lauter AfD-Hochburgen im Westen

In den wirtschaftlich erfolgreichen Bundesländern Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz lagen die Resultate zuletzt zwischen 10,2 und 13,1 Prozent. Einsame Spitze aber ist der ökonomische Musterknabe Baden-Württemberg mit 15,1 Prozent. Genug Stoff für schöne, schräge Geschichten nach dem Motto "So isser, der Wessi" (Hochdeutsch: "So ist der Westdeutsche"). Darüber aber redet und schreibt niemand. Denn das würde ja auch das Image vom Besser-Wessi beschädigen. Oder?

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