Kommentar: Russland-Sperre ist nicht konsequent genug | Kommentare | DW | 09.12.2019
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Kuschelkurs wird fortgesetzt

Kommentar: Russland-Sperre ist nicht konsequent genug

Dass die Welt-Antidoping-Agentur WADA den russischen Sport für vier weitere Jahre sperrt, geht unserem Kommentator Tobias Oelmaier nicht weit genug. Man sollte die Betrüger da treffen, wo es wirklich weh tut.

Die WADA habe in "strengst möglicher Art und Weise reagiert", sagte deren Präsident Craig Reedie bei der Bekanntgabe des Vierjahres-Banns gegen den russischen Sport. Vier Jahre keine Teilnahme an Olympischen Spielen, vier Jahre keine Teilnahme an oder Ausrichtung von anderen Großereignissen. Das klingt erstmal hart.

Man denke nur an all die geplatzten Träume russischer Sportler, die sich jahrelang gequält haben, um einmal im Rampenlicht unter den fünf Ringen zu stehen. Oder an die Bevölkerung, die sich über Gäste aus aller Welt freut, die zu sportlichen Großveranstaltungen in ihrem Land kommen - sei es als Teilnehmer oder als Zuschauer.

Moskau wittert Verschwörung

DW-Redakteur Tobias Oelmaier wünschte sich auch einen Bann für andere Sportarten

DW-Redakteur Tobias Oelmaier wünschte sich auch einen Bann für andere Sportarten

Die Politik in Moskau wittert denn auch gleich eine internationale Verschwörung ob der politischen Gesamtsituation. Von "Krieg" ist sogar die Rede. Über diesen Verdacht jedoch sollte die WADA erhaben sein. "Russland wurde jede Gelegenheit gegeben, reinen Tisch zu machen. Aber stattdessen hat es sich entschieden, weiter zu täuschen und zu leugnen", konstatiert Reedie ob der gefälschten Daten, die der Welt-Antidoping-Agentur übergeben wurden und die das nachgewiesene Staatsdoping vertuschen sollten. Selbst der neue Chef der nationalen russischen Antidoping-Agentur, Jurij Ganus, räumte kürzlich in einem Interview mit einem russischen Radiosender ein, er sehe keine Möglichkeit, die Argumentation der WADA zu beanstanden.

Hätte die russische Sportpolitik, gesteuert von Moskau, einfach eingestanden, dass systematisch manipuliert wurde um die Olympischen Spiele von Sotschi im Jahre 2014 herum - alles wäre wohl gut geworden. Ein paar mahnende Worte, ein paar Sperren gegen straffällige Funktionäre, und die russischen Athleten wären mit offenen Armen zurückgenommen worden von der internationalen Sportfamilie.

Ausnahmen weichen die Sperre auf

So aber musste die WADA reagieren. Sie tat es nur nicht konsequent genug. Einzelne Sportler dürfen, wie schon in den vergangenen Jahren, an Olympischen Spielen teilnehmen, wenn sie sich testen lassen und ihnen keine Teilnahme am Staatsdoping nachzuweisen war. Das mag einen für die Betroffenen freuen. Sie können nichts für das fortgesetzte Unrecht ihrer Funktionäre.

Doch hat die Vergangenheit gezeigt, dass die Athlet*innen zwar in neutralen Trikots unter neutraler Flagge an den Start gingen - von den Tribünen wurde aber regelmäßig trotzig die Nationalhymne intoniert. In den Medaillenspiegeln stand nicht das gewohnte "RUS", sondern irgendeine andere Abkürzung, von der jeder wusste, was gemeint war. Und natürlich wusste die russische Politik die Erfolge ihrer Sportler weiter zu instrumentalisieren.

Warum kein EM-Ausschluss?

Der blanke Hohn aber ist, dass Russland sowohl an der Fußball-EM 2020 teilnehmen als auch deren Co-Gastgeber sein darf, dazu auch noch Ausrichter des Finales der Champions League 2021 in St. Petersburg. Die Begründung: Hier handele es sich um "regionale Sportereignisse". Von Formel-1-Rennen oder diversen Weltcups, z.B. in Wintersportarten, ganz zu schweigen.

Dabei hätte man so die russischen Betrüger wirklich treffen können. Keine Fußball-EM, keine Teilnahme oder Ausrichtung von Europapokal-Spielen, keine Weltcups, keine Ausnahmen, einfach gar nichts. Das wäre die strengst mögliche Art und Weise gewesen. Und wohl auch die einzige mit Wirkung. So aber handelt es sich nur um eine Fortsetzung des Kuschelkurses des Weltsports gegenüber Russland.