Kommentar: Papst Benedikt XVI. und die Aufklärung | Kommentare | DW | 02.11.2019
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Katholische Kirche

Kommentar: Papst Benedikt XVI. und die Aufklärung

Der Kinofilm "Verteidiger des Glaubens" zeigt das Papsttum am Ende seiner über Jahrhunderte verfestigten Form. Kritiker empören sich. Zu Unrecht, meint Christoph Strack.

Papst Benedikt am Grab von St. Augustinus (picture-alliance/dpa/S. Rellandini)

Papst Benedikt noch im Amt (April 2007)

Der deutsche Papst… Gut sechseinhalb Jahre nach seinem Rücktritt steht er in dieser Woche wieder im Blick der deutschen Öffentlichkeit. Und vorbei ist es vorerst mit seinem Leben in Zurückgezogenheit und Gebet. Die Debatte um sexuellen Missbrauch und Vertuschung zielt nun erneut auf Joseph Ratzinger, der nach seiner Wahl im Konklave 2005 den Namen Benedikt XVI. wählte. Den nun 92-jährigen gebürtigen Bayern, der mit 78 Jahren zum Kirchenoberhaupt gewählt wurde und zwei Monate vor seinem 86. Geburtstag seinen Rücktritt verkündete. 

Neuen Zündstoff bekommt diese Debatte durch den Film „Verteidiger des Glaubens“ von Regisseur Christoph Röhl. Es ist ein Blick auf den Lebensweg und auf die Bedeutung von Ratzinger in seinen 22 (!) Jahren als Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation, als Glaubenswächter der katholischen Kirche.

Ein sehr katholisches Leben

Deutlich wird: Der deutsche Papst war eben, durchaus erwartungsgemäß, ein Mann der Kirche seiner Zeit. Mit allen Seiten, auch den Schattenseiten. Verschiedene Vertreter im Bereich der Kirche bis hin zur Deutschen Bischofskonferenz und dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn äußern Kritik an dem Film. Aber sie gilt keinem einzigen Detail, keiner einzelnen Äußerung und das irritiert fast.

Deutsche Welle Strack Christoph Portrait (DW/B. Geilert)

DW-Redakteur Christoph Strack

Röhls Film zeigt ein sehr katholisches Leben und einen herausragenden Theologen des Systems, für dessen Lebenslauf die 1960er Jahre mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) kirchlicherseits und die Studentenproteste und gesellschaftlichen Veränderungen der "68er"-Zeit prägend blieben. Es ist fast provokant, wie ruhig und respektvoll der Regensburger Theologe Wolfgang Beinert (85), einst Mitarbeiter von Professor Ratzinger, lange dessen vertrauter Weggefährte und nun noch Zeitzeuge, im Film die Größe und Tragik dieses Lebens einordnet.

Die Bischöfe und ihr Volk

Dieser Dokumentarfilm ist wichtig und erhellend und - siehe die Reaktionen - mag wehtun. Vielleicht portraitiert Christoph Röhl weniger Joseph Ratzinger als ein System, das in seiner Erstarrtheit an ein Ende gekommen ist und in seiner Krise aufbrechen oder kollabieren muss. Zur gefährlichen Entwicklung der katholischen Kirche, die bald nach dem Konzil begann, gehört eine Dominanz sogenannter neuer geistlicher Bewegungen, die meist konservativ waren und sind, und ausgesprochen schnell in Rom Zuspruch erfuhren und protegiert wurden. Und oft finden sich so charismatische wie dominante Führungs- oder Führergestalten. Diese Bewertung soll nicht alle neueren Gruppierungen in der katholischen Kirche über einen Kamm scheren und keine Geringschätzung von lebendiger Frömmigkeit bedeuten. Aber es ist doch ein Muster, dass sich, wenn das gläubige Volk den Bischöfen nicht mehr folgt, Bischöfe gern auf ein sehr gläubiges und sehr gehorsames Völkchen setzen.

Vor allem auf das skandalöse Beispiel der "Legionäre Christi" geht der Film immer wieder ein. Die autoritär wirkende Bewegung entstand in Mexiko. Sie war geprägt von einem Geistlichen, der Kinderschänder war oder Abhängige missbrauchte und als Priester mit mehreren Frauen in mehreren Ländern Kinder zeugte. Heute würde man sagen: ein notorischer Sexualstraftäter. An wenigen Punkten wird der Film anklagend - hier wird er es: Der Vatikan, die Päpste hätten früh wissen können oder wussten, und bis ins hohe Alter hofierte Papst Johannes Paul II. diesen Mann, der der katholischen Kirche zu hunderten junge glaubensfreudige Priester lieferte. 

Plädoyer für Aufklärung

Der Film wird weiter zu einer Debatte über das Ende eines monarchisch anmutenden Papsttums mit höfischem Protokoll beitragen - hoffentlich. Gewiss, es ist mehr als 50 Jahre her, dass Päpste entschieden, sich nicht mehr in der Sänfte tragen zu lassen und auf die Tiara, die wuchtige Papstkrone, zu verzichten. In Zeiten von Papst Franziskus wirken diese Bilder wie aus der Zeit gefallen. Und auch die Zeiten von Papst Franziskus bleiben trotz seines persönlichen Auftretens noch voller Spannungen und doppeldeutiger Entwicklungen. Manchmal wirkt er wie ein Einzelgänger in einem vatikanischen System, das krank ist und sich zumeist noch selber kurieren will.

Mehr als Anklage ist der Film ein Plädoyer für schonungslose Aufklärung. Er fragt nach Akten, die nach wie vor im Vatikan liegen. Er fragt nach. Zu viele Antworten stehen aus.

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