Kommentar: Nichts ist vorbei! | Kommentare | DW | 11.11.2018
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Gedenken

Kommentar: Nichts ist vorbei!

Hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ist Europa voller Ängste. Wer geglaubt hatte, die Gefechte von Ypern und Verdun seien Vergangenheit, wird eines Besseren belehrt: Nichts ist vorbei, meint Barbara Wesel.

Es hätte ein Tag werden können, wo ein Teil unserer gemeinsamen Geschichte für immer in den Gedenkstätten und Museen hinterlegt worden wäre. Wo sich Staatenlenker die Hände schütteln in der Gewissheit, dass das Grauen des Ersten Weltkrieges hundert Jahre danach in der Erinnerung verblasst und zum Stoff der Historiker wird. Doch aus dem Martyrium von Blut, Dreck und Leid, in dem die Jugend  Europas auf den Schlachtfeldern von Ypern oder Verdun unterging, steigt plötzlich wieder eine Mahnung von schockierender Gegenwärtigkeit.

Macron versteht die Botschaft der Geschichte

"Die Geschichte droht manchmal ihren tragischen Lauf zu wiederholen, und das Erbe des Friedens zu zerstören, das wir glaubten mit dem Blut unserer Vorfahren besiegelt zu haben." Deutlicher könnte die Mahnung des französischen Präsidenten an die mehr als sechzig in Paris versammelten Staatenlenker nicht sein. Und Emmanuel Macron warnt vor den "alten Dämonen" und "neuen Ideologien", die erneut den Frieden bedrohten.

Scheinbar orientierungslos geworden, verfolgen die Demokratien Europas plötzlich einen unsicheren Kurs. In Ländern wie Polen, Italien oder Ungarn nutzen Populisten die Verunsicherung ihrer Bürger, um mit den Werkzeugen der Vergangenheit die gemeinsame Zukunft Europas zu zerstören. Diese Fratzen aus der Zeitenwende zum 20. Jahrhundert, sie sind wieder da.  

Da werden Minderheiten zu Sündenböcken gemacht für jegliches gesellschaftliche Übel. Man beobachte Matteo Salvini in Italien, der Migranten und Minderheiten verteufelt und in den sozialen Medien den Hassprediger gibt. In Polen vergiftet Jaroslaw Kaczynski die Beziehungen zu den europäischen Nachbarn und schafft einen autokratischen Nationalismus. Viktor Orban nutzt von Fremdenhass bis Antisemitismus jedes Mittel aus dem Handbuch des Faschismus, um seine korrupte Diktatur zu zementieren. Marine Le Pen will Frankreich in die nationale Isolierung treiben und Politiker wie Boris Johnson in Großbritannien mit Hilfe des Brexit das Empire wieder auferstehen lassen.

Zwischen unserem noch friedlichen Alltag in Europa und dem Abgrund, der sich hinter diesen politischen Bewegungen auftut, stehen nur noch eine Handvoll verantwortungsvoller Politiker und die Verträge der europäischen Union.

Nostalgie ist das Gift der Gegenwart

Viele Bürger in Europa haben eine diffuse Sehnsucht nach einer als besser empfundenen Vergangenheit. Sie verstehen die Anforderungen des technologischen Wandels nicht oder wenden sich davon ab. Sie fühlen sich überrollt, überfordert und allein gelassen. Und dann kommen die neuen politischen Rattenfänger und erzählen ihnen etwas vom trauten heimischen Kirchturm, der angeblich von zuwandernden Muslimen bedroht ist. Egal, wenn in diese Kirche seit Jahren kaum noch jemand gegangen ist. Oder sie stacheln den Neid auf die Nachbarn an und erklären sie zu Feinden des Vaterlandes, wie es gerade in Italien gegen Deutschland praktiziert wird  oder in Großbritannien gegenüber dem Rest Europas.

Barbara Wesel Studio Brüssel (DW/G. Matthes)

Barbara Wesel - Europa-Korrespondentin der DW

Alle Zutaten sind wieder da, um das giftige Gebräu aus Nationalismus, Ausgrenzung von Anderen, Gauben an die eigene Besonderheit, Hass auf Andersdenkende und Gewaltbereitschaft zu mischen, das zu der Völkerkatastrophe vor hundert Jahren geführt hatte. Man füge noch ein Maß an politischer Blindheit, Engstirnigkeit und Machtversessenheit hinzu, dann kann der Zündfunke wieder zum Flächenbrand führen.

"Wehret den Anfängen" will niemand hören

Der polnische EU-Politiker Donald Tusk forderte die europäischen Christdemokraten bei ihrem Treffen in Helsinki in einer flammenden Rede auf, für die Demokratie auf die Barrikaden zu gehen. Leider liegt ihnen nichts ferner als das, wie etwa der Blick nach Österreich zeigt. Der Ruf "wehret den Anfängen" ist längst ungehört verhallt. Da wird mitten in Europa die Unabhängigkeit der Justiz infrage gestellt, die Presse mundtot gemacht, die Zivilgesellschaft kaltgestellt – man schweigt und erinnert an das abendländische Erbe.

Ein paar Jahrzehnte lang haben wir in dem fröhlichen Glauben gelebt, unsere  Zukunft in Demokratie und Freiheit sei sicher. Man braucht nicht auf das widerwärtige Benehmen Donald Trumps bei der Gedenkfeier in Paris zu blicken, der es nicht für nötig hält, die amerikanischen Toten von damals zu ehren und an der Friedenskonferenz von heute teilzunehmen. Er glaubt weder an die Lehren der Vergangenheit noch an Multilateralismus. Europa kann die latente Bedrohung durch den US-Präsidenten aber nur überleben, wenn es Schulter an Schulter steht und über alle Kleinlichkeit hinweg die Gemeinsamkeit sucht.

Hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zeigt der Blick auf die Gegenwart die schockierende Erkenntnis: Die Vergangenheit ist nicht vergangen, sie ist nicht einmal vorbei. Nichts ist vorbei.

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