Kommentar: Der Krieg des Präsidenten gegen die Kirche | Kommentare | DW | 07.01.2020
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Staat und Kirche

Kommentar: Der Krieg des Präsidenten gegen die Kirche

Seit Jahrzehnten regiert Milo Djukanovic Montenegro wie seinen Privatbesitz. Doch jetzt, am orthodoxen Weihnachtsfest, gibt es Proteste gegen ihn. Der Präsident hat die Bodenhaftung verloren, meint Miodrag Soric.

Wer glaubt, ganz oben zu sein, hat nicht immer die Übersicht: Die Räucherkerzen, die einem die Anhänger anzünden, vernebeln einem den Blick auf die Wirklichkeit. Wie konnte Montenegros Präsident Milo Djukanovic so ein Fehler unterlaufen: ein Gesetz zu beschließen, das die Kirche zwingt, ihren Besitz offenzulegen, der orthodoxen Kirche im eigenen Land den Grundbesitz streitig machen, und das wenige Tage vor Weihnachten? Jetzt gehen täglich Zehntausende auf die Straße und klagen Djukanovic und seine Anbeter an. Nicht nur orthodoxe Christen innerhalb und außerhalb Montenegros protestieren; Katholiken und Muslime solidarisieren sich mit ihnen, nach dem Motto: "Was heute den orthodoxen Christen passiert, kann morgen auch uns widerfahren." 

Hat Djukanovic nach 30 Jahren an der Macht die Bodenhaftung verloren? Es scheint so. Der ehemalige Jungkommunist und Gefolgsmann des serbischen Präsidenten Milosevic hat alle Kriege und politischen Brüche auf dem Balkan überstanden. Ideologisch flexibel bis zur Beliebigkeit, schlug er sich stets rechtzeitig auf die Seite der jeweiligen Sieger; ein politischer Überlebenskünstler. Der Westen ließ ihm fast alles durchgehen: Korruption, die Gleichschaltung der Medien und Verfolgung oppositioneller Journalisten, Geldwäsche, Zigarettenschmuggel. Wichtig war ihnen vor allem die Gegnerschaft zu Belgrad und die NATO-Mitgliedschaft des Landes. Der Westen tröstete sich mit den Lippenbekenntnissen der Regierung in Podgorica:Schon bald würde alles besser werden.

Soric Miodrag Kommentarbild App

Miodrag Soric ist Chef-Korrespondent der DW

Nichts wird besser, so lange Djukanovic und sein Clan die Geschicke des Landes bestimmen - ob in der Politik, in der Wirtschaft, in den Medien oder im Tourismus. Djukanovic kontrolliert Montenegro nach Belieben - auch, weil die Opposition heillos zerstritten ist. Die einzige Stimme, die es wagt, Vetternwirtschaft und Korruption anzuprangern, ist die der Kirche, besonders jene des Metropoliten Ampfilohije, der schonungslos Missstände anspricht und keinerlei Angst zeigt - auch nicht, nachdem Djukanovics Schergen dessen Gehilfen und Vikar-Bischof Metodije krankenhausreif schlugen. Doch die Kirchenführung und die Demonstranten lassen sich nicht provozieren, bleiben friedlich.

Anvisierte EU-Mitgliedschaft ist erst einmal dahin

Inzwischen läuft die Uhr gegen Djukanovic. Solange er das Gesetz nicht rückgängig macht, werden die Unruhen anhalten - notfalls über Wochen und Monate. Die Regierung gibt zwar vor, die Liegenschaften der Kirche nicht für sich beschlagnahmen, sondern einer montenegrinisch-orthodoxen Religionsgemeinschaft übergeben zu wollen. Doch alle in Montenegro wissen: Das ist eine von Djukanovic geschaffene und kontrollierte Organisation, die keine andere Kirche oder Konfession anerkennt. Dieser Pseudo-Kirche Ländereien, auch entlang der Küste, Gotteshäuser und Gebäude zu vermachen - ein Schelm, der Übles dabei denkt.

Angesichts der Massenproteste reagiert Djukanovic ratlos. Die anvisierte EU-Mitgliedschaft im Jahr 2025 ist erst einmal dahin. Das Drängen der NATO, endlich für Ruhe in Montenegro zu sorgen, wächst. So oder so kann sich der Westen den bisherigen Gleichklang von staatlichen Interessen mit dem vom "Paten von Podgorica" kaum länger leisten. Der Präsident Montenegros mag einen vernebelten Blick auf die politische Realität haben. Der Westen darf es nicht.

Der Autor ist orthodoxer Christ und engagiert sich ehrenamtlich in der Kirche.