Kommentar: ″Migrationshintergrund″ darf nicht der sozialen Diagnose dienen | Europa | DW | 11.10.2013
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Europa

Kommentar: "Migrationshintergrund" darf nicht der sozialen Diagnose dienen

In der deutschen Öffentlichkeit überwiegt das Bild der Migranten als eine bildungsferne Gruppe, die die sozialen Systeme des Landes ernsthaft belastet. Es ist ein falsches Bild, meint Robert Schwartz.

Schwartz, Robert Multimediadirektion REGIONEN, MSOE - Rumänisch Foto DW/Per Henriksen 12.12.2012 DW3_0833.

Robert Schwartz, Leiter der Rumänischen Redaktion der DW

Erneut stehen in Deutschland Migranten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Diesmal geht es nicht nur um die Dauerthemen Armutsmigration und Ausländer-Kriminalität, sondern wieder einmal um das Bildungswesen.

Die Fakten: Deutschland steht im PISA-Ländervergleich der Erwachsenen irgendwo abgeschlagen im Mittelfeld. Schuld daran - man liest und hört es überall in den Medien - soll die Bildungsferne der sozial schwachen Schichten sein. Und - die Migranten. Pauschal. Einfach so.

Fassen wir also zusammen: Migranten tragen wesentlich zur Verblödung unserer Gesellschaft bei, Migranten plündern unsere Sozialsysteme, Migranten sind kriminell. Was mag da nur der deutsche Michel denken? "Ausländer zurück in ihre Heimat", wäre eine naheliegende Überlegung.

Eine Chance bekommen

Blicken wir auf die jüngere Geschichte der Bundesrepublik. Da gab es nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs einen Marshall-Plan, mit dem Westdeutschland systematisch aufgebaut wurde. Dann, nach der Wiedervereinigung von Ost und West, wurde der Solidaritätszuschlag für die Sanierung der Ex-DDR eingeführt - und bis heute, ein Vierteljahrhundert später, immer noch nicht abgeschafft.

Da wurde praktisch nach zwei Diktaturen - mit unterschiedlichen Vorzeichen - den Menschen und der Gesellschaft tatkräftig geholfen, im eigenen Land aus der sozialen und wirtschaftlichen Misere einen Ausweg zu finden. Das alles gab und gibt es in diesem Ausmaß nirgendwo auf der Welt. Und weil die Menschen - in West- und Ostdeutschland - eine Chance hatten, wurde Deutschland reich - und "sexy". Und Zielland für Zuwanderer.

Dennoch: auch im reichen Deutschland leben viele Menschen am Rande der Gesellschaft - Migranten und Nichtmigranten. Eng mit dieser sozialen Schieflage ist die Bildung verknüpft, egal ob Migrant oder nicht. Doch immer wieder die Migranten pauschal als bildungsschwach anzuführen ist… bildungsschwach.

Erfolgsgeschichten der Migranten

Dazu ein Beispiel aus der Praxis: Kinder werden in Deutschland bei der Einschulung nach ihrem "Migrationshintergrund" gefragt. Und dann wird das akribisch in einer Akte festgehalten. Auf die Frage der Eltern "warum?" folgt die lapidare Antwort: "Aus Gründen der Statistik!" Nicht die eventuell überdurchschnittliche Begabung eines Kindes, nein, der Migrationshintergrund stand bei der Einschulung im Vordergrund. Ich kenne mehrere solcher Fälle. Die Kinder gehören inzwischen zu den Klassenbesten, überspringen gar eine Klasse - doch erscheint dies in einer Statistik?

Es muss sich endlich etwas in der öffentlichen Meinungsbildung ändern. Nein, ich fordere kein Schönreden der oft katastrophalen Zustände, in denen auch Migranten hier leben. Aber ich würde mich freuen, wenn mein Nachbar Michel öfter von der einen oder anderen Erfolgsgeschichte hört, an der - man staune - auch Migranten beteiligt sind. Es würde sein Weltbild vielleicht ändern. Und er würde die "Schuld" nicht immer wieder bei den "zugereisten" Ausländern sehen, sondern auch bei sich.

Den Begriff "Migrationshintergrund" positiv besetzen

Das Land der Dichter und Denker muss umdenken in dieser globalisierten Welt: Auch Migranten bereichern die Gesellschaft, die Sozialsysteme - und tragen zum generellen Wohlstand bei. Andererseits: Den sozial Schwachen - ganz gleich ob Migrant oder nicht - muss geholfen werden. Dazu bedarf es klarer politischer Entscheidungen.

Es ist an der Zeit, den Begriff "Migrationshintergrund" positiv zu besetzen und nicht nur - politisch korrekt - zum Unwort des Jahres zu wählen. Aber seien wir ehrlich: Ist es denn in einer modernen, weltoffenen Gesellschaft überhaupt noch relevant, welchen Hintergrund wir haben? Ja, für die eigene Identität sicherlich. Aber darüber hinaus? Bei Einschulung oder Anstellung? Eher nicht!

Die wenigsten Menschen in Deutschland wissen, dass zur Kategorie der Migranten alle Personen zählen, die nach 1955 in das Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland zugewandert sind sowie deren Kinder und Kindeskinder, die hier geboren wurden.

Ein Unding, findet der Migrant, der diese Zeilen geschrieben hat.

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