Kommentar: Merkels mutiger Münchner Moment | Kommentare | DW | 17.02.2019
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Münchner Sicherheitskonferenz

Kommentar: Merkels mutiger Münchner Moment

Wer sammelt die Scherben der zerbrochenen Weltordnung auf? Auf diese Leitfrage der Münchner Sicherheitskonferenz gab Angela Merkel ihre Antwort. Aber sie sagte nicht die ganze Wahrheit, meint Christian F. Trippe.

Wie bei allen großen politischen Reden war es das Momentum, das zählte. Jene Melange aus Augenblick und Aufmerksamkeit, aus Publikum, passenden Worten und angemessener Tonlage. Vor der Münchner Sicherheitskonferenz hatte Angela Merkel ein solches Momentum. Wer ihre Rede nachliest, dem wird sich kaum erschließen, warum es stehende Ovationen gab, Applaus, wie er sonst nur Künstlern zuteil wird. 

Die Bundeskanzlerin sprach frei, ohne Manuskript - was sie selten tut - und sie sprach wie befreit. Sie beschwor eine Weltordnung, die akut bedroht ist von schleichendem Verfall und von Akten mutwilliger Zerstörung. Eine Weltordnung, die es vielleicht in dieser Form bald gar nicht mehr geben wird. In kühnem Schwung umrundete Angela Merkel den Globus, ging über Russland nach China, kam in den USA an, landete immer wieder in Deutschland, in Europa. Kein Politikfeld von Belang ließ sie aus - Handel, Sicherheit, Umwelt. 

Klartext für Freund und Feind

Nichts an Merkels Gedanken war neu, alles war so oder so ähnlich schon einmal gesagt, schon einmal aufgeschrieben worden. Ihre früheren Bekenntnisse zum Multilateralismus wirkten so, wie das Wort selbst - sperrig und unzugänglich.

Doch diesmal war da dieser Schwung, diese Unverblümtheit mit der Merkel die Dinge beim Namen nannte. Auf ihr Publikum wirkten ihre Worte wie eine Befreiung, zumal sie in so starkem Kontrast standen zur Rede von US-Vizepräsident Mike Pence. Merkel übte humorvoll Selbstkritik an den Unzulänglichkeiten deutscher Außenpolitik. Pence hingegen führte dem Publikum hölzern vor, was "Amerika First" in der Praxis bedeutet. Merkel warb leidenschaftlich für ihre Positionen. Pence steckte Botschaften durch, streckenweise im politischen Kommandoton.

Deutsche Welle Dr. Christian F. Trippe TV Berlin (DW/B. Geilert)

DW-Redakteur Christian F. Trippe

Auch im Kontrast dieser beiden Reden wurde klar, wie schlimm es derzeit um das Transatlantische bestellt ist. Doch während Merkel in München den Saal rockte und einen globalen Freudensturm auf Twitter auslöste, muckte die Provinz auf. Ostdeutsche CDU-Fürsten begannen mit einer kleinkarierten Diskussion, ob sie ihre Weltkanzlerin überhaupt im Landtagswahlkampf auftreten lassen wollen. Das Ansehen Merkels gilt östlich der Elbe als derart ramponiert, dass es die Wahlaussichten der CDU schmälern könnte. 

Die Nachfolgerin bereitet sich vor

Zuhause geschmäht, international gefeiert. Dieses Schicksal teilt Merkel mit vielen Nachkriegskanzlern: Der Gewinn an internationaler Statur und Achtung geht einher mit einem Verfall an Autorität in der Innenpolitik. Das kann man sich wie kommunizierende Röhren vorstellen. Ob Adenauer, Brandt, Schmidt oder Kohl - sie alle verloren schleichend den Rückhalt in ihren eigenen Reihen, manche wurden sogar von ihren eigenen Leuten aus dem Amt gedrängt, während ihr Ansehen auf der Weltbühne wuchs.

Den CDU-Parteivorsitz hat Angela Merkel bereits abgegeben, an ihre Wunschkandidatin Annegret Kramp-Karrenbauer. Die nutzte die Sicherheitskonferenz, um sich in den außenpolitischen Netzwerken vorzustellen. Ein Frühstück hier, eine diskrete Lunch-Runde dort. Hinzu kam ein erstes ausführliches Interview Kramp-Karrenbauers ausschließlich zu außenpolitischen Themen. Die Nachfolgerin läuft sich warm, nicht nur im Amt der Parteivorsitzenden. 

Wer sammelt die Scherben auf, wer setzt das Weltpuzzle neu zusammen? Angela Merkels Antwort in München war eindeutig: Wir alle sind dazu aufgerufen und müssen mit anpacken! Dabei verschwieg sie aber, dass sie selbst bald nicht mehr mitmachen wird. Ihr außenpolitisches Vermächtnis ist jedenfalls seit der Münchner Sicherheitskonferenz hinterlegt.

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