Kommentar: Mein ganz persönlicher Brexit-Horror | Kommentare | DW | 23.09.2018
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Brexit

Kommentar: Mein ganz persönlicher Brexit-Horror

Es ist ein extrem undankbarer Job, die bizarren Aussagen führender Brexit-Anhänger zu protokollieren. Aber Rob Mudge hat es gewagt, dem Wahnsinn der vergangenen zwei Jahre ins Auge zu schauen.

Zu Beginn sollte ich vielleicht bekennen, dass ich Brite bin - und zwar ein Brite, der genossen hat, was er für das Beste des britischen und deutschen Lebensstils hielt. Ich habe mit der Idee gespielt, meinen Ruhestand in einem malerischen, verschlafenen englischen Dorf zu genießen und mich in einem Pub mit den Einheimischen zu vergnügen.

Aber dann bin ich aufgewacht: und zwar in den frühen Morgenstunden des 24. Juni 2016. Ich war eigentlich fest davon ausgegangen, dass das Vabanquespiel von "Desperate Dave" (dem damaligen Premierminister David Cameron) irgendwie gut ausgehen würde: Das Vereinigte Königreich stimmt dafür, in der EU zu bleiben - so glaubte ich.

Wie man die heimische Wirtschaft ruiniert

Aber irgendwie lief es nicht so wie geplant - und seitdem lebe ich in einem katatonischen Schockzustand. Mein Haar, das früher nur einen zarten Grauton hatte (naja, so ganz stimmt das nicht), ist jetzt komplett weiß. Und angesichts der verwirrenden, widersprüchlichen, komischen oder einfach selbstgefälligen Aussagen einiger führender Brexit-Anhänger wächst meine Fassungslosigkeit Tag für Tag weiter - und zwar exponentiell.

Mudge Robert Kommentarbild App PROVISORISCH

DW-Redakteur Rob Mudge

Das glauben Sie nicht? Hier ein paar Kostproben:

Eine der Haupt-Übeltäter ist natürlich Premierministerin Theresa May. Als damalige Innenministerin sagte sie noch einen Monat vor dem Referendum: "Ich denke, die wirtschaftlichen Argumente sind klar. Ich denke, dass die Zugehörigkeit zu einer 500-Millionen-Handelszone für uns von Bedeutung ist. Ich denke, es ist eine Tatsache, dass viele Menschen hier im Vereinigten Königreich investieren, weil das Vereinigte Königreich Teil der EU ist. Wenn wir nicht in Europa wären, gäbe es meiner Meinung nach Firmen und Unternehmen, die sagen würden, wir müssen eher eine Präsenz auf dem europäischen Festland und nicht eine in Großbritannien aufbauen. Also denke ich, dass es für uns einen klaren wirtschaftlichen Nutzen gibt."

Wie wahnsinnig schlau von ihr! Um es ganz klar zu machen - hier ein paar Zahlen: Die EU ist der größte Handelspartner Großbritanniens. Im Jahr 2017 beliefen sich die britischen Ausfuhren in die EU auf 308 Milliarden Euro. Das sind 44 Prozent aller britischen Exporte. Die britischen Einfuhren aus der EU beliefen sich auf 382 Milliarden Pfund - oder 53 Prozent aller britischen Einfuhren.

Jetzt spulen wir May mal schnell vor bis 2018: "Wenn wir vom Zugang zum Binnenmarkt ausgeschlossen wären, stünde es uns frei, die Grundlage des britischen Wirtschaftsmodells zu ändern." Wie bitte? Ändern in was? Eine Grundlage, die nicht funktioniert? Eine, die Arbeitsplätze, Handel und Wachstum gefährdet?

Die eigenen Schäfchen schnell ins Trockene bringen

Ein Name, den Sie wahrscheinlich auch in der Brexit-Berichterstattung kennengelernt haben, ist Jacob Rees-Motz, Entschuldigung, Rees-Mogg. Der ist nicht nur Abgeordneter der Tories, sondern auch Partner der Fondsgesellschaft Somerset Capital. Die hat gerade einen neuen Fonds in Dublin eingerichtet, damit sie auch nach dem Brexit weiterhin Kunden aus der EU bedienen und damit die Taschen von Herrn Rees-Mogg füllen kann. Aber das ist in Ordnung, denn Rees-Mogg fand nun heraus, dass ein harter Brexit die britische Wirtschaft in den nächsten 15 Jahren um 1,1 Billionen Pfund ankurbeln wird! Wie das funktionieren soll, ist mir ein Rätsel, denn die meisten ernsthaften Ökonomen sagen einen Rückgang des britischen Sozialprodukts um sieben Prozent in diesem Zeitraum voraus. Ich halte Sie aber auf dem Laufenden!

Nicht zu übertreffen ist allerdings Boris "Ich weiß, wie Scheidungen laufen" Johnson. Der ehemalige Außenminister hat eine völlig neue Geschäftsstrategie entwickelt. Seinen so schlauen wie kurzen Plan verkündete er, als er auf die Bedenken von Airbus und BMW wegen der Bedrohung von Arbeitsplätzen und Investitionen angesprochen wurde. Der Plan lautet - O-Ton Johnson: "F**k Business" - Zitat Ende. Sein Nachfolger, Jeremy Hunt (der früher gegen den Brexit war), ist offensichtlich ein großer Fan dieses Plans und sagte, dass "Drohungen" der Wirtschaft "völlig unangemessen" seien. Der Mann hat recht. Ich meine, was hat sich die Wirtschaft dabei gedacht? Sicherlich ist das alles nur "erfunden" und "Angstmacherei"!

Die Wirtschaftsbosse sind doch Lügner und Panikmacher

Was mich zu einem gewissen Bernard Jenkin bringt. Auch er ein Brexit-Fan, auch er ein Tory. Anfang dieser Woche warnte der Chef des Jaguar-Land Rover-Konzerns, Ralf Speth, im Zusammenhang mit dem Brexit vor massiven Arbeitsplatzverlusten in der britischen Automobilindustrie. Das veranlasste Jenkin, ihn der "Lüge" und "Panikmache" zu beschuldigen. Nur ein paar Stunden später kündigte der Konzern an, dass man die Produktion kürzen und die Arbeiter bis Weihnachten nur noch drei Tage die Woche arbeiten lassen könne. (Glauben Sie mir, ich erfinde das nicht!) Aber es geht noch besser: "Ich wollte die EU eigentlich nie verlassen." Ja, Brexit-Jenkin hat das gesagt. In der BBC. Am Mittwoch.

Das "Department for Executing the European Union" (man beachte den absichtsvoll doppeldeutigen Namen!) wurde eingerichtet, um den reibungslosen Ausstieg aus der EU zu gewährleisten. Und die Dinge laufen richtig gut. Im zweiten Jahr ihres Bestehens verschleißt sie gerade den zweiten Staatssekretär. Eines der unauslöschlichsten Bilder, die ich von David Davis (dem ersten der beiden) habe, stammt von einem Treffen, das er zu Beginn seiner Amtszeit mit seinem EU-Kollegen Michel Barnier hatte. Die EU-Seite sieht mit dicken Papierstapeln gut vorbereitet aus, während Davis dort ohne Akten sitzt, als wollte er sagen: "Das wird ein Spaziergang werden." So was ähnliches hatte er nämlich schon im Oktober 2016 gesagt: "Es wird keinen Nachteil geben, nur einen erheblichen Vorteil." Ein Jahr später klang das aber etwas anders: "Niemand hat je behauptet, dass das einfach sein wird." Doch, Mister Davis - genau das haben Sie!

Brexit EU Minister (Getty Images/T.Charlier)

"Tut mir leid, ich habe vergessen, meine Unterlagen mitzubringen. Aber ich werde einfach was erfinden, während wir weitermachen - das kann ja nicht so schwer sein."

Okay, ich komme kurz auf die Vorteile zurück - oder das, was ein geleaktes Polizeidokument dazu zu sagen hat: Ein harter Brexit (also einer ohne Deal mit der EU) könnte dazu führen, dass die Polizei das Militär auffordert, bei Unruhen einzugreifen. Für den Fall, dass es aufgrund von Waren-, Lebensmittel- oder Medikamentenmangel auf den Straßen zu Chaos komme, sollten Notfallpläne erstellt werden. Das von der Polizeiführung erarbeitete Dokument warnt außerdem vor Warteschlangen in Häfen und "beispiellosen und überwältigenden" Störungen des Straßenverkehrs.

Nein, das ist kein Land in der Dritten Welt, von dem wir sprechen (naja, noch nicht).

Ich bin verwirrt.

Wie auch immer, ich schweife ab. Zurück zu der Abteilung, die keinen Umtrunk in einer Brauerei organisieren konnte. Davis' Nachfolger ist Dominic Raab, der von der Premierministerin praktisch ins Abseits gedrängt wurde, indem sie sagte, sie werde nun persönlich die Kontrolle über die Verhandlungen übernehmen. 

An dieser Stelle drängt sich die Frage auf: Wo ist eigentlich Nigel Farage - der frühere UKIP-Chef? Der sagte doch im Juni 2016, ein harter Brexit "wäre für dieses Land besser und billiger als das, was wir heute haben". Und jetzt, zwei Jahre später? Da sagt er: "Der Brexit ist kein Wundermittel" und es könnte Großbritannien danach durchaus schlechter gehen.

Das hier ist keine vollständige Liste. Aber sie erschöpft mich auch so schon. Ich hätte Lust, mich zu übergeben. Oder mich aus dem Fenster zu stürzen. Ich verabschiede mich deshalb mit einem Zitat von Handelsminister Liam Fox vom Juli 2017: "Das Freihandelsabkommen, das wir mit der Europäischen Union haben werden, sollte eines der einfachsten in der Geschichte der Menschheit sein". Im August 2018 klang er dann so: "Es gibt eine 40 bis 60-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass wir ohne einen Deal aus der EU fliegen und ich kann nicht versprechen, dass das Leben nach dem Brexit rosig sein wird".

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