Kommentar: Mehr als nur naiv | Winterspiele 2018 in Pyeongchang | DW | 22.02.2014
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Olympia

Kommentar: Mehr als nur naiv

Die des Dopings überführte Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle hat nicht nur sich selbst geschadet, sondern auch dem deutschen Sport, findet DW-Sportredakteur Stefan Nestler.

Stefan Nestler, DW Sport

Stefan Nestler, DW Sport

Kann man wirklich so naiv sein? Seit Jahren warnen die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA), die Dopinganalytiker und auch die Verbände vor Nahrungsergänzungsmitteln. Der Grund: Immer wieder sind die Mittel verunreinigt, es steckt also mehr drin als auf der Packung steht. Laut dem deutschen Chef de Mission, Michael Vesper, soll Evi Sachenbacher-Stehle fünf bis sieben solcher Präparate genommen haben, die sie angeblich von ihrem Mentaltrainer bezog. Wäre die Biathletin 18 Jahre alt und Neuling bei Olympischen Spielen, könnte man ihr vielleicht zugute halten, dass ihr womöglich die Erfahrung fehlte und sie den falschen Personen in ihrem Umfeld vertraute.

Gewusst, wie der Hase läuft

Doch Sachenbacher-Stehle ist 33 Jahre alt und mit allen Wintersport-Wassern gewaschen. Die Olympischen Spiele in Sotschi waren bereits ihre vierten. Die ersten drei hatte sie als Skilangläuferin bestritten. Mit zwei Olympiasiegen (2002 mit der Staffel und 2010 im Teamsprint) avancierte die stets gut gelaunte "Gold-Evi" einst zu Everybody's Darling. Vor zwei Jahren wechselte sie dann zu den Biathletinnen. Sie sollte wissen, wie der Wintersport-Hase läuft. Auch die Erfahrung bei den Spielen 2006 in Turin, als das Internationale Olympische Komitee (IOC) Sachenbacher-Stehle wegen erhöhter Blutwerte mit einer fünftägigen Schutzsperre belegte und damit für das Jagdrennen aus dem Verkehr zog, hätte sie doch eigentlich ausreichend sensibilisieren müssen.

Warum hat der Mentaltrainer die Mittel besorgt?

Nun spricht Sachenbacher-Stehle vom "schlimmsten Albtraum, den man sich vorstellen kann". Glaubt man ihr, dass sie nicht wissentlich gedopt hat, muss sich die Biathletin zumindest den Vorwurf gefallen lassen, sich selbst fahrlässig in diesen Albtraum hineinmanövriert zu haben. Indem sie Nahrungsergänzungsmittel nutzte, ging sie ein schwer bis kaum kalkulierbares Risiko ein. Von dort ist es nicht allzu weit bis zum bewussten Doping. Und eine Frage muss gestattet sein: Warum bezieht sie eigentlich Nahrungsergänzungsmittel von ihrem Mentaltrainer, der sich doch wohl nur um ihre Psyche zu kümmern hat?

Zu leicht gemacht

Die Verantwortlichen des deutschen Sotschi-Teams weisen alle Schuld von sich. Sachenbacher-Stehle habe sich die Mittel selbst besorgen lassen. Das wirkt fast schon wie ein Reflex im deutschen Sport: Wenn es einen Dopingfall gibt, sind es immer nur die Überführten, die schuldig sind. Damit machen es sich DOSB-Präsident Alfons Hörmann und Michael Vesper jedoch etwas zu leicht. Jeder überführte Dopingsünder fällt auf den gesamten deutschen Sport zurück. Und jeder neue Fall bestärkt diejenigen, die bezweifeln, dass der Sport das Dopingproblem alleine in den Griff bekommt.

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