Kommentar: Mehr als ein Fingerzeig | Deutschland | DW | 13.09.2013
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Deutschland

Kommentar: Mehr als ein Fingerzeig

Für Abwechslung in einem langweiligen Wahlkampf war immer nur einer verantwortlich: Peer Steinbrück. Als "Pannen-Peer" verspottet, setzt er nun noch einen drauf. Er zeigt den Mittelfinger. Volker Wagener kommentiert.

Darf er das? - Ja, er darf das, er musste aber nicht! Es gibt viele gute Gründe, sich über Steinbrücks Mittelfinger (die wohl internationalste aller vulgären Gesten) zu entrüsten. Als da wären: Kein gutes Beispiel für die Jugend (ja!), unverzeihliche Entgleisung eines Spitzenpolitikers (kann man so sehen), Beleidigung eines Medienvertreters (naja?!).

Jedenfalls ist die Empörung in den sozialen Netzwerken über die Provokation des Merkel-Herausforderers groß.

Volker Wagener. Deutschland/Chefredaktion REGIONEN, Planung. (Foto: DW/Per Henriksen)

Volker Wagener, DW-Deutschlandredaktion

Ist der noch zu retten?

Wahlkampf ist die hohe Zeit der Zuspitzung. Komplexes muss auf einfache Botschaften runtergebrochen werden. Wahlkampf ist auch die Hauptsaison der Medien. Die "Süddeutsche Zeitung", ein Leitmedium Deutschlands, hat nun die ultimative Verknappung eines politischen Interviews präsentiert. Sieben Fragen, sieben Gesten. Ohne Worte also. Als es um seine Pannenstatistik im Wahlkampf ging, reckte er den gestreckten Mittelfinger.

Ist der noch zu retten? Ja, ist er! Betrachtet man die Fotostrecke im Ganzen, wirkt sie eher sympathisch als rüpelhaft. Küsschen und Herzchen für Ehefrau Gertrud und die entblößte Brust als Beleg bei einer Stilfrage. Trägt er seine Hemden mit oder ohne Unterhemd (ohne)? Harmlos aber eindeutig, komödiantisch ja, vor allem aber gut geschauspielert. So ist er halt, der Peer.

Der Wähler, das unbekannte Wesen

Wäre dieses "Interview ohne Worte" auch mit der Bundeskanzlerin möglich gewesen? Bestimmt nicht! Sieben Mal die Merkel-Raute (Daumen- und Zeigefingerspitzen stoßen aufeinander) auf grundverschiedene Fragen, will das jemand sehen? Eine Mehrheit der Bevölkerung findet diese Bescheidenheit an Emotionen, Gestik und Mimik bislang beruhigend. Mit diesen Charaktereigenschaften der totalen Selbstkontrolle hat die Kanzlerin schon zwei Legislaturperioden ihre Partei beherrscht und der Krise getrotzt.

Steinbrück ist das Gegenmodell zur Kanzlerin. Sein Fingerzeig ist sozusagen das Symbol dafür. Es bringt ihm aus dem bürgerlichen Lager an der Wahlurne am Sonntag (22.09.2013) keine einzige zusätzliche Stimme. Vielleicht aber bei allen anderen, eventuell auch bei den stetig wachsenden Nichtwählern. Immerhin will ein Drittel der Wahlberechtigten erst kurz vor Toresschluss entscheiden ob, und wenn ja, für wen sie votieren wollen. Steinbrück könnte davon profitieren, in dem er Stimmen von "Rebellen" erhält, die seine Provokation als lockere Unangepasstheit werten. Wohlgemerkt: Sie halten ihn nicht für einen prima Kanzlerkandidaten. Aber mit all seinen Ecken und Kanten für einen guten Gegenpol gegenüber der kontrollierten Kanzlerin Merkel.

Finger trifft Raute

Steinbrück selbst setzt auf den Humor der Wähler. Die werden seine Schauspielerei schon verstehen, glaubt er. Aber mal davon abgesehen gibt es ja tatsächlich Wichtigeres, über das sich politisch streiten ließe. In Syrien droht ein Militäreinsatz, der Euro muss gerettet und die EU zusammen gehalten werden. Im Wahlkampf spielt das alles kaum eine Rolle. Was für ein Armutszeugnis. Dazu passt, dass innerhalb weniger Tage zwei schnöde Handhaltungen zu Duftmarken und Aufregern des finalen Wahlkampfes werden: Merkels Handraute und Steinbrücks linker Mittelfinger. Es muss schon ziemlich langweilig sein in Deutschland in Zeiten wie diesen.

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