Kommentar: Mays vergiftetes Brexit-Vermächtnis | Kommentare | DW | 07.06.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Brexit

Kommentar: Mays vergiftetes Brexit-Vermächtnis

Ihre vergossenen Tränen helfen auch nichts mehr. Die britische Premierministerin ist völlig ungelenk durch den Brexit-Prozess gestolpert und hat ihr Land nun in einer Art Schockstarre zurückgelassen, meint Robert Mudge.

Endlich kann der "Maybot" in seine noch ungewisse Zukunft tanzen. (Anm. d. Redaktion: Den Namen brachte der britischen Premierministerin Theresa May ihr roboterartiger Tanz mit Schülern in Südafrika ein.) Die Zukunft ihres Landes, das sie zu lieben behauptet, ist noch verworrener, wenn nicht gar finsterer denn je dank ihrer konfusen, spalterischen und doppelzüngigen Brexit-Strategie.

Es war nicht nur ihre wahnwitzige Vorstellung, dass sie tatsächlich genau das umsetzen könnte, was "das Beste für ihr Land" ist. Es war auch die Art und Weise, wie sie das Land in Brüssel und im britischen Unterhaus verraten hat. Vielleicht täuscht der Eindruck, aber die öffentliche Person May, die immer kalt und steif und wie das Kaninchen vor der Schlange aussah, hat sich nicht wirklich beliebt gemacht in einem Land, das immer stärker auseinanderdriftet.

Ich zum Beispiel habe wenig Vertrauen in eine Person, deren "Jugendsünde" nach eigener Aussage darin bestand, verbotenerweise durch Weizenfelder gerannt zu sein. 

Das Schicksal der folgenden Generationen bestimmt 

Deutsche Welle Robert Mudge (DW)

DW-Redakteur Robert Mudge

May hat mit einem Schlag nicht nur ihr eigenes Schicksal besiegelt. Mit dem Satz "Kein Deal ist besser als ein schlechter Deal" hat sie auch das der folgenden Generationen bestimmt. Im besten Falle zeugt dieses Verhalten von einer völligen Verantwortungslosigkeit. Im schlimmsten Fall von einer Premierministerin, die ihre Macht für die Umsetzung dieser völligen Fehleinschätzung ausgenutzt hat. Das ist unverzeihlich.

Als Brite, der in Deutschland lebt, wache ich Gott sei Dank nicht jeden Tag mit dem Gefühl auf, in einem Land zu leben, mit dem es nur noch bergab geht. Im vergangenen Oktober war ich in London beim ersten "People's Vote March" dabei. (Anm. d. Redaktion: Dabei handelt es sich um eine Kampagnen-Gruppe, die für ein zweites Brexit-Referendum kämpft.) Ich habe die Wut und Verzweiflung der Menschen erlebt, aber auch die Entschlossenheit Hunderttausender, auf friedlichem Wege ihres und mein Land davor zu bewahren, in einem schwarzen Loch zu verschwinden.

May und Corbyn ignorieren Wunsch der Bevölkerung

May und nicht zuletzt Labour-Parteichef Jeremy Corbyn, der ihr in seiner Unbeholfenheit in nichts nachsteht, haben sich dazu entschieden, den Wunsch der Briten zu ignorieren. Er passt nicht zu ihrer Version des Wunsches der Briten: jener von 2016, als eine Mehrheit für den Brexit gestimmt hat. In den vergangenen drei Jahren hat sich die Meinung und Stimmung in der Bevölkerung erkennbar verändert - vor allem aufgrund von Theresa Mays katastrophalem Umgang mit dem Brexit. Hätten sie heute eine Wahl, würden sich viele Brexit-Befürworter von damals für einen Verbleib in der EU aussprechen.

Sie sei stolz darauf, ihrem Land gedient zu haben, sagte May in ihrer Rücktrittsankündigung. Ich bin mir nicht sicher, von welchem Dienst sie gesprochen hat. Der Bärendienst, den sie Großbritannien erwiesen hat, bestand darin, das Land garstiger und polarisierter denn je zu machen. Ein Land, das inzwischen fast unregierbar geworden ist. 

Verdienste an einem ruinierten Land

Nun, da sie ein bisschen Zeit hat, wird May vielleicht an ihren Vorgänger David Cameron herantreten. Es war sein Chaos, das sie damals geerbt hat und das sie sogar noch auf die nächsthöhere Ebene der Inkompetenz befördert hat. Vielleicht will May nun mit ihm in der Abgeschiedenheit seines Gartenhäuschens darüber sprechen, wie man sich darin verdient macht, ein Land in den Ruin zu treiben.

Nicht, dass sie oder Cameron etwas ernten würden, von dem, was sie gesät haben. Mays Platz in den Geschichtsbüchern ist schon jetzt gesichert: Als einer der schlechtesten britischen Premierminister aller Zeiten - und das hat viel zu bedeuten, wenn man an die Bilanzen einiger ihrer Vorgänger denkt. Nun muss der nächste Premierminister auch noch versuchen, ein Land zu retten, das in die dunkelsten Abgründe geführt wurde - oder er führt es noch weiter ins Elend.

Nach meinen anfänglichen Überlegungen zur Dancing Queen May, will ich nun noch etwas Sand ins Getriebe streuen: Während ich diese Zeilen schreibe, muss ich gestehen, dass ich gerne laut schreien würde: "Alles vergeben und vergessen, May. Bitte komm zurück!" Das liegt aber vor allem daran, dass ich gerade die Liste ihrer potenziellen Nachfolger durchgehe. Sie haben recht: Das sollte man lieber lassen.

Die Redaktion empfiehlt