Kommentar: Leise Helden mit politischer Kraft | Kommentare | DW | 23.06.2019
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Evangelischer Kirchentag

Kommentar: Leise Helden mit politischer Kraft

Der Evangelische Kirchentag in Dortmund zeigte politische Seiten der Kirche. Beim Thema Klimaschutz sollten sich die Christen stärker einmischen, meint DW-Redakteur Christoph Strack.

Ein großes Christentreffen in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung: Der Deutsche Evangelische Kirchentag in Dortmund bot in gut vier Tagen um die 2400 Veranstaltungen. Da ist das Programm nicht nur bunt und vielfältig, es bietet neben kirchlichen Kernthemen auch Abseitiges. Bemängelt wurde darum, das sei unübersichtlich, lächerlich, zu säkular, zu politisch oder auch zu unpolitisch.

Doch oft scheint die Kritik um so lauter, je weiter die Kritiker - innerlich oder äußerlich - vom Kirchentag entfernt sind. Sie übersieht, dass Kirchentage gewiss immer ein Kernthema haben und einen geistlichen roten Faden, dass sie aber schon seit Jahrzehnten stets auch eine Ausstellung sind, ein Volksfest, ein Jahrmarkt.

"Was für ein Vertrauen" lautete das Motto des Kirchentages. Das Bibelwort wurde in diesen Tagen debattiert, gefeiert, gelebt. Aus dem Vertrauen erwächst Kraft zur solidarischen Hilfe, zum Miteinander, zur Einmischung, zum Protest gegen Unrecht und Ausgrenzung, zum (wie es gerne heißt) zivilgesellschaftlichen Engagement. Vertrauen scheint in einem der wohlhabendsten Länder der Welt, einer stabilen Demokratie, ein arg knappes Gut. Da passten das Motto und die Übersetzung in aktuelle Themen.

Dabei dominierten die Klimafrage, die Hilfe für Flüchtlinge im Mittelmeer, das Engagement gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit.

Vorbilder für Mut und Entschlossenheit

Die großen Podien des Kirchentages können Resolutionen beschließen. Das sind Eingaben, die die Leitung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei konkreten Themen zum Handeln auffordern. In Dortmund gab es mehr solcher Resolutionen als bei vergangenen Kirchentagen. Wenn es danach geht, wird die EKD demnächst ein eigenes Schiff zur Rettung von Flüchtlingen ins Mittelmeer schicken. Und in den Fragen von Klimaschutz und Nachhaltigkeit soll die (seit langem aktive) evangelische Kirche noch deutlich engagierter auftreten.

Deutsche Welle Strack Christoph Portrait (DW/B. Geilert)

DW-Redakteur Christoph Strack

Der Kirchentag hatte Helden. Nein, das meint nicht Politiker, nicht die Protestantin Margot Käßmann oder den Katholiken Anselm Grün - beide Geistliche mit Ausstrahlung - oder Deutschlands bekanntesten Mediziner Eckart von Hirschhausen. Sie alle waren hier wichtig.

Aber es gab Akteure, deren Mut und Entschlossenheit so gefeiert wurde, dass es sie selbst fast sprachlos werden ließ. Der kongolesische Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege beispielsweise, der als Mediziner entsetzlich leidenden vergewaltigten Frauen hilft. Die ehemalige Präsidentin Liberias, Ellen Johnson Sirleaf, gleichfalls Friedensnobelpreisträgerin. Oder der Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando, der die Stadt der Mafia entriss und nun Menschlichkeit für Flüchtlinge will. Und das Crew-Mitglied der "Seawatch 3". Sie alle stehen für etwas. Sie pflegen nicht die übliche Kirchen- oder Politiksprache.

Appell an Glaubwürdigkeit und Handeln

Und zu Helden wurden die jungen Leute von "Fridays for Future". Im Programmheft des Kirchentages waren sie zumeist nur namenlos angekündigt. Aber wenn sie für einige Worte auf Podien zum Thema Umwelt und Klima kamen, änderte sich prompt die Stimmung. "Ich heiße Merle, ich bin 17 Jahre alt und komme aus Dortmund. Und jeden Freitag schwänze ich die Schule." Da standen tausende auf und applaudierten im Stehen. Es waren stets wenige Worte. Sachlich, ohne Polemik. Aber wenn die 17-Jährige dann erzählte, dass sie kein Vertrauen in Regierungsparteien habe, die seit Jahren oder Jahrzehnten trotz Ankündigungen oder Beschlüsse zum Klimaschutz nicht handele, dann sagt das mehr aus über die Politik als über eine angeblich panische oder moralisierende Jugend. Es geht um Glaubwürdigkeit. Und es geht um überfälliges Handeln.

Wissenschaftler und ältere Umwelt-Aktivisten appellierten an die Akteure von "Fridays for Future" und die vielen, die ihnen applaudierten, nun langen Atem zu zeigen. Sie sollten den Willen zum Bewusstseinswandel, zur Bewahrung der Schöpfung, in ihre Kirchengemeinden und Nachbarschaften tragen, an ihren Arbeitsplatz, in Gewerkschaften oder Parteien.

Die Christinnen und Christen in Deutschland, immer noch die größte zivilgesellschaftlich engagierte Gruppe in Deutschland, stehen in der Pflicht. Sie sind natürliche Verbündete beim Klimaschutz und bei der Bewahrung der Schöpfung.

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