Kommentar: Kundus - Hier verlor die Bundeswehr ihre Unschuld | Asien | DW | 06.10.2013
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Asien

Kommentar: Kundus - Hier verlor die Bundeswehr ihre Unschuld

Der Bundeswehreinsatz in Afghanistan begann voller Hoffnung. Die Deutschen kamen als Freunde und Helfer. Doch unter dem Druck der Taliban verblasste das Bild als Friedensarmee, meint Florian Weigand.

Florian Weigand, Leiter der Abteilung Dari/Pashtu bei der Deutschen Welle (Foto: DW/P. Henriksen

Florian Weigand, Leiter der Abteilung Dari/Pashtu bei der Deutschen Welle

Wer die Medien nach dem Schlagwort "Kundus" durchforstet, stößt immer auf die gleichen Treffer: Angriff auf zwei Tanklaster mit 100 Toten, Gefechte mit den Taliban, 54 getötete Bundeswehrsoldaten, schwieriges, wenn nicht gescheitertes "Partnering" mit den afghanischen Sicherheitskräften. "Hier wandelte sich der Einsatz vom Brunnenbohren zum Kampfeinsatz", sagt Verteidigungsminister de Maizière. Man kann es auch drastischer formulieren: Im Norden Afghanistans hat die Bundeswehr als Friedensarmee ihre Unschuld verloren.

Dabei fing alles so hoffnungsvoll an, als im Herbst 2003 das erste Vorauskommando in Kundus ankam - rasch wurden mitten in der Stadt ein paar Grundstücke angekauft, das Areal provisorisch mit einer Mauer und ein paar Rollen Stacheldraht geschützt. Den Wachdienst übernahmen afghanische Sicherheitskräfte, schnell angeworben in der Bevölkerung. Mehr war nicht nötig und auch nicht gewollt: Die deutschen Soldaten kamen als Freunde, Befreier und Aufbauhelfer. So sahen sich die Soldaten selbst und so wurden sie auch von der afghanischen Bevölkerung wahrgenommen. Die Lage war so ruhig, dass bald schon von "Bad Kundus" die Rede war.

Als ab 2006 der Druck auf die Taliban im Süden des Landes zunahm, suchten und fanden die Aufständischen Rückzugsräume im bislang ruhigen Norden. Mittlerweile war die Bundeswehr in ein neues Feldlager umgezogen, ein abweisendes Fort, das auf einem Hügel über der Stadt errichtet wurde. Aus gutem Grund, denn "Bad Kundus" war bald Geschichte: Immer wieder wurden Konvois der Bundeswehr angegriffen und in Gefechte verwickelt. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg sprach man wieder offiziell von gefallenen Soldaten, zum ersten Mal seit 1945 traten deutsche Truppen aus eigener Initiative zum Angriff an. Mit desaströsen Folgen: bei der präventiv befohlenen Bombardierung zweier Tanklaster im Jahr 2009 ließen viele afghanische Zivilisten ihr Leben.

Das waren Bilder, die zuhause in Deutschland nicht gut ankamen. Der Kundus-Einsatz wurde zum Dreh- und Angelpunkt, ja gerade zum Symbol einer emotionalen Debatte über die Sinn- und Statthaftigkeit von bewaffneten Interventionen Deutschlands im Ausland.

Ganz in Vergessenheit geraten sind dabei die unbestreitbaren Erfolge in den zehn Jahren deutscher Präsenz in Kundus und Umgebung: Straßen und Schulen wurden gebaut, Gesundheitszentren, Lehrerausbildungsstätten mit bis zu 1600 Studenten, eine Fabrik für Tomantenkonserven. Polizisten wurden ausgebildet und Handwerker – hunderte von kleineren und größeren Projekten haben zivile Entwicklungshelfer zusammen oder getrennt von der Bundeswehr, aber immer im Schatten des Feldlagers umgesetzt. Das Camp selbst wurde zu einem wesentlichen Wirtschaftsfaktor in der Stadt.

Diese Aufbauleistungen sind nun gefährdet. Nur besonders standhafte Optimisten werden davon ausgehen, dass die afghanischen Sicherheitskräfte problemlos für Ruhe und Ordnung sorgen können. Die deutsche staatliche Entwicklungshilfe-Organisation GIZ hat zwar angekündigt, auch nach dem Abzug weiter aktiv zu bleiben. Sie wird sich aber mit den neuen Machtverhältnissen arrangieren müssen, egal wie diese in der Zukunft aussehen. Denn die Taliban werden immer stärker und haben bereits einige Distrikte um die Provinzhauptstadt Kundus unter ihrer Kontrolle. Denn auch für die Gotteskrieger ist Kundus ein Ort mit großer Symbolkraft. Bis zur US-geführten Intervention nach 9/11 war Kundus die Hochburg der Taliban im Norden. Wenn sie dort nach dem Bundeswehrabzug wieder das Sagen haben, dann ist das ein starkes Signal für Afghanistan, das den Extremisten weiter Auftrieb gibt.