Kommentar: Konservativer Klerus bremst, Gläubige geben Gas | Kommentare | DW | 01.02.2020
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Katholische Kirche

Kommentar: Konservativer Klerus bremst, Gläubige geben Gas

Deutschlands Katholiken wollen nicht mehr warten. Sie verlangen Reformen. Und Gläubige weltweit hoffen, dass im Land Luthers der Durchbruch gelingt. Der Synodale Weg ist eine Zerreißprobe, meint Christoph Strack.

Schafft die katholische Kirche den Weg aus dem 19. Jahrhundert in die Moderne? Gut zehn Jahre nach Beginn der Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs hat sich die katholische Kirche in Deutschland auf den sogenannten Synodalen Weg gemacht. Eine Versammlung der Gläubigen, Männer und Frauen, Priester und Laien, die es in dieser Form noch nicht gab.

Beim Auftakt ging es um Macht und Machtmissbrauch, das Priesterbild der Zukunft, die Rolle der Frau, um Kirche, Liebe und Sexualität, aber zu wenig um die Perspektive der Opfer von Missbrauch, der Opfer des Systems Kirche. Diese Themen werden den Synodalen Weg bestimmen. Und klar ist: Damit steht auch die Frage nach einer Lockerung der Zölibatspflicht für Deutschland und einer Aufwertung von Frauen in der Kirche zur Debatte.

Tagen bei den Protestanten

Eigentlich sollte die Synodale Versammlung im Frankfurter Kaiserdom, der katholischen Hauptkirche der Stadt, tagen. Aber auch wegen der Bauarbeiten zogen die Delegierten um in das ehemalige Dominikanerkloster, ein Haus der evangelischen Kirche. Als ob dies nicht schon symbolträchtig genug wäre, stand auf dem Weg vom Hotel zum Tagungsort auch noch eine Schrifttafel, die an den mehrfachen Aufenthalt des Reformators Martin Luther im April 1521 erinnerte.

Trotz der evangelischen Bezüge war es eine selbstbewusst katholische Veranstaltung mit einer Offenheit, die man in solchem Rahmen selten erlebte. Die 217 anwesenden Teilnehmenden des Synodalen Weges gaben durch die Bank beeindruckende Zeugnisse ihres Glaubens, Hoffens und Zweifelns. Das gilt für ältere Ordensleute wie für die (zu wenigen) jüngeren Vertreter, für Laien wie für die anwesenden Priester.

Deutsche Welle Strack Christoph Portrait (DW/B. Geilert)

DW-Redakteur Christoph Strack

"Hofiert und verheizt"

"Vor der Weihe werden wir hofiert, danach werden wir verheizt", fasste jemand deren Gemütslage zusammen. Sie alle sprachen in freier und persönlicher Rede. Dagegen wirkte es fast wie eine Karikatur, wie eine kleine Minderheit der anwesenden Bischöfe, angeführt vom Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, in der sogenannten Aussprache immer wieder Blätter mit ausformulierten Texten hervorzog und verlas. Mit einem "Ende der Debatte"-Duktus.

So präsentierte sich in Frankfurt eine gläubige, vielfältige und zugleich zerrissene Versammlung des deutschen Katholizismus. Kardinal Marx sprach zum Abschluss von einem "großartigen Querschnitt" der katholischen Kirche in Deutschland. Kardinal Woelki hingegen verglich im Kölner "Domradio" die Versammlung mit einem "evangelischen Kirchenparlament". Vielleicht sind beide Worte einfach nur ein weiterer Beleg dafür, wie sehr die Krise der katholischen Kirche doch eine Krise seiner Amtsträger ist.

Vorreiter Deutschland?

Die Wut des in Frankfurt noch lesefähigen, aber kaum mehr dialogfähigen "schwarzen Blocks" um Woelki mag auch mit der Relevanz des Synodalen Wegs zusammenhängen. Die Initiative bleibt ein kirchliches Experiment. Sie ist keine offizielle Synode, aber mit ihrer Satzung und ihrer Repräsentanz eben auch keine Murmelgruppe im Stuhlkreis.

Die katholische Kirche in Deutschland, wegen ihrer Theologie und ihrer Rolle gegenüber Rom international geschätzt, steht mit dem Synodalen Weg international im Blickpunkt. Offizielle Beobachter aus diversen Ländern verfolgten die Debatten in Frankfurt, auch medial reicht das Interesse weit über Deutschland hinaus.

Im Dezember beklagte Papst Franziskus, die katholische Kirche hinke 200 Jahre hinter der Lebenswirklichkeit hinterher. Die deutschen Katholikinnen und Katholiken haben sich nun, erschüttert und verunsichert vom Skandal sexuellen Missbrauchs, daran gemacht, daran etwas zu ändern. Es wird zu Spannungen führen. Aber nach dem Frankfurter Auftakt darf man doch gespannt sein.

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