Kommentar: Immer diese Sachsen! | Kommentare | DW | 31.08.2018
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Ausschreitungen in Chemnitz

Kommentar: Immer diese Sachsen!

Warum eigentlich stets in Sachsen? Schon allein diese Frage, gestellt nach den Vorfällen von Chemnitz, zeigt das Problem: Vielen fehlt völlig das Verständnis für die Menschen in Ostdeutschland, meint Henrik Böhme.

Fangen wir mal einfach an. Mit Fußball. Was war das für eine Aufregung im Land des entthronten Weltmeisters, als eine Mannschaft namens RasenBallsport Leipzig es innerhalb von ein paar Jahren schaffte, aus der fünften Liga in die Bundesliga aufzusteigen. Welch ein Aufschrei: Ein Ostverein! Ein Kunstprodukt! Mit Brause-Millionen! So schallte es aus München, Dortmund und anderswo. Und von den Traditionalisten sowieso. Hohn und Hass mussten die Leipziger ertragen. Sie antworteten auf ihre Weise und wurden gleich in der ersten Saison Vizemeister. Übrigens: Der erste deutsche Fußballmeister im Jahr 1903 war der VfB Leipzig. Gründungsort des Deutschen Fußballbundes ist übrigens: Leipzig.   

Noch so ein Beispiel: eine neue Brücke in Dresden, Sachsens Landeshauptstadt. Sie verschandele das wunderbare Elbtal - so schimpften nicht etwa die Dresdner, sondern die UNESCO. Und drohte mit der Aberkennung des Weltkulturerbe-Titels. Die Brücke kam, der Titel war weg. Wen juckt's? Die Dresdner jedenfalls nicht. So ticken sie, die Sachsen. 

Eine Geschichte mit vielen Nackenschlägen

Wer die Sachsen verstehen will, der muss zumindest ein wenig von ihrer Geschichte kennen. Von August dem Starken (Artikelbild), dem König der Sachsen im späten 17. Jahrhundert. Das von ihm vermittelte Selbstbewusstsein, besser zu sein als die anderen, davon zehren die Sachsen bis heute. Das half durch schwere Zeiten: Vor 200 Jahren bei der schändlichen Niederlage gegen die Preußen, und später, als man in Kriegen verlässlich auf der falschen Seite stand: Sogar in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813, als Napoleons Heer geschlagen wurde, standen die Sachsen auf der Seite: Napoleons. Eine Heimniederlage sozusagen. Und so ging das weiter. Das prägt.

Deutschland DKW Super Sport 600 (imago/S. Geisler)

Nirgendwo wurden zwischen 1929 und 1989 mehr Motorräder gebaut als im sächsischen Zschopau

Vor allem aber macht es etwas mit den Menschen: Es schweißt sie zusammen, es treibt sie an. Es den anderen mal zu zeigen. Der Erfindungsreichtum der Sachsen ist legendär genau wie ihr Fleiß. Der deutsche Ingenieur - er wurde sozusagen in Sachsen geboren. Die Technische Universität in Chemnitz genießt bis heute einen Weltruf in Sachen Maschinenbau. Kein Wunder, dass Sachsen bis zum Zweiten Weltkrieg die stärkste Industrieregion Deutschlands war. Sachsen ist neben Baden-Württemberg die Wiege der deutschen Automobilindustrie. Textilindustrie, Maschinenbau, Elektrotechnik - Sachsen war, würde man heute sagen: ein Top-Standort.

Die friedliche Revolution: Ein Werk der Sachsen

Mit besonderen Menschen. Denn die Sachsen sind ein besonderes Volk. Von ihren deutschen Landsleuten wegen ihres Dialektes im besten Fall müde belächelt, im schlimmsten Fall heißt es: Wer so redet, kann doch nicht klar im Kopf sein! Diese Art von Verachtung ist es, die die Sachsen auch verbittert macht. Aber sie reagieren auf ihre Art: Sie lassen sich den Mund nicht verbieten, sie sagen gerade heraus, was ihnen nicht passt. Sie rufen: "Wir sind das Volk!" und "Keine Gewalt!"

Jener Herbst 1989, der eine Mauer zu Fall brachte und ein Regime hinwegfegte: Ihren Ausgangspunkt hatte die friedliche Revolution nicht in Berlin, Brandenburg oder Mecklenburg, sondern in Sachsen. In Leipzig, Plauen und Dresden gingen die Menschen auf die Straße - nicht in Berlin, Schwerin oder Potsdam. Deutschlands Einheit ist das Ergebnis sächsischen Mutes.

Deutschland - Nikolaikirche Gedenksäule (picture-alliance/dpa/W. Grubitzsch)

Vor die Nikolaikirche in Leipzig begannen die Massenproteste gegen das DDR-Regime - die Säule erinnert daran

Doch diese Wiedervereinigung, die verbunden war mit so vielen Hoffnungen, sie ist heute auch eine der Ursachen für das, was Menschen in Chemnitz und anderswo in Sachsen wieder auf die Straße treibt.

Man fühlt sich - wie früher schon von den Bonzen in Berlin - gegängelt. Von Westdeutschen, die in Behörden und Verwaltungen das Sagen haben. Von einem "Tsunami der Überheblichkeit", der seit 1989 über sein Land gekommen sei, spricht der sächsische CDU-Abgeordnete Arnold Vaatz, einst einer der Frontmänner der friedlichen Revolution. Die Wirtschaft Sachsens, oder besser das, was nach Weltkrieg und 40 Jahren DDR-Planwirtschaft davon übrig war, wurde gänzlich platt gemacht. In den ersten Jahren nach der Wende verschwanden geschätzt 80 Prozent (!) der Industriearbeitsplätze. Da wurde mit Sicherheit auch Konkurrenz ausgeschaltet. So was bleibt hängen.

Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitermachen

Aber auch hier: Die Sachsen gaben nicht auf. Heute gibt es im Freistaat wieder Autofabriken, Milliarden werden in Chipfabriken investiert, es gibt wieder Maschinenbau, es gibt tolle Universitäten und wunderschöne Altstädte. Sachsen boomt, die Arbeitslosenquote ist niedriger als die in Nordrhein-Westfalen. Und trotzdem gehen die Menschen auf die Straße? Gehen rechten Rattenfängern auf den Leim? Haben Hass auf Fremde?

Boehme Henrik Kommentarbild App

DW-Redakteur Henrik Böhme ist geboren und aufgewachsen in Leipzig (Sachsen)

Hier helfen nun keine einfachen Erklärungen mehr. Denn an dieser Stelle kommt vieles zusammen. Das fängt an mit den Arbeitsmarktreformen des Jahres 2002 (Hartz IV). Damals gab es in Ostdeutschland erstmals seit der Wende wieder Montagsdemos. Schon damals wurde, besonders in Sachsen, ein Vertrauensverlust in die Politik sichtbar. Denn auch im Boomland Sachsen gibt es eine große Schicht sozial Abgehängter. Viele dort haben das Gefühl, für immer Deutsche zweiter Klasse zu bleiben. Noch immer liegen Renten und Einkommen im Osten unter denen im Westen. Das empfinden viele als respektlos gegenüber ihrer Lebensleistung - vor allem viele Ältere, deren Lebensverhältnisse in den vergangenen drei Jahrzehnten komplett umgekrempelt wurden. 

Woher die Angst kommt

Vielleicht auch deswegen fühlen sich viele Sachsen bis heute eher zu Ost- als zu Westeuropa gehörig. So erklärt sich auch manch andere Sicht auf die Dinge, etwa die Sanktionspolitik gegen Russland betreffend oder die harsche Kritik an der Politik des ungarischen Premiers Viktor Orbán.  

Auch wirkt der Wegzug vieler talentierter, engagierter junger Menschen in der Nachwendezeit Richtung Westen nach. Die Zurückgebliebenen, so beschreibt es der einstige Bürgerrechtler und langjährige Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Frank Richter, fühlten sich tatsächlich zurückgelassen - und sie seien empfänglicher für rechte Parolen. Und so richten sich Wut und Hass auch gegen Ausländer, obwohl es in Chemnitz verglichen mit westdeutschen Städten gar nicht so viele gibt. Das hat auch mit fehlenden realen Erfahrungen mit Ausländern zu tun. Und wenn dann eben, wie 2015 geschehen, eine unkontrollierte Einwanderungswelle kommt, dann macht das den Menschen Angst.

Um es aber genauso klar zu sagen: Nichts, aber auch gar nichts von alledem, rechtfertigt Gewalt gegen Flüchtlinge oder ausländisch aussehende Menschen. "Keine Gewalt!", das muss auch heute wieder gelten. Das sehen übrigens die allermeisten Menschen in Sachsen genauso. Aber genauso verbietet es sich, AfD-Wähler oder Demonstranten in Chemnitz von vornherein in die rechtsextreme Ecke zu stellen (Nazis ausgenommen!), sie als zurückgeblieben und doof zu beschreiben oder als "Pack" zu verunglimpfen. Im nächsten Jahr könnte die AfD in Sachsen bei den Landtagswahlen stärkste Kraft werden.

Ausgerechnet in Sachsen, wo die Wurzeln der deutschen Sozialdemokratie liegen.

Sie sind einfach ein besonderes Volk, diese Sachsen.

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