Kommentar: Hanau - Die Opfer waren keine Fremden! | Kommentare | DW | 05.03.2020
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Rassistischer Terror

Kommentar: Hanau - Die Opfer waren keine Fremden!

Die emotionale Trauerfeier in Hanau hat deutlich gemacht: Damit sich Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland sicher fühlen können, ist die gesamte Gesellschaft gefordert, meint Felix Steiner.

Was für ein Unterschied im Vergleich zu Anfang der 1990er-Jahre: Auch damals gab es schon einmal eine Welle rassistischer Gewalt in Deutschland. Im November 1992 starben eine Frau und zwei Mädchen in Mölln, im Mai 1993 fünf junge Frauen und Mädchen in Solingen. In beiden Fällen hatten Rechtsextremisten die Häuser der türkischen Familien angezündet.

Auch damals schon gab es Trauerfeiern für die Toten. Doch Helmut Kohl weigerte sich, daran teilzunehmen. Der Bundeskanzler habe weiß Gott wichtigere Termine wahrzunehmen, ließ der Regierungssprecher wissen, und dass man keinem "Beileidstourismus" Vorschub leisten wolle. Der Begriff schaffte es wenig später in die Auswahlliste für das "Unwort des Jahres". Kohls Überlegung war vermutlich ganz einfach: Die Taten galten als "fremdenfeindlich", die Opfer waren ausnahmslos Ausländer. Empathie für die türkischen Familien und alle, die damals in riesiger Angst vor weiteren Anschlägen lebten, hätte ihm keine Wählerstimmen gebracht. Aber vielleicht viele gekostet.

Ist Deutschland heute weiter?

Natürlich ist und bleibt der eigentliche Skandal, dass es heute wieder (oder besser: immer noch) neue Todesopfer rassistischer Gewalt in Deutschland gibt. Aber wenigstens im Umgang mit diesem Skandal hat sich die Bundesrepublik auf den ersten Blick betrachtet weiterentwickelt. Dass die Spitzenrepräsentanten des Landes an den Ort des Verbrechens kommen und mit Verletzten wie Hinterbliebenen der Opfer sprechen, ist heute selbstverständlich. Und dass die Gedenkfeier in Hanau am Mittwoch unter dem Leitmotiv stand "Die Opfer waren keine Fremden", ist ein entscheidendes und längst überfälliges Signal.

Steiner Felix Kommentarbild App

DW-Redakteur Felix Steiner

Wie könnte es auch anders sein? Vier der Getöteten waren deutsche Staatsbürger, die Mehrheit von ihnen hier geboren und aufgewachsen, der 22-jährige Ferhat Unvar hat die kurdische Heimat seiner Großeltern nie gesehen. Sie alle haben hier gelebt, gearbeitet und Steuern bezahlt, hatten hier ihre Freunde und Familien. Sie hießen zwar nicht Müller, Meier oder Schmidt und waren auch nicht blond, sind aber - wie Millionen anderer Bürger mit Wurzeln in anderen Ländern - Teil dieser Gesellschaft. Und zwar ein zunehmend unverzichtbarer.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat erneut eine nachdenkliche und zugleich kämpferische Rede für die Demokratie und gegen den Hass gehalten. Das ist gut und wichtig. Aber reicht das?

"Wir wollen Taten sehen"

Die Opfer und ihre Familien und Freunde - und um die ging es am Mittwochabend in Hanau - wissen selbst am besten, wie sich Ausgrenzung und Rassismus in Deutschland anfühlen. Wo und wie beides immer wieder sichtbar wird.

Kemal Kocac, der Kioskbesitzer aus Hanau, der die meisten der Opfer persönlich kannte, brachte es in seiner frei gehaltenen Rede auf den Punkt: "Ich möchte keine Worte mehr hören, sondern Taten sehen, damit so etwas nie wieder vorkommt." Und weiter: "Ich möchte keine Angst haben!"

Appell an die gesamte Gesellschaft

Dieser Appell, den Kocac an die "an den großen Hebeln der Macht" adressierte, richtet sich in Wirklichkeit an die gesamte Gesellschaft: Lichterketten, Mahnwachen und Trauerfeiern übertragen auf Großleinwände allein sind eben nicht genug - können allenfalls ein Zeichen sein. Was es braucht, ist ein lautes "Nein", wo Hass propagiert wird; Zivilcourage, wo jemand aufgrund seines Aussehens, seines Namens oder seiner Sprache bedrängt oder angegriffen wird. Nicht irgendwann, sondern genau dann, wenn es passiert. Und nicht von irgendjemandem, sondern von allen, die gerade vor Ort sind.

Erst wenn das selbstverständlich wird, ist Deutschland wirklich weiter. Denn dann müssen Kemal Kocac und Millionen andere keine Angst mehr haben. Und sich nicht mehr wie Bürger zweiter Klasse fühlen.

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