Kommentar: Geraint Thomas ist der richtige Sieger | Sport | DW | 29.07.2018
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Tour de France

Kommentar: Geraint Thomas ist der richtige Sieger

Weil sie seinen Teamkollegen Chris Froome des Dopings verdächtigen, buhen viele Fans der Tour de France auch den Sieger Geraint Thomas aus. Falsch, meint Joscha Weber, denn die Fehler haben andere gemacht.

Am Ende von drei bewegten Wochen in Frankreich darf der Waliser Geraint Thomas auf den Pariser Champs-Élysées seinen ersten Tour-Sieg feiern. Die Ehrenrunde auf dem Prachtboulevard ist der verdiente Lohn für drei Wochen harte Arbeit. Denn der Weg dahin war hart und steinig.

Nicht das Kopfsteinpflaster des Nordens, nicht die flirrende Hitze des Südens, nicht die steilen Rampen der Alpen und Pyrenäen und auch nicht die Attacken der Gegner - nein, die härtesten Prüfungen für Thomas waren andere: Ausgebuht, ausgepfiffen, bespuckt, mit Tränengas besprüht (unbeabsichtigt durch die Polizei) und von einem handgreiflichen Fan fast vom Rad geholt - was für eine Tour für Thomas. "Was mir widerfahren ist, war nicht gerade nett. Ich kam einfach nur hier her um ein Radrennen zu fahren, so wie alle anderen im Peloton", sagt Thomas. Der 32-Jährige, den Freunde und Fans nur "G" nennen, ist ein ungeliebter Sieger der Tour de France, weil… ja, warum eigentlich?

Die "Lex Froome" ist das Problem

Weber Joscha Kommentarbild App

DW-Sportredakteur Joscha Weber: "Aktuell liegen keine belastenden Beweise gegen Thomas vor und bis dahin muss er als unschuldig gelten"

Die Antwort vieler französischer Radsportfans ist einfach: Weil Geraint Thomas Teamkollege von Chris Froome ist und für das ungeliebte britische Sky-Team fährt. Das Misstrauen ist zunächst einmal verständlich, allein aufgrund der bekannten Betrügereien der vergangenen Jahre. Denn Sky hat mit dubiosen Medikamenten-Lieferungen, mit reihenweise Ausnahme-Genehmigungen und nicht zuletzt mit der rätselhaften Salbutamol-Affäre um Froome nicht gerade Werbung für einen glaubwürdigen Radsport gemacht. Im Gegenteil: Die Teilnahme von Froome an der Tour trotz deutlich überhöhter Salbutamol-Werte ist ein sportjuristischer Skandal. Denn für Froome haben Weltradsportverband UCI und die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA ihre Regeln gebeugt. Während andere Radprofis in vergleichbaren Fällen gesperrt wurden, blieb Froome straffrei. Anders formuliert: Froome erstritt sich das Teilnahmerecht mit einem gut bezahlten Anwaltsteam, hätte aber niemals an den Start gehen dürfen.

Für all das kann aber Thomas nichts. Der zweifache Olympia-Sieger auf der Bahn und Träger des britischen Ordens "The Most Excellent Order of the British Empire" ist ein exzellenter Allrounder, der sich im Schatten von Froome über Jahre hinweg mit konstanten Leistungen nach oben gearbeitet hat. Und bei dieser Tour war er schlicht der Beste, blieb fehlerfrei und ließ sich einfach nicht abschütteln. Ja, Thomas ist ein enger Freund von Froome und war bisher dessen treuester Helfer. Aber Sippenhaft sollte es auch im Radsport nicht geben. Aktuell liegen keine belastenden Beweise gegen den Thronfolger Froomes vor und bis dahin muss er nicht nur als unschuldig gelten, ihm gebührt auch der Respekt des Siegers im schwersten Radrennen der Welt.

Das Misstrauen ist groß gegen Sky

Eins darf dabei aber nicht übersehen werden: Thomas ist strategisch betrachtet genau der richtige Sieger dieser Tour de France - zumindest aus der Sicht seiner britischen Sky-Mannschaft. Der seit Jahren dominierende Rennstall, der der Konkurrenz mit einem Jahresetat von rund 35 Millionen Euro auch finanziell um Längen voraus ist, sah sich vom Start weg offenen Anfeindungen ausgesetzt, die vor allem in Richtung Froome zielten. Den ungeliebten und nur aus angeblichem Mangel an Beweisen freigesprochenen Kapitän gewinnen zu lassen, wäre kein kluger Schachzug gewesen - den (noch) unbescholtenen treuen Gefolgsmann Thomas nun ins Rampenlicht zu setzen dagegen schon. Geraint Thomas ist also in mehrfacher Hinsicht der richtige Sieger dieser Tour.

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