Kommentar: Es geht bergab - mit der Kriminalität | Kommentare | DW | 29.03.2020
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Kriminalstatistik

Kommentar: Es geht bergab - mit der Kriminalität

In Deutschland sinkt die Zahl der Wohnungseinbrüche und Diebstähle, auch Gewaltverbrechen sind rückläufig. Gute Nachrichten, die besonders in schlechten Zeiten ein kleiner Grund zur Freude sind, meint Marcel Fürstenau.

Die Frage ist gemein, trotzdem: Wovor haben Sie gerade mehr Angst - vor dem Coronavirus oder einem Wohnungseinbruch? Vermutlich vor einer Ansteckung mit der unheimlichen Krankheit - stimmt's? Dabei ist das Risiko einer Ansteckung zumindest statistisch betrachtet bis zum heutigen Tag viel kleiner, als Opfer eines Einbruchs oder einer anderen Straftat zu werden. Und mit dem gegenwärtigen Lockdown unternehmen die Bundes- und Landesregierungen gegenwärtig alles, dass die Zahl von 5.436.401 Corona-Infizierten in Deutschland nicht erreicht wird.

Aber exakt so viele Straftaten wurden 2019 registriert. Selbst die Zahl der mit dem Coronavirus Infizierten liegt gegenwärtig noch deutlich unter der Zahl der sogenannten Wohnungseinbruchsdiebstähle, die nach der Statistik des Bundeskriminalamtes (BKA) im vergangenen Jahr erfasst wurden.

Vorsorgen! Nicht nur gegen das Coronavirus!

Nun werden Sie zu Recht einwenden, die Zahl der Infizierten und auch der Toten steige täglich. Ja, leider ist das so. Und wahrscheinlich wird es schon bald mehr Fälle geben als Wohnungseinbrüche im ganzen Jahr 2019. Doch dank der gewiss drastischen Maßnahmen - Ausgangsbeschränkungen, Abstandsregeln, Schutzbekleidung - stehen die Chancen ganz gut, Corona einzudämmen. Je schneller, desto besser. Denn mit jeder noch so kleinen Erfolgsmeldung wächst bei uns allen die Erleichterung. Die Hoffnung, das Schlimmste überstanden zu haben. Dieses Gefühl dürfen Sie in anderen Lebensbereichen längst haben - jedenfalls in Deutschland. Nur denkt in Coronazeiten kaum jemand daran.

Deutsche Welle Marcel Fürstenau Kommentarbild ohne Mikrofon (DW )

DW-Hauptstadtkorrespondent Marcel Fürstenau

Noch vor wenigen Jahren ging verlässlich ein Aufschrei durchs Land, wenn die neue Kriminalstatistik bekannt wurde. Vor allem spür- und sichtbare Delikte wie eben Wohnungseinbrüche, Taschendiebstahl oder Fahrradklau schnellten nach oben. Kein Wunder, dass die Menschen immer verunsicherter waren. Und natürlich sind ihre Sorgen nicht verflogen. Aber viele sorgen inzwischen vor und fühlen sich dadurch besser gegen Gefahren gewappnet: Sie kaufen bessere Tür- und Fahrradschlösser oder laufen nicht mehr mit weit geöffneten Taschen durch Bahnhöfe und Kaufhäuser.

Ein Dank an die Polizei!

Und schon fühlt man sich besser, weniger gefährdet. Und das ist keineswegs nur Einbildung. Mit ein paar vergleichsweise einfachen Schutzmaßnahmen lassen sich potenzielle Einbrecher oder Räuber durchaus abschrecken. Je schwerer es für sie schon rein äußerlich erscheint, gewaltsam eine Tür aufbrechen zu können oder an eine vermutete Geldbörse in einem Rucksack zu gelangen, desto eher werden sie die Finger davon lassen.

Ein Rückgang von rund zehn Prozent in allen klassischen Bereichen des Diebstahls - Wohnung, Fahrrad, Auto - belegt eindrucksvoll, wie erfolgreich Vorsorge sein kann. Und wem außer uns selbst ist das zu verdanken? Allen voran der Polizei, die auch in der Coronakrise hervorragende Arbeit leistet. Indem sie überprüft, ob die Ausgangsbeschränkungen eingehalten werden. Indem sie mal freundlich, mal nachdrücklich darauf hinweist, sich doch bitte in unser aller Interesse an die zwar bedauerlichen, aber unvermeidlichen Maßnahmen zu halten.

Ausreißer Kinderpornographie - und woran es liegen könnte

Dass dies die Allermeisten inzwischen tun, zeigt, wie lernfähig, einsichtig und solidarisch wir sein können. Und das über Ländergrenzen hinweg. Denn wie in der Bekämpfung von Alltags- und Schwerstkriminalität hängt der Erfolg auch von internationaler Zusammenarbeit ab. Deshalb gibt es mitunter erschreckende Zahlen, hinter denen sich aber trotzdem auch positive Aspekte verbergen können. Konkretes Beispiel aus der aktuellen Kriminalstatistik: ein Anstieg bei der Verbreitung von kinderpornographischen Schriften um fast 65 Prozent.

Die dramatisch nach oben weisende Kurve erklären sich Experten aber auch mit einem wesentlich höheren Verfolgungsdruck der Sicherheitsbehörden auf Tatverdächtige. Straftaten werden so, wie es in der Sprache von Kriminalisten heißt, vom "Dunkelfeld ins Hellfeld" gerückt. Eine wichtige Rolle spielen außerdem aufmerksamere Surfer im Internet und verantwortungsbewusstere Betreiber von Online-Plattformen. Ihre Hinweise auf mutmaßlich kinderpornographische und andere strafbare Inhalte zeigen Wirkung.

Auf eine gute Nachricht müssen wir leider noch warten

Betrachtet man alle Formen und Spielarten von Kriminalität zusammen, ist der Trend eindeutig: Deutschland wird - statistisch gesehen - immer sicherer. Und das schon seit 2017. Wenn das keine gute Nachricht ist für die hier lebenden Menschen und die hoffentlich schon bald wieder in Scharen einreisenden Touristen! Denn davon profitieren am Ende alle - nicht zuletzt die Wirtschaft. Jetzt fehlt nur noch die gute Nachricht vom Ende der Coronakrise. Auch wenn es im Moment schwerfallen mag: Freuen wir uns auf diesen Tag!

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