Kommentar: Erdogans langweilige Schmähungen im Streit um Jerusalem | Kommentare | DW | 13.12.2017
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Standpunkt

Kommentar: Erdogans langweilige Schmähungen im Streit um Jerusalem

Im Streit um Jerusalem versucht sich der türkische Präsident als Anführer einer muslimischen Koalition zu profilieren. Seine Ausfälle gegenüber Israel sind jedoch scheinheilig und durchschaubar, meint Daniel Heinrich.

Da ist er wieder: der Pöbler, der Draufhauer, der Krakeler und Dauerwahlkämpfer Recep Tayyip Erdogan. Gleich zu Beginn der Konferenz der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) in Istanbul legt der türkische Präsident los: Israel sei ein "Terror- und Besatzungsstaat", "alle Länder" lade er ein,"Jerusalem als die besetzte Hauptstadt des palästinensischen Staates anzuerkennen"

Wohlbekanntes Empörungsterrain

Erdogan ist sauer. Und das sollen alle wissen: Es scheint fast so, als hätte der türkische Präsident nach einer Pöbelpause mal wieder so richtig Lust, ordentlich Rabatz zu machen. Waren es vor ein paar Monaten noch wahlweise die "Nazi-Methoden" von Holländern oder Deutschen, scheint sich Erdogan mit Israel-Bashing nun wieder auf wohlbekanntes Empörungsterrain zurückziehen zu wollen.

Sicherlich: Man mag es dem seinen muslimischen Glauben regelmäßig zur Schau stellenden Recep Tayyip Erdogan abnehmen, dass ihn die Entscheidung Donald Trumps, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, trifft. Die mit Historie überladene Stadt nimmt eben nicht nur für Juden und Christen, sondern auch für Muslime eine besondere Stellung ein.

Andererseits wirken die immer gleichen "Terrorstaat-" und "Kindermörder"-Vorwürfe gegenüber Israel roboterhaft, auswendig gelernt und aufgrund der immer gleichen Tonalität auf Dauer inzwischen fast langweilig. Hinzu kommt: Die Schmähungen gegenüber Israel auf politischer Bühne sind schon deswegen scheinheilig, weil das Handelsvolumen zwischen der Türkei und Israel seit Jahren zunimmt.

Porträt Daniel Heinrich (DW/M. Müler)

DW-Redakteur Daniel Heinrich

Dennoch kann Erdogan es nicht lassen, gegen den jüdischen Staat auszuteilen. Unvergessen ist sein Auftritt 2009 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos: Damals brüskierte er seinen israelischen Amtskollegen Schimon Peres auf offener Bühne und überzog ihn regelrecht mit Schmähungen. Der unter einem schieren Testosteronschub herausgepresste und mit einem schweren türkischen Akzent belegte englische Ausruf "One Minute", mit dem Erdogan seine Tirade Minute um Minute verlängerte, ist mit knapp drei Millionen Klicks längst zum Youtube-Hit geworden.

Muslimische Staaten uneins

Dass Erdogan schon vor der Konferenz der OIC die rhetorischen Muskeln spielen ließ und konstatierte, dass "wir auf diesem Gipfel die gesamte islamische Welt in Bewegung setzen werden", durfte, musste, sollte daher nicht verwundern.

Die Aussage Erdogans erwies sich allerdings spätestens mit Beginn der Konferenz als Unsinn. Von den insgesamt 57 Mitgliedern der OIC entsandten gerade einmal 20 Staaten ihre Regierungschefs. Diejenigen unter ihnen, die zusammen mit Saudi-Arabien vor einem halben Jahr eine Blockade gegen Katar begonnen hatten, schickten teils niederrangige Emissäre der Qualitätsstufe "stellvertretender Außenminister".

Überhaupt: Von "Geschlossenheit" unter den muslimischen Staaten kann nicht nur hinsichtlich der Katar-Krise bei weitem nicht die Rede sein. Neben den Konflikten zwischen den "Big Playern" Saudi-Arabien und Iran sind unter anderem auch die Beziehungen zwischen der religiös-konservativen Führung in der Türkei und der Militärführung in Ägypten stark angespannt.

Getreu dem Motto "Hauptsache Schlagzeilen machen" schien Erdogan all das nach außen hin zumindest erst einmal gleichgültig zu sein. Seine Botschaft war klar, auch beim OIC-Gipfel: Israel ist der "Terrorstaat", die "Besatzungsmacht" und so weiter und so fort. So ist er halt: der Pöbler, der Draufhauer, der Krakeler, der Dauerwahlkämpfer.

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