Kommentar: Eine Tat mit politischer Dimension | Kommentare | DW | 29.12.2017
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Standpunkt

Kommentar: Eine Tat mit politischer Dimension

Mias gewaltsamer Tod wird wohl auch Auswirkungen auf die Regierungsbildung in Berlin haben - weil der mutmaßliche Täter ein Flüchtling ist. Der Debatte kann niemand ausweichen, meint Marcel Fürstenau.

Deutschland DM-Markt | Mädchen in Kandel erstochen (picture-alliance/dpa/A. Arnold)

Stilles Gedenken unmöglich - Fotografen und Kameraleute belagern Kinder und Erwachsene, die am Tatort um Mia trauern

Diese schreckliche Tat hat alle Zutaten, die eines unmöglich erscheinen lassen: dass bei allem verständlichen Entsetzen besonnen damit umgegangen wird. Die Eltern des jungen Mädchens aus dem beschaulichen Örtchen Kandel in Rheinland-Pfalz sind untröstlich. So unbegreiflich die Tat ohnehin schon ist, sie wird es umso mehr, weil der mutmaßliche Mörder vorübergehend eine Art Familienmitglied war. "Wir haben ihn aufgenommen wie einen Sohn", zitiert das Boulevard-Zeitung "Bild" den Vater, der seine einzige Tochter verloren hat. Erstochen von ihrem ehemaligen Freund, einem aus Afghanistan stammenden unbegleiteten Flüchtling.

Der Beschuldigte ist nach eigenen Angaben so alt oder zutreffender: so jung wie sein Opfer - 15 Jahre. Der Vater bezweifelt das laut "Bild": Er sei "nie und nimmer" erst 15 Jahre alt. "Wir hoffen, dass wir durch das Verfahren jetzt sein wahres Alter erfahren." Die Frage des Alters ist für die Strafmündigkeit von entscheidender Bedeutung. Sollte Abdul schon volljährig sein, wäre er nach dem Gesetz voll strafmündig. Allerdings werden Heranwachsende oft nach dem milderen Jugendstrafrecht verurteilt, wenn sie nach ihrer sittlichen und geistigen Entwicklung noch einem Jugendlichen gleichstehen.

Herkunft und Hintergrund des Täters sind relevant

Dass der 2016 aus einem Bürgerkriegsland nach Deutschland gekommene Afghane eine reife Persönlichkeit ist, kann ausgeschlossen werden. Und trotzdem ist es menschlich mehr als verständlich, dass Mias Eltern wohl auf eine hohe Strafe hoffen. Was sie erlebt haben und jetzt durchleiden, hat eine über das in vergleichbaren Tragödien weit hinaus reichende Dimension. Ihr Kind schwärmte für einen der größten Not entkommenen Menschen aus einem völlig anderen Kulturkreis. Dieser junge Flüchtling tötet die Tochter aus enttäuschter Liebe. Aus Zuneigung wurde zügellose Eifersucht, die in einen Mord mündete.

Deutsche Welle Marcel Fürstenau Kommentarbild ohne Mikrofon (DW )

DW-Hauptstadtkorrespondent Marcel Fürstenau

Dass die Polizei von einer "Beziehungstat" spricht, ist und bleibt auf der Basis der bislang bekannten Umstände richtig. Trotzdem können und dürfen andere Aspekte nicht ausgeblendet werden. Herkunft und Hintergrund des Täters müssen angesichts massenhafter, lange Zeit unkontrollierter Einwanderung Gegenstand der Berichterstattung sein. Entscheidend sind dabei der Kontext und die Tonlage. Gut, dass Kandels Bürgermeister Volker Poß (SPD) nach dem schrecklichen Ereignis in seiner Stadt vor Fremdenfeindlichkeit warnt.

Auf Verdacht wegsperren? Wohl kaum!

Zu Recht verweist er darauf, dass die Polizei vor der Tat eingegriffen habe, nachdem Mias Eltern den späteren Mörder ihrer Tochter wegen Beleidigung, Nötigung und Bedrohung angezeigt hatten. Demnach hat es mit Abdul eine sogenannte Gefährder-Ansprache gegeben. Noch am Todestag wurde ihm eine erneute Vorladung übergeben. Die Frage mag hilflos klingen, vielleicht ist sie es auch: Was wäre in dieser Situation die Alternative gewesen? Auf Verdacht einsperren? Einen Jugendlichen, der nicht als terroristischer Gefährder im Visier der Polizei war?

Dass die Wellen insbesondere in den sogenannten sozialen Netzwerken hochschlagen, war so erwartbar wie unvermeidbar. Besonnene Politiker müssen aber der Versuchung widerstehen, dieser Stimmung hinterherzulaufen. So forderte der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Burkhard Lischka, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland schon die  Abschiebung des Täters. Die sei völkerrechtlich und nach deutschen Gesetzen "grundsätzlich möglich". Mag sein, aber weder wird Mia dadurch wieder lebendig noch lassen sich solche Taten damit künftig verhindern.

Debattieren ja, Diskriminieren nein!

"Kriminalität ist keine Frage des Passes, sondern von Belastungsfaktoren", sagte der Sozialwissenschaftler Dominic Kudlacek nach der Tat. Der stellvertretende Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen verwies zudem darauf, dass auch deutsche junge Männer besonders häufig in Straftaten verwickelt seien. Aber solche keineswegs neuen Erkenntnisse werden leider kaum zur Versachlichung der Debatte beitragen.

Der Mord von Kandel wird deshalb wohl auch eine Rolle spielen, wenn es in den Sondierungsgesprächen zwischen Union und SPD für eine neue Bundesregierung um das Megathema Flüchtlinge geht. Nach SPD-Politiker Burkhard Lischka werden sich noch viele zu Wort melden. Wenn sie es verantwortungsvoll tun, gerne. Aber bitte nicht die Stimmung unnötig anheizen! 

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