Kommentar: Ein Zeichen der Unsicherheit in China | Kommentare | DW | 20.02.2020
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Corona-Krise

Kommentar: Ein Zeichen der Unsicherheit in China

Die Regierung in Peking hat zum ersten Mal seit rund 30 Jahren auf einen Schlag gleich mehrere Korrespondenten ausgewiesen. Ein Zeichen der Unsicherheit in Zeiten der Corona-Krise, meint Philipp Bilsky.

China Peking Sprecher Außenministerium Geng Shuang (picture-alliance/newscom/UPI Photo/S. Shaver)

Geng Shuang, der Sprecher des Außenministeriums in Peking, beim täglichen Briefing der Journalisten

Auslöser für die Ausweisung dreier Journalisten des Wall Street Journal war der Text eines Gastkolumnisten. In dem klar als Meinungsstück gekennzeichneten Text, beschäftigt sich der Autor mit dem - aus seiner Sicht - unzureichenden Krisenmanagement bei der Bekämpfung des Coronavirus, das "das Vertrauen in die Kommunistische Partei Chinas im In- und Ausland erschüttert hat." Und er macht sich Gedanken darüber, was das Virus oder ein vergleichbarer zukünftiger Fall für die Weltwirtschaft bedeuten könnte. Die Überschrift des Textes lautet "China ist der wahre kranke Mann Asiens".

Eine Überschrift als Ärgernis

Die Ausweisung der drei Korrespondenten wurde vom Sprecher des chinesischen Außenministeriums unter anderem mit dieser Überschrift gerechtfertigt. Diese habe einen "rassistischen Charakter" (带有种族歧视色彩) . Die Bezeichnung Chinas als "kranker Mann Asiens" erinnert an die Zeit Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, als China von westlichen Kolonialmächten unterdrückt und ausgebeutet wurde. Für China bis heute das "Jahrhundert der Demütigung".

HA Asien | Philipp Bilsky Kommentarbild App (DW/P. Böll)

Philipp Bilsky leitet die China-Redaktion der DW

Möglicherweise muss man Verständnis dafür haben, dass die chinesische Regierung - und auch viele Chinesen - angesichts dieses historisches Bezugs empfindlich reagieren. Und man kann auch die Überschrift angesichts der derzeitigen Gesundheitskrise unangemessen finden. Doch vollkommen unangemessen ist die Ausweisung der Korrespondenten. Zudem geht es der chinesischen Regierung - wenn man den Worten des Außenamtsprechers glaubt - offenbar nicht nur um die Wortwahl der Überschrift, sondern auch um die Kritik am Krisenmanagement der Regierung grundsätzlich. Denn das werde von dem Kolumnisten "diffamiert" (诋毁).

Laute Kritik in den sozialen Medien in China

Möglicherweise ist Peking derzeit gerade deswegen so empfindlich, weil es nach dem Ausbruch des Coronavirus auch in den sozialen Medien in China viel Kritik und laute Rufe nach mehr Meinungsfreiheit gegeben hatte - besonders nach dem Tod des Whistleblowers Li Wenliang. US-Außenminister Pompeo reagierte auf die Ausweisung der Journalisten mit den Worten. "Reife, verantwortungsbewusste Länder verstehen, dass eine freie Presse über Fakten berichtet und Meinungen ausdrückt." Und: "Die richtige Antwort wäre es, Gegenargumente vorzubringen, nicht die Redefreiheit einzuschränken." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ironischerweise konnten sich die chinesischen Leser selbst kein Bild davon machen, was sie von der Wortwahl oder den Argumenten des Kolumnisten des Wall Street Journals halten und ob sie sich "diffamiert" fühlen sollten. Denn die Zeitung ist schon seit einiger Zeit von der Zensur in China blockiert.