Kommentar: Ein angemessenes Urteil | Kommentare | DW | 16.06.2015
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Kommentare

Kommentar: Ein angemessenes Urteil

Landesweit herrschten Entsetzen und Trauer über den gewaltsamen Tod der jungen Tugce. Auch wenn der Prozess Klischees über Täter und Opfer revidierte, ist die dreijährige Haftstrafe richtig, meint Verica Spasovska.

Das Schicksal der Deutsch-Türkin, die an ihrem 23. Geburtstag starb, hatte in ganz Deutschland Trauer und eine gewaltige Anteilnahme ausgelöst. Entsprechend groß war auch das mediale Interesse am Verfahren gegen den 18-jährigen Täter Sanel, der nun ins Gefängnis muss. Mit drei Jahren Haft blieb das Gericht lediglich wenige Monate unter der Forderung der Staatsanwaltschaft.

Die Botschaft ist klar: Dieser Schlag mit Todesfolge war kein Kavaliersdelikt, bei dem der Angeklagte mit einer Bewährungsstrafe und ein paar Auflagen davonkommt. Diese Strafe ist eine Warnung an alle, die meinen, jeden Streit mit Gewalt austragen zu müssen. Dieses Urteil sollte auch der Familie von Tugce ein Mindestmaß an Genugtuung geben, wenngleich sie sich in einer ersten Reaktion von dessen Milde enttäuscht zeigte.

Kritik am Urteil von beiden Seiten

Aus Sicht Sanels und seiner Verteidiger ist dieses Urteil hingegen zu hart. Sie forderten eine Bewährungsstrafe, unter anderem mit einem Verweis darauf, dass der Angeklagte bereits Opfer einer medialen Vorverurteilung geworden sei. Von vorneherein galt er als der böse "Schläger", der keine Ausbildung hat und schon mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist. Sanel, so gab selbst der Staatsanwalt zu bedenken, werde aufgrund der ihm vorgeworfenen Tat vor allem im Internet massiv bedroht.

Auf der anderen Seite war da die junge, gut integrierte Deutsch-Türkin, Lehramtsstudentin, die zwei jungen Mädchen zur Hilfe eilen wollte und deren Zivilcourage sie das Leben kostete. Tugce wurde zur Heldin stilisiert. Hier der Böse, da die Gute, das war das Bild, das viele Medien unmittelbar nach der Tat zeichneten. Allerdings haben die Medien dieses Bild nachjustiert, je mehr Details während des Prozesses ans Licht kamen.

Verica Spasovska

DW-Redakteurin Verica Spasovska

Denn das Verfahren zeigte, dass die Dinge nicht allein schwarz oder weiß sind. Der Prozess förderte vielmehr viele Grautöne zu Tage, die das Bild beider Beteiligten veränderten. Es wurde klar, dass es von beiden Seiten Provokationen und heftige verbale Beleidigungen gegeben hatte. Auch Tugce hatte den Angeklagten vulgär beschimpft. Ein verbaler Schlagabtausch schaukelte sich solange hoch, bis Sanel zuschlug und Tugce zu Boden stürzte. Hat er die tödlichen Folgen dieses Schlags in Kauf genommen? Oder war er sich ihrer gar nicht bewusst? Offen blieb während des Prozesses auch die Kernfrage, ob Tugce tatsächlich den damals dreizehnjährigen Mädchen zu Hilfe eilte, um Sanel und seine Freunde loszuwerden. Was ja zunächst als Beleg für ihre Zivilcourage gewertet wurde.

Trotz allem - die Verantwortung des Täters bleibt

Es stimmt: Manche Fragen konnte der Prozess nicht beantworten und manches vorschnelle Klischee wurde zurechtgerückt. Aber was ändert das mit Blick auf die Schuld des Täters? Klar ist, dass Sanel zugeschlagen und damit eine rote Linie überschritten hat. Er hat eine junge Frau brutal attackiert, die schwächer war als er. Selbst wenn er dies nicht in Tötungsabsicht getan hat und es offenbar eine Verkettung unglücklicher Umstände war, dass Tugce stürzte und ins Koma fiel, muss er doch die Verantwortung für die Tat übernehmen. So argumentierte der Staatsanwalt in seinem Schlussplädoyer zu Recht: "Das einseitige Bild des Schlägers lässt sich nicht aufrechterhalten. Aber das macht die Tat nicht besser." Und Tugce nicht wieder lebendig. Deswegen ist dieses Urteil angemessen.

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