Kommentar: Die Luftschlösser des Fußballs in der Corona-Krise | Sport | DW | 17.03.2020
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EURO 2021

Kommentar: Die Luftschlösser des Fußballs in der Corona-Krise

Die Verschiebung der EURO 2020 aufgrund des Coronavirus ins nächste Jahr ist alternativlos. Dass sich der Klubfußball nun die Hände reibt und von einer Fortsetzung der Saison träumt, ist beschämend, meint Joscha Weber.

Was für ein Kontrast: Abschottung, geschlossene Grenzen und Angst vor fremden Menschen statt eines Kontinents im Fußballfieber und eines Festes, das Menschen verbindet und in zwölf europäischen Städten zusammenbringt. Das Jahr 2020 läuft ganz anders, als es sich viele Europäer erhofft hatten. Das Coronavirus und die Krise, die es mit sich brachte, erschüttern den Kontinent. Das Leben und somit natürlich auch der Sport sind vielerorts zum Stillstand gekommen. Für viele kommt das zur Unzeit.

Nach dem Brexit, nach dem Erstarken des Nationalismus und dem Aufkommen neuer Spannungen zwischen Staaten oder Bevölkerungsgruppen Europas hätte diese EURO 2020 ein Zeichen setzen können: für alles, was die Europäer verbindet. Ein paneuropäisches Fußballfest mit Millionen Fans, die munter durch die Metropolen des Kontinents reisen - ein Traum für Fans der europäischen Idee, ein Albtraum für jeden Epidemiologen.

Das Virus - alles andere ist sekundär

Denn in Zeiten des Coronavirus ist alles anders. Alles, was verbindet, ist plötzlich schlecht. Distanz ist das Gebot der Stunde. Das Virus muss eingedämmt werden, alles andere ist sekundär. Europa igelt sich ein. Die Nationen beschließen im Alleingang, Grenzen dicht zu machen, Ausgangssperren zu verhängen oder Schulen zu schließen. Gemeinsames europäisches Vorgehen ist für viele undenkbar geworden und das gilt auch für die geplante Fußball-EM.

Weber Joscha Kommentarbild App

DW-Sportredakteur Joscha Weber: "Der Fußballbetrieb hat nun viel Zeit zum Nachdenken"

Die Verschiebung des Turniers auf 11. Juni bis 11. Juli 2021 war unausweichlich, die Entscheidung konsequent. Der Kontinent hat Wichtigeres vor sich als ein Fußballturnier. Doch auch diese Entscheidung birgt den Geist des nationalen Gedankens: "Die Priorität hat die Beendigung der nationalen Wettbewerbe", heißt es in einem UEFA-Statement zur Entscheidung. Der Druck der Ligen auf die UEFA war groß und damit verbunden der Wunsch, irgendwie dennoch die Saison zu Ende zu spielen. Vielleicht ja im Frühsommer, wenn das Coronavirus uns verlassen hat. Ein Irrglaube.

Solidarität statt Egoismus

Die Pandemie wird die Welt nach Meinung vieler Experten weit länger beschäftigen als ein paar Wochen. Die rasante Verbreitung deutet eher auf eine monatelange Belastungsprobe für Gesellschaften, Staaten und deren Wirtschaft hin. Ein Impfstoff ist noch nicht auf dem Markt, viele Menschenleben stehen auf dem Spiel. Warum also überhaupt an Fußball denken? Die nationalen Ligen fürchten um ihr Geschäftsmodell. TV- und Sponsorenverträge sind an eine vollständige Saison geknüpft. Wenn der Strom der üppigen Gelder versiegt, fürchten insbesondere kleinere Vereine um ihre Existenz. Und diese Angst führt zu irrationalen Vorstellungen: Viele Ligen hoffen noch immer, bereits im April den Spielbetrieb fortsetzen können, obwohl längst auch europaweit Profifußballer infiziert sind. Es ist beschämend.

Statt solche Luftschlösser zu bauen, sollte sich der europäische Fußball neu aufstellen:

  • Solidarität der finanzstarken Top-Klubs mit den kleineren Vereinen, damit es überhaupt noch Ligen gibt, wenn das Coronavirus besiegt ist.
  • Gesellschaftliches Engagement von Fußballern, die nach all den fetten Jahren jetzt tatsächlich mal etwas zurückgeben können - durch Spenden - oder warum nicht auch mal ehrenamtlichen Diensten in Krankenhäusern, Energieversorgung oder Nahverkehr?
  • Teilweiser Gehaltsverzicht der hochbezahlten Bundesliga-Spieler zugunsten von Vereinen in finanzieller Schieflage, wie von Bayerns Ministerpräsident Marcus Söder vorgeschlagen.
  • Vorbereitung eines Spielplans, der im Sommer 2021 Raum lässt für ein EM-Turnier der Männer und der Frauen.

Und nicht zuletzt kann der Fußball an seiner Bodenhaftung arbeiten. Dreistellige Millionenbeträge für Spieler sind ebenso absurd wie ein EM-Final-Ticket für einen offiziellen Verkaufspreis von 945 Euro. Dass angesichts dessen fast überall Fans gegen Profitgier protestieren, sollte niemanden mehr wundern. Darüber können die Macher bei UEFA und Vereinen nun mal in aller Ruhe nachdenken.

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