Kommentar: Die gute Saat des Bösen | Kommentare | DW | 16.10.2016
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Standpunkt

Kommentar: Die gute Saat des Bösen

Hasskommentare im Netz und den Sozialen Medien gehören zum Alltag. Der Umgang damit ist für die Meisten aber keine Routine. Ignorieren, dagegenhalten, abschalten? Versuchen wir es doch mal mit Geld, meint Richard Fuchs.

Ein Glück, wer einen Troll sein eigen nennen kann. Als politischer Kommentator gehöre ich zu dieser Gruppe der Privilegierten. Und wenn ich Glück habe, dann lese ich in den Kommentar-Spalten unter diesem Kommentar wieder Neues von Wanda. Wanda ist der Künstlername eines digitalen Hass-Trolls. Und Wanda kennt sich bei vielen Dingen aus. Zu Putin hat er eine Meinung, zur Familien- und Finanzpolitik der Bundesregierung ebenso. Und besonders mitteilungsbedürftig ist er, wenn es um Flüchtlinge, Migration und den Islam geht. Dann kommt Wanda richtig in Fahrt. Denn all das findet er: nicht so gut. Nun ja, Wanda würde es vielleicht nicht ganz so höflich formulieren, würde - wie bei einer Zwiebel - möglichst viele Schichten leerer Hassparolen übereinanderstapeln. Vielleicht in der Hoffnung, dass mir als Vertreter der angeblichen Lügen- und Systempresse irgendwann die Tränen kommen.

Mein Troll und Ich

Und Wanda legt besonders wert darauf, mich nicht vom digitalen Schlachtfeld ziehen zu lassen, ohne mir die beiden Ehrentitel "Volxsverräter" oder "Multikulti-Schwuchtel" hinterher zu rufen. Dass Rechtschreibung nicht die Sache von Wanda ist, das verzeihe ich ihm inzwischen sogar. Schließlich haben mein Troll und ich ja ein gewisses Verhältnis zueinander aufgebaut. Ich weiß, dass er da ist. Er weiß, dass ich bleiben werde. In Abneigung sind wir einander zugewandt und wissen, was wir aneinander haben.  

Fuchs Richard Kommentarbild App

Richard Fuchs, Korrespondent im DW-Hauptstadtstudio

Wer Wanda ist, das weiß ich nicht. Nachgedacht habe ich darüber aber schon oft. Vielleicht ist er ja ein Biedermeier und Brandstifter, der zu Hause im Keller gegen Fremde poltert - und in den spärlichen Hetzpausen im Nachbargebäude einen Döner isst. "Mit alles", heißt es dann bestimmt. Vielleicht ist Wanda auch ein Anhänger der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung oder jüngst zur rechtpopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) übergelaufen. In der Hoffnung, dass die den "System-Marionetten" wie Politikern, Journalisten, Bankern oder Pfaffen endlich mal eins auswischen. Oder vielleicht ist Wanda auch nur ein einzelner, frustrierter Hass-Gnom, der mit den anonymen Freiheiten des World-Wide-Web die Zeit der Abrechnung gekommen sieht. Sollte Wanda nur ein auf Hetzparolen programmierter Algorithmus sein, dann hat dieses Internet-Wesen ein erstaunliches Eigenleben angenommen. Dann gilt aber noch immer: Hinter jeder digitalen Fratze steckt ein menschlicher Kopf, der ebenso verwirrt sein muss. So bleibt das Problem, egal wie man es dreht oder wendet, ein recht irdisches.

Pöbeln, drohen und verrohen - eine Einbahnstraße?

Dass ich es mit Wanda noch ganz gut erwischt habe, das lehrt mich der Blick ins Netz und auf die Straßen und Plätze dieser Republik. Die Einheitsfeier vom 3.Oktober in Dresden, ein Tag der Freude für Deutschland, Europa und die Welt, verkam durch eine pöbelnde Meute von kaum 300 Leuten zu einem Schauspiel von Hass und Respektlosigkeit. Und immer öfter fallen im Netz die letzten zivilisatorischen Hemmungen des Anstands: Geistesgestörte drohen auf Facebook, Twitter & Youtube mit Gewalt, ja Mord. Das Ziel: Bürgermeister, Flüchtlingshelfer, Politiker, Menschen, die sich engagieren. Auf Anonymität wird dabei immer öfter verzichtet. Mit Klarnamen wird gehetzt und tausendfach geliked. Gemessen an dem, geht es zwischen Wanda und mir noch einigermaßen höflich zu. Bislang, wohlgemerkt. Und doch bleiben bohrende Fragen: Soll so allen Ernstes unsere digitale Zukunft aussehen? Müssen wir den Meinungsaustausch in Foren und Kommentarspalten abwürgen, um Anstand und Umgangsformen zurückzugewinnen? Oder gibt es andere Wege, die digitale Wut-Welt in ihre Schranken zu weisen?

Wer Hass sät, muss Gutes ernten

Hier lohnt ein Blick auf all jene, die schon besonders lange mit Verleumdung, Diffamierung und Drohungen leben müssen. EXIT Deutschland, eine Aussteiger-Organisation für Neonazis, ist so eine Gruppe. Sie haben Hassprediger zu Finanziers von zukunftsweisenden Projekten erklärt. Ohne deren Zustimmung, versteht sich. So funktionierten die EXIT-Macher einen Neonazi-Aufmarsch im fränkischen Wundsiedeln kurzerhand zu einem Spendenlauf um. Unter dem Motto "Rechts gegen Rechts" wurde für jeden von den Rechtsextremen zurückgelegten Meter ein fester Betrag an ein Projekt gegen fremdenfeindliche Ideologien gespendet.

Es ist Zeit, dass auch die böse Saat im Netz endlich etwas Gutes erwirtschaftet. Daher mein Vorschlag: Öffentlich-rechtliche, aber auch private Medienhäuser in diesem Land, könnten die zahllosen Hass-Kommentare zur Spendenquelle machen. Jeder Verstoß gegen die Normen deutscher Gesetze sollte uns einen festen Betrag wert sein, der in Projekte für ein friedliches Miteinander fließt. Schnell dürften so, leider wohlgemerkt, Millionen-Beträge zusammenkommen. Verbunden mit der Botschaft: Wer Hass sät, der wird Gutes ernten. Auch wenn er es selbst gar nicht will.

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