Kommentar: Die ewigen Kinder | Europa | DW | 20.02.2015
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Europa

Kommentar: Die ewigen Kinder

Griechenland polarisiert derzeit wie kein zweites Land die Europäische Union. Vor allem auch Deutschland, wie sich am Kurs von Finanzminister Schäuble zeigt. Spiros Moskovou wirbt um Verständnis für sein Heimatland.

Tsipras mit Giannis Varoufakis Archiv 2014

Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras (li.) und sein Finanzminister Giannis Varoufakis

"Varoufakis ist der Herzensbrecher Europas" titelten neulich viele griechische Internetseiten, als die Moderatorin einer der Hauptnachrichtensendungen im deutschen Fernsehen dem neuen griechischen Finanzminister ein gewisses Charisma bescheinigte. "Die Deutsche Welle attackiert Varoufakis persönlich" konstatierten wiederum unzählige Portale und Blogs in Griechenland, als ein DW-Kommentar dem Neuling in der Finanzpolitik einen erkennbaren "Hang zur Unverschämtheit" attestierte. Die neue linke Regierung Griechenlands entzweit die Gemüter wie keine andere in Europa. Regiert in Athen eine Riege charismatischer Jungpolitiker oder eine Bande skrupelloser Scharlatane? Und wie können die einfachen griechischen Bürger angesichts des vielleicht letzten Kapitels ihrer Euro-Tragödie nur in Ruhe ihren Kaffee genießen?

Verraten von den eigenen Politikern

Die krisengeplagten Griechen fühlen sich von ihren eigenen Politikern, die in den vergangenen Jahrzehnten die Geschicke des Landes lenkten, verraten und von den übrigen Europäern als faule Schmarotzer verschmäht. Die sozialdemokratische Pasok und die konservative Nea Demokratia, beide hauptverantwortlich für Misswirtschaft und Korruption, haben die Griechen schon gebührend abgestraft und auf die Oppositionsbänke verwiesen. Die neue Syriza-Regierung gibt nach Jahren der Schelte und der Härten vielen Griechen das ersehnte "Wir sind wieder wer"-Gefühl zurück. Ob die Regierung Tsipras auch eine reelle Chance zur Verbesserung ihrer tatsächlichen Lage schafft, spielt für die Griechen im Moment eine untergeordnete Rolle.

Deutsche Welle Griechenland Redaktion Spiros Moskovou

Spiros Moskovou leitet die Griechische Redaktion der DW

Mit den europäischen Partnern und internationalen Geldgebern ist die Sache komplizierter. Da fühlen sich die Griechen ganz grundsätzlich ungerecht behandelt. Man vergisst nicht so schnell die Wahlkampfrede der Bundeskanzlerin, in der sie den Südeuropäern zu viel Freizeit ankreidete. Die europäische Statistik hat das nicht bestätigt - anderswo wird weniger gearbeitet! Man ignoriert auch nicht so einfach das in der deutschen Öffentlichkeit permanent gepflegte Klischee von den angeblich reformunwilligen Griechen. Die jüngste OECD-Studie bestätigt indes eher, dass Deutschland im Moment reformfaul ist.

Als der britische Premier David Cameron vor wenigen Monaten die Freizügigkeit innerhalb der EU - also eine der wichtigsten Säulen europäischer Integration - in Frage stellte, wurde er von der europäischen Presse scharf kritisiert, aber nicht demontiert. Warum versuchen heute führende Medien den griechischen Premier Alexis Tsipras ins Lächerliche zu ziehen? Nur weil er an den eisernen Regeln der Eurozone ein bisschen rüttelt? Oder weil er Grieche ist, also von vornerein ein zweitrangiger Gesprächspartner?

Griechische Traumata und Allergien

Alles in allem wittern die Griechen eine gegen sie gerichtete und zudem ungerechte Kampagne. Der Weg von einem zunächst unterschwelligen Gefühl zum Schlüpfen in die Opferrolle ist nicht mehr weit. Die Geschichte und die politische Kultur Griechenlands vollenden die verzerrte Wahrnehmung der Realität: Zu tief sitzt in der neugriechischen Seele das Trauma der jahrhuntertelangen Fremdherrschaft durch die Türken, aber auch die spätere Bevormundung durch die Westmächte. Immer noch reagiert diese Seele allergisch auf Anweisungen und Diktate durch das Ausland. Deswegen wurden die Kontrollen der Troika in den vergangenen Jahren immer stärker als Zeichen einer Unterdrückung durch Externe empfunden und nicht als logische Konsequenz der gescheiterten griechischen Politik.

Es ist müßig, den Griechen heute vorzuwerfen, dass sie immer noch nicht richtig in der Moderne angekommen sind. Es wird auch nicht helfen, wenn man diesem eher sympathischen, aber auch eigensinnigen Volk an der Peripherie Europas immer weiter die Leviten liest. Schwache Familienmitglieder brauchen grundsätzlich immer mehr Zuneigung als die Stärkeren. Sonst entwickeln sie ein ungeheures Nervpotenzial für die übrige Verwandtschaft. Das wusste schon vor über zweitausend Jahren der Philosoph Plato, der in einem seiner Dialoge einen altägyptischen Priester aufschreien lässt: "Ihr Hellenen bleibt doch immer Kinder!"

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