Kommentar: Die Energiewende - Angela Merkels größter Fehler | Kommentare | DW | 01.01.2020
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Atomkraft

Kommentar: Die Energiewende - Angela Merkels größter Fehler

Nicht nur an der Flüchtlingskrise trägt Deutschland bis heute. Wenn jetzt wieder ein Kernkraftwerk abgeschaltet wird, zeigt sich, welch weitreichende Folgen Angela Merkels Entscheidungen haben, meint Mark Hallam.

Der Sommer 2015 gilt als Wendemarke in Angela Merkels Kanzlerschaft. Als immer mehr Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten über die Balkanroute unterwegs nach Westeuropa waren, fällte die sonst stets mit Bedacht und oft sehr zögerlich vorgehende deutsche Regierungschefin plötzlich eine einschneidende Entscheidung. Merkel ließ zigtausend Menschen nahezu ungeprüft ins Land. Ein anderer entscheidungsfreudiger Moment ihrer Kanzlerschaft geriet darüber etwas in Vergessenheit: Merkels mehrfache Energiewende.

Nach ihrer zweiten Wahl zur Kanzlerin 2009 - so war es auch versprochen - hatten Merkel und ihre Christdemokraten eine besondere Priorität: den Ausstieg vom Ausstieg aus der Atomkraft. Den hatte 2001 die rot-grüne Vorgängerregierung eingeleitet - allem Widerstand der Stromkonzerne zum Trotz, aber mit viel Rückenwind aus der Bevölkerung. 2009 war die einzige Bundestagswahl, die Merkel nicht in eine Große Koalition mit den Sozialdemokraten zwang. Sie konnte stattdessen mit der kleinen, wirtschaftsfreundlichen FDP regieren. Sie gewann aber nicht wegen, sondern trotz der im Wahlkampf angekündigten energiepolitischen Kehrtwende. Denn Umfragen zeigten auch damals die weitverbreitete Abneigung der Deutschen gegen die Atomenergie.

Fukushima und die Folgen

Nur etwa 18 Monate später sorgten dann aber tektonische Verwerfungen am anderen Ende der Welt für ein ungeahntes Beben in der deutschen Energiepolitik. Das Epizentrum lag vor der Ostküste Japans. Ein heftiges Seebeben türmte dort am 11. März 2011 einen Tsunami auf. Mit verheerenden Folgen: Mehr als 15.000 Menschen kamen ums Leben, viele sind bis heute vermisst. Die stellenweise 40 Meter hohe Wand aus Wasser zermalmte auch das küstennahe Kernkraftwerk Fukushima, was sämtliche Träume von der überlegenen und angeblich stets sicheren westlichen Atomtechnik zum Platzen brachte.

Mark Hallam (DW/P. Böll)

DW-Redakteur Mark Hallam

Besonders in Deutschland sorgte das Unglück im fernen Japan für Aufsehen und für Ängste. So wurde in Medien spekuliert, dass bei einem nun drohenden Super-GAU strahlender Fallout aus Fukushima auch in Frankfurt niedergehen könnte. In Deutschland stand eine Reihe von sieben Landtagswahlen vor der Tür. Für Merkel Zeit, die Notbremse zu ziehen. Drei Tage nach dem Beben in Japan, kassierte ihre schwarz-gelbe Bundesregierung die eben erst beschlossene Laufzeitverlängerung für deutsche Atommeiler. Im Zuge eines dreimonatigen Moratoriums sollte die Sicherheit der 17 deutschen Kernkraftwerke überprüft werden.

Eilends ließ die Kanzlerin eine Kommission zusammenrufen, um die Optionen neu abzuwägen. Am 3. Juni 2011 war dann der Atomausstieg abermals besiegelt - mit einem Fahrplan, der dem schon mal beschlossenen sehr ähnelte. An diesem Silvestertag geht mit "Philippsburg 2" erneut eines der leistungsstärksten Atomkraftwerke Deutschlands endgültig vom Netz - schon in wenigen Monaten beginnt der Abbruch des Meilers.

Presse und Öffentlichkeit jubelten damals größtenteils über die Volte. War dies doch offenbar erstmals eine Bauchentscheidung der Kanzlerin. Die studierte Physikerin galt bis dato als kühl berechnende Naturwissenschaftlerin, stets zu Kompromissen bereit. Erst vier Jahre später, im berühmten Sommer 2015, entschied Merkel dann erneut entsprechend gefühlsgeleitet.

Zwar gab es auch Stimmen, dass weder ein Seebeben der Stärke 9,0 noch Tsunamis vor Deutschlands Küsten zu erwarten seien. Ebenso wurde angemerkt, dass Atomkraft kein klimaschädliches CO2 freisetzt. Doch auf großes Echo stießen diese Argumente nicht.

Kommt doch noch die nächste Wende?

Atomenergie hat einen schlechten Ruf - aus guten Gründen: Ein GAU kann dazu führen, dass ganze Landstriche unbewohnbar werden. Das gilt zumindest für Reaktoren der ersten Generation. Der Fall Fukushima zeigt aber auch, dass selbst Atomkraftwerke mit modernerer Technik nicht allen Naturgewalten standhalten können. Bislang gibt es auch keine befriedigende Lösung, was mit dem Atommüll geschehen soll, der Millionen Jahre lang gefährlich strahlt. Doch den steigenden Strombedarf zu decken, wird in Zeiten des Klimawandels auch nicht leicht. Der ist schon jetzt für fast die Hälfte der Treibhausgasemissionen verantwortlich - ohne dass bislang die geplanten Riesenflotten von E-Autos Strom tanken.

Angesichts von Klimanotstand und bedrohter Energiesicherheit sollten die Deutschen dem Atomstrom offener gegenüberstehen. Bei den G20 sind nur mittelgroße EU-Wirtschaftsnationen, wie Italien, Österreich und Polen dem deutschen Anti-AKW-Kurs gefolgt.

Schon bei Atomkraftwerken der zweiten Generation sind die CO2-Emissionen erstaunlich niedrig. Unter Berücksichtigung ihres gesamten Lebenszyklus - also vom Bau, über Betrieb, bis zur Verschrottung - hat der Weltklimarat IPCC vor fünf Jahren den Kohlendioxid-Ausstoß verschiedener Energiequellen berechnet. Ergebnis: Atomkraftwerke kommen im Schnitt auf eine ähnliche CO2-Bilanz wie Windkraftanlagen, nämlich auf 12 Gramm pro Kilowattstunde. Sonnenkollektoren liegen, je Bauart, mit 41 bis 48 Gramm erstaunlicherweise deutlich darüber. Aber auch dies ist im Vergleich zur Kohle, die gegenwärtig Deutschlands Atomstrom ersetzen muss, ein äußerst niedriger Wert. Kohlekraftwerke kommen nämlich während ihres kompletten Lebenszyklus auf im Schnitt 820 Gramm CO2 pro Kilowattstunde.

China hat 2018 den ersten Reaktor der allerneusten, der sogenannten vierten Generation in Betrieb genommen. Und die Atomindustrie verspricht potenzielle Energieausbeuten und die Lösung anderer Probleme, die wie Science-Fiction klingen:

  • Bis zu 300 Mal mehr Stromertrag aus der gleichen Menge an Kernbrennstoff
  • Abfall, der nur für ein paar Jahrhunderte statt für Jahrtausende radioaktiv ist
  • Verbesserte und automatisierte Abschaltsysteme für Notfälle
  • Weniger Abhängigkeit von der Wasserkühlung, was die Risiken von Lecks oder Dampfexplosionen mindert
  • Die Möglichkeit, einen Teil des nuklearen Abfalls als Brennstoff wiederzuverwenden

Bislang hieß es, Reaktoren würden am effizientesten arbeiten, wenn sie ständig unter Volllast laufen - was im Energiemix mit den schwankungsanfälligen erneuerbaren Energien eher von Nachteil ist. Doch erste Forschungsergebnisse lassen hoffen, dass die Meiler der neuesten Generation flexibler betrieben werden können und damit eine bessere Ergänzung im Ökostrom-dominierten Energienetz der Zukunft wären.

Die Vor- und Nachteile der Atomenergie zu berechnen, ist komplex - dennoch klingt die Nuklearoption zukunftsträchtiger, als immer weiter nach Kohle zu graben und diese dann einfach zu verbrennen.

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