Kommentar: Deutschland fremdelt mit dem Frauentag | Kommentare | DW | 07.03.2019
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Gleichberechtigung

Kommentar: Deutschland fremdelt mit dem Frauentag

Weltweit wird am 8. März der Frauentag gefeiert. In Berlin ist er sogar erstmals ein offizieller Feiertag. Doch in Deutschland kann kaum jemand etwas mit dem Frauentag anfangen. Sehr bedauerlich, meint Anja Brockmann.

Kampftag oder Freudentag? Notwendig oder überflüssig? Für den Frauentag fehlt in Deutschland eine politische Idee. Fragt man hierzulande nach dem 8. März, erntet man entweder scharfe Kritik oder ein gleichgültiges Schulterzucken. Die einen brandmarken den Frauentag als sozialistisches Relikt, fühlen sich an die Zeit erinnert, als Deutschland geteilt war und die Frauen in der DDR wie im gesamten Ostblock am 8. März mit roten Nelken und schönen Phrasen abgespeist wurden. Die anderen finden, dass Frauen in Deutschland so lange nichts zu feiern hätten, wie sie weiter schlechter verdienen als Männer und die Hauptlast der Arbeit in den Familien tragen. Und dann gibt es nicht wenige, die fragen, ob es denn nicht mal langsam gut sei mit dem ganzen Frauengedöns. So schlimm könne es um die Gleichberechtigung ja nicht bestellt sein, wenn das Land seit gut 13 Jahren von einer Frau regiert werde.

Alles für einen arbeitsfreien Tag?

Wie sehr die Deutschen mit diesem Frauentag fremdeln, zeigt sich besonders anschaulich in Berlin. Hier - und nur hier, in diesem kleinen Bundesland - ist der 8. März erstmals ein offizieller Feiertag. Dass Wirtschaft und Ökonomen die Kosten eines arbeitsfreien Tages beklagen, war zu erwarten. Dass die Kirchen sich mehr über einen religiösen Feiertag gefreut hätten, ebenso. Aber dass selbst der Regierende Bürgermeister Berlins, der sich immerhin für den Feiertag stark gemacht hat, bis zuletzt nicht wusste, wie der den Tag in seiner Stadt verbringen wird, zeigt: Es ging wohl weniger um die Sache der Frauen, als sich mit einem zusätzlichen arbeitsfreien Tag in Berlin beliebt zu machen.

Deutsche Welle Brockmann, Anja Portrait (DW/B. Geilert)

DW-Redakteurin Anja Brockmann

Wie wäre es, wenn am Frauentag jede Frau und jeder Mann einfach mal fünf Minuten darauf verwendete, sich der alltäglichen Diskriminierung von Frauen und des tief verwurzelten Sexismus bewusst zu werden - direkt vor eigenen Haustür? Und ja, angesichts der Tatsache, dass Frauen in anderen Ländern ihr Leben riskieren, wenn sie sich unverschleiert zeigen, wenn sie als Journalistin arbeiten oder ihre Töchter zur Schule schicken, scheinen die Probleme in Deutschland eine Petitesse. Dennoch: Auch im vermeintlich fortschrittlichen Deutschland klaffen der Gleichheitsanspruch des Grundgesetzes und die gesellschaftliche Realität noch weit auseinander.

Sexismus im Alltag und Sport

Da gibt es den Volleyball-Club, der nichts dagegen hat, dass sein Sponsor die knappen kurzen Hosen der Sportlerinnen auf der Hinterseite mit dem Schriftzug prachtregion.de bedrucken lässt. Da ist der deutsche Online-Händler, der mit Mode und damit vor allem mit weiblichen Kunden europaweit ein Riesengeschäft macht, aber gerade erst für die nächsten Jahre eine Null-Prozent-Frauenquote für seinen Vorstand beschloss. Da ist der Kollege, der seine Chefin hinter kaum vorgehaltener Hand als Quotenfrau abqualifiziert, weil er ihr im Bewerbungsverfahren unterlag. Da sind die vermeintlich seriösen Zeitschriften, die Titelstorys zu Erkältungen und Rückenbeschwerden mit nackten Frauen covern. Und da sind die Sozialen Medien, in denen Männer weitgehend ungeahndet ihrem Frauenhass frönen können und weiblichen Usern aus nichtigsten Anlässen eine Vergewaltigung androhen oder gar den Tod wünschen. 

Und wem das alles viel zu deprimierend ist, der kann den Internationalen Frauentag dazu nutzen, sich an die Frauen zu erinnern, die vor über 100 Jahren in Deutschland und anderen Ländern ein großes Wagnis eingegangen sind und für ihre Rechte auf die Straße gingen. Gegen viele Widerstände erkämpften sie unter anderem das Frauenwahlrecht. Diese Frauen haben die Welt ein großes Stück gerechter, demokratischer und damit besser gemacht. Für alle, Frauen UND Männer. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

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