Kommentar: Der Neben-Papst | Kommentare | DW | 13.01.2020
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Katholische Kirche

Kommentar: Der Neben-Papst

Joseph Ratzinger kann nicht schweigen. Dabei hatte er bei seinem Rücktritt vom Papstamt versprochen, in Verborgenheit zu leben. Das Modell eines "ehemaligen Papstes" ist definitiv gescheitert, meint Christoph Strack.

Vatikan l Der emeritierte Papst Benedikt XVI besucht Papst Franziskus (Getty Images/F. Origlia)

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. mit seinem Privatsekretär, Erzbischof Georg Gänswein

Thomas Marschler ist katholischer Priester und lehrt Dogmatik an der Universität Augsburg. Er agiert theologisch gewiss nicht als linker Flügelstürmer und twittert überwiegend Abbildungen aus mittelalterlicher Kirchenliteratur und anspruchsvolle Zitate großer Theologen, gerne in lateinischer Sprache. An diesem Montag setzte er einen Tweet so kurz wie knapp und ironisch ab: "Mittagsvision: Der nächste Papa emeritus hat einen Twitter Account".

So wie Marschler reagiert eine Reihe von Theologen und Theologinnen in verschiedenen Ländern dies- und jenseits des Atlantiks auf die jüngste Leistung von Joseph Ratzinger: fassungslos. Denn der nun 92-Jährige greift ausgesprochen pointiert in eine derzeit heiß geführte Debatte ein, bei der die Weltkirche auf ein Dokument von Papst Franziskus wartet. Er äußert sich gegen jede Aufweichung der kirchlichen Zölibatspraxis. Und Ratzinger äußert sich nicht sorgenvoll in einem Vier-Augen-Gespräch mit seinem Nachfolger. Nein, er spricht in einem Buch, das er gemeinsam mit dem erzkonservativen Kurienkardinal Robert Sarah, einem beständigen Kritiker jedes kirchlichen Reformschrittes, im Februar vorlegt und für das der Verlag ab jetzt Vorbestellungen entgegennimmt.

War da was mit Rücktritt?

Das Buch-Cover selbst zeigt schon die Irrung deutlich, die das Zeug dazu hat, die katholische Kirche (weiter) in die Spaltung zu führen. Als Autoren-Namen stehen dort "Benedikt XVI." und Robert Kardinal Sarah. Das Titelfoto zeigt Ratzinger im päpstlichen Gewand. War da was mit Rücktritt? Eigentlich ja. Wer sich da neben Sarah äußert, ist eigentlich ein alter Geistlicher, der viele theologische Verdienste hat, der seit dem 28. Februar 2013 nicht mehr Benedikt XVI. ist und dessen Farbe nicht mehr das päpstliche Weiß ist. Er ist zurückgetretener Bischof von Rom.

Deutsche Welle Strack Christoph Portrait (DW/B. Geilert)

DW-Kirchenexperte Christoph Strack

An jenem 28. Februar vor sieben Jahren hielt der Papst aus Deutschland zum Abschied von den Kardinälen im Vatikan seine letzte öffentliche Rede. "Unter Euch ist auch der künftige Papst, dem ich meinen bedingungslosen Gehorsam und Ehrfurcht verspreche", sagte er. Schließlich, so betonte er, sei er "nur noch ein einfacher Pilger, der die letzte Etappe seiner Pilgerreise auf dieser Erde beginnt". Er wolle "verborgen vor der Welt leben" und sich dem Gebet widmen.

Dass die "Verborgenheit vor der Welt" nicht "Schweigen" bedeutet, weiß man seit Jahren. Und je länger, umso deutlicher wird, dass zum Gebet in Verborgenheit das Strippenziehen gehört. Im besseren Fall wird Ratzinger instrumentalisiert von ihm nahe stehenden Personen, zu denen - neben anderen - Erzbischof Georg Gänswein gehört. Im schlechteren Fall fährt der 92-Jährige einen bewussten Kurs gegen seinen Nachfolger. Derzeit werden alle paar Wochen Äußerungen bekannt, aus denen ein "Ich bin auch noch da" schreit; er könnte genauso gut auch twittern.

Benedikt sei "glasklar im Kopf"

So lief im deutschen Fernsehen am 6. Januar ein aktuelles Porträt, bei dem Ratzinger, vom Alter gezeichnet, im päpstlichen Weiß einem vor Glück strahlenden Reporter ins Mikrofon sprach. Und über ihm Gänswein, der in dem Film eigens betont, Benedikt sei "glasklar im Kopf" und habe nur bei den physischen Kräften "schon ziemlich Einbußen". Nun wirkt der Film wie eine Vorarbeit für die nächste Veröffentlichung. Denn Ratzinger ist ja "glasklar im Kopf". Sage bitte niemand, der alte Mann werde instrumentalisiert.

Mit der neuesten Äußerung erhöht Ratzinger den Druck auf seinen Nachfolger. Papst Franziskus, der selten in Ratzingers Quartier vorbeischaut, sprach mit Blick auf den knapp zehn Jahre älteren Vorgänger gelegentlich von einem Typ wie einem Großvater. "Ich spüre die Tradition der Kirche, und diese Tradition ist keine Sache fürs Museum", so Franziskus. Jene, die dem Benedikt-Typus noch nachhängen (und das sind nicht wenige im Zentrum der Kirche), verweisen gern darauf, Franziskus habe Ratzinger öffentliche Äußerungen ja erlaubt und verbiete sie nicht. Aber genau ein solcher Schritt, ein Verdikt gegen den Vorgänger, wäre ein gefundenes Fressen für jene Kardinäle, Bischöfe und Theologen, die die lehramtliche Autorität des menschelnden und theologisch manchmal freischärlerisch wirkenden Franziskus offen in Frage ziehen.

Braucht der einfache Pilger auf der letzten Etappe Besonderheit?

Einer derer, die deutlich konservativer als Franziskus sind, die aber die Singularität eines jeden Papstes betonen, ist der deutsche Kurienkardinal Walter Brandmüller (91). Er plädierte 2016 für eine klarere Definition eines zurückgetretenen Papstes. Dazu zähle das förmliche Ablegen des päpstlichen Namens und der Verzicht auf päpstlich anmutende Kleidung und Insignien. Aber diese Größe fehlt Benedikt und seinen Beratern. Dabei gehört zur Einfachheit des Pilgers auf seiner letzten Etappe eigentlich keine Besonderheit mehr.

In der aktuellen innerkirchlichen Sache ist der Sprengstoff nun platziert. Ende Oktober plädierte die von manchen Kritikern mit Hass begleitete Amazonassynode nach dreiwöchigen Beratungen mit mehr als Zweidrittelmehrheit dafür, dass am Amazonas in engen Grenzen die Priesterweihe für verheiratete ältere Männer möglich werden soll. Damit Gläubige die Messfeier, die im Zentrum des katholischen Glaubenslebens steht, nicht nur einmal im Jahr erleben können. Diese Frage kann - weil es eben nicht um ein Dogma aus dem Kern der kirchlichen Lehre geht - ein Papst entscheiden. Papst Franziskus muss sich dazu in einem sogenannten postsynodalen Schreiben äußern. Seine Signale, das Schreiben werde er bis zum Ende des Jahres 2019 veröffentlichen, erfüllten sich nicht. Man kann sich derzeit nur ausmalen, welches Ringen hinter den dicken Mauern des Vatikan abläuft. Aktuelle Kino-Filme sind ja davon inspiriert.

Das Modell eines "ehemaligen Papstes" ist gescheitert

Mag sein, dass sich Franziskus äußert, bevor das Ratzinger-Sarah-Buch am 20. Februar erscheint. Mag sein, dass dann der Widerspruch zwischen einem Papst und einem Ex-Papst manifestiert ist.

Klar ist jedenfalls, dass das Modell eines "ehemaligen Papstes", der im Vatikan, umgeben von Strippenziehern und bedacht von regelmäßigem Besuch mancher Einflüsterer, gescheitert ist. Es bringt die Kirche weiter in die Krise. Nun rächt sich, dass es für diesen in der Neuzeit nicht gekannten Fall eines Rücktritts vom Petrusamt, diesem der absoluten Monarchie vergleichbaren Amt, keine wirklichen Vorgaben gibt.

Joseph Ratzinger, dessen Würde als alter Mensch zu wertschätzen ist, erwies diesem seinem Lebensmodell einen Bärendienst, der gegen jede Wiederholung spricht. Die katholische Kirche ist so wichtig in Zeiten der Sinnsuche, der Dominanz von Materialismus und Egoismen. Zugleich ist sie so gefährdet durch die tatsächlich weltweite Dimension des Missbrauchsskandals und den seit 150 Jahren immer stärker manifestierten Klerikalismus. Und sie steht nun in einer Erschütterung ihrer Kernstruktur, der so singulären Herausgehobenheit des jeweiligen Papstes. Dafür verantwortlich sind Benedikt und seine Einflüsterer. Damit umgehen muss sein Nachfolger.

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