Kommentar: Bitte keine Kopie der abgebrannten Kathedrale Notre-Dame | Kommentare | DW | 16.05.2019
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Frankreich

Kommentar: Bitte keine Kopie der abgebrannten Kathedrale Notre-Dame

Einen Monat nach dem Brand von Notre-Dame in Paris ist in Frankreich sowie unter Denkmalpflegern eine kontroverse Diskussion im Gange: Wie soll die Kathedrale wiederaufgebaut werden? Felix Steiner plädiert für Mut.

Entwurf zum Wiederaufbau der Kathedrale Notre Dame (picture-alliance/Vincent Callebaut Architecture)

Einer der bereits vorliegenden Architekten-Entwürfe zum Wiederaufbau der Kathedrale Notre-Dame

Der Zeitdruck, den der französische Präsident bereits am Tag nach dem Brand aufgebaut hat, lässt für den Wiederaufbau von Notre-Dame das Schlimmste befürchten. Denn in fünf Jahren lässt sich mit viel Mühe bestenfalls eine Kopie des Zerstörten, aber nichts Neues schaffen.

Und auch die Ernennung eines pensionierten Fünf-Sterne-Generals zum Oberaufseher der Baustelle lässt nicht eben auf eine gelungene Weiterentwicklung der weltbekannten Kathedrale im Herzen von Paris hoffen. Zumindest sind Militärs bisher eher selten für ihre kreativen und künstlerischen Qualitäten bekannt. Augenscheinlich geht es Präsident Macron allein um den Sommer 2024: Zu den Olympischen Spielen in der französischen Hauptstadt soll Notre-Dame wieder in aller Pracht erstrahlen - koste es, was es wolle.

Jede Kathedrale ist ein Epochen-Mix

Aber ist eine reine Rekonstruktion überhaupt wünschenswert? Es geht immerhin um ein zentrales Bau- und Kulturdenkmal Frankreichs! Oder wäre eine zeitgenössische Weiterentwicklung - also moderne Elemente - nicht viel besser? Viele - vielleicht sogar die meisten - mögen bei diesem Gedanken instinktiv zusammenzucken. Aber sie seien daran erinnert: Nahezu jede der großen Kathedralen Europas ist ein bunter Mix verschiedener Baustile. Da sich die Bauzeit im Mittelalter zumeist über Jahrhunderte hinzog, änderten sich währenddessen technische Möglichkeiten, Moden und Geschmäcker. Jedes Schulkind erkennt den Wechsel von romanischen zu gotischen Fenstern an den riesigen Bauten und kann so bestimmen, welcher Teil älter und welcher jünger ist. Und wer stört sich an Renaissance- oder Barock-Altären im Inneren einer gotischen Kathedrale? Eben.

Steiner Felix Kommentarbild App

DW-Redakteur Felix Steiner

Originales Mittelalter war auch Notre-Dame vor dem verheerenden Großbrand nicht. Nahezu alle Skulpturen an den weltbekannten Türmen mussten im 19. Jahrhundert neu geschaffen werden, da sie im Furor der Französischen Revolution zerschlagen worden waren. Und da es weder Baupläne noch eine Dokumentation des Zerstörten gab, plante man einfach frei. Auch der markante Dachreiter, der am Abend des 15. April einstürzte, war eine Schöpfung des damals federführenden Architekten Viollet-le-Duc und mitnichten mittelalterlich. Wer also "original" wiederaufbaut, rekonstruiert allein das 19. Jahrhundert. Schafft ein Denkmal einer längst vergangenen Epoche. Man könnte auch sagen: ein Museum.

Genau das aber darf die Kathedrale im Herzen Europas nicht werden - auch wenn der nie abreißende Touristenstrom hier, wie in vielen anderen herrlichen Kirchen, oftmals genau diese Atmosphäre schafft. Kathedralen sind in erster Linie Gotteshäuser. Orte des Gebetes. Und Ausdruck des Glaubens. Wenn dieser museal ist, dann dürfen auch Kirchen so sein. Ist er aber lebendig, dann sollte sich das auch in stets modernen Ausdrucksformen zeigen - so, wie das über Jahrhunderte üblich war.

Deutschland Gerhard Richter Fenster im Kölner Dom (picture-alliance/dpa/R. Vennenbernd)

Moderne in einer gotischen Kirche? Das Gerhard-Richter-Fenster im Kölner Dom zeigt: Das geht!

Was macht eine zeitgemäße Kirche aus?

Dass der französische Staat der Besitzer von Notre-Dame ist, macht die Sache vor diesem Hintergrund vermutlich nicht leichter. Aber auch die Kirche selbst hat in einem zunehmend säkular werdenden Europa kaum noch Erfahrung mit modernem, stilbildendem Kirchenbau. Was macht eigentlich ein zeitgemäßes christliches Gotteshaus aus?

Es gilt also eine Balance zu finden zwischen den berechtigten Belangen des Denkmalschutzes und dem Bedürfnis, Sinnbild einer lebendigen Kirche in Frankreich zu werden. Am Geld - soviel ist schon seit mehr als drei Wochen klar - wird der schnelle Wiederaufbau von Notre-Dame nicht scheitern. Für die Überlegung, was man eigentlich aufbauen will, sollte man sich allerdings ausreichend Zeit nehmen. Auch um den Preis, dass Notre-Dame zu den Olympischen Spielen 2024 immer noch eine Baustelle ist. Aber ist das nicht ohnehin ein Kennzeichen aller aus dem Mittelalter stammenden Kathedralen?

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