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Russisch Roulette im Weißen Haus

Soric Miodrag Kommentarbild App
Miodrag Soric
27. Mai 2016

Am Ende seiner Amtszeit besucht US-Präsident Barack Obama Hiroshima. Einst wurde seine Atompolitik mit Vorschusslorbeeren bedacht. Allerdings zu Unrecht, sagt DW-Korrespondent Miodrag Soric.

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US-Präsident Barack Obama im Oval Office (Foto: Saul Loeb/UPI /LANDOV)
Bild: picture-alliance/dpa

2009 scheint eine politische Ewigkeit her zu sein: Ein junger Präsident versprach Hoffnung und Wandel, ein neues Denken: Schluss mit den Schablonen des Kalten Krieges! Energische Schritte hin zu einer atomwaffenfreien Welt - das forderte Barack Obama. Er kündigte einen massiven Abbau von Atomwaffen an. Kein Wunder, dass sich Menschen auf allen Kontinenten von dem neuen Mann in Washington D.C. angezogen fühlten. Die Europäer bedachten Obama gleich mit dem Friedensnobelpreis. Dabei hatte er sein Amt gerade erst angetreten.

Was hat er seitdem erreicht?

Die Fakten: Sein Vorgänger George W. Bush reduzierte die Zahl der strategischen Nukleararsenale von 6000 auf 2000. Obama baute lediglich 500 Sprengköpfe ab. Inzwischen hat seine Administration angekündigt, das Nuklearwaffenprogramm "wiederzubeleben": In den kommenden 30 Jahren investieren die USA die astronomisch hohe Summe von mehr als einer Billion - das sind 1000 Milliarden - Dollar in den Bau neuer Trägersysteme, Langstreckenflieger, ein Dutzend atomwaffenfähiger U-Boote und die Entwicklung so genannter "Mini Nukes" - Kernwaffen mit einer Sprengkraft unter fünf Kilotonnen.

DW-Washington-Korrespondent Miodrag Soric (Foto: DW)
DW-Washington-Korrespondent Miodrag Soric

Mit weitreichenden Folgen. Besonders die Entwicklung kleiner, taktischer Atomwaffen wird die globale Sicherheitsarchitektur verändern. Ihre Zerstörungskraft ist zwar geringer als die Hiroshima-Bombe. Dafür trifft sie den Feind auf dem Schlachtfeld präzise, so die Militärs. Die Hemmschwelle, diese "Mini-Nukes" einzusetzen, wird niedriger. Und die Welt wird weniger sicher - da sind sich Forscher vom Thinktank "Union of Concerend Scientists" in Washington einig. Obama sieht das allerdings anders. Er will seinen Nachfolgern im Konfliktfall lediglich "zusätzliche Entscheidungsmöglichkeiten" geben.

Doch damit öffnet sich die Büchse der Pandora Stück für Stück. Denn inzwischen basteln Russen, Chinesen und andere Atommächte auch an entsprechenden Waffen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis es unmöglich werden dürfte, diese Vielzahl von "Mini-Nukes" zu kontrollieren. Terroristen werden dies für ihre Zwecke nutzen. Oder es zumindest versuchen. Mit dem Bau von "Mini-Nukes" spielen Politiker - wie der US-amerikanische Präsident - Russisch Roulette.

Was also bleibt?

Dass Obamas Atompolitik scheiterte, hat viele Gründe. So misslang der Neuanfang in den Beziehungen mit Russland. Außerdem stellt sich die Frage, ob der Iran dauerhaft auf eigene Atomwaffen verzichten wird. Israel und viele arabische Länder sind da skeptisch. Der einstige Hoffnungsträger im Weißen Haus versuchte 2009 einen Neuanfang in der Sicherheitspolitik - mit dem alten "Politikestablishment": Robert Gates, Hillary Clinton und Vize-Präsident Joe Biden. Das war bestenfalls naiv. Schlimmstenfalls Selbstüberschätzung. Denn diese Politiker gehören in Washington zu den kältesten Kriegern.

Präsident Obama wird bei seinem Besuch in Hiroshima salbungsvolle Worte für die Gefahren des Atomkriegs finden. Doch die Zuhörer werden sich nicht täuschen lassen: An ihren Taten sollt ihr sie erkennen (1. Johannes 2,1-6).