Kommentar: Angst vor dem Kollaps | Kommentare | DW | 15.02.2016
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Kommentare

Kommentar: Angst vor dem Kollaps

Jedes Mal, wenn Nordkorea Atomwaffen oder Raketen testet, folgt der Ruf nach dem großen Nachbarn China, der Druck ausüben solle. Peking hätte durchaus Möglichkeiten, wird diese aber nicht einsetzen, meint Philipp Bilsky.

Nordkorea Präsident Kim Jong-un

Nordkoreas Präsident Kim Jong-un und seine Frau (li.) umgeben von den Mitgliedern der Band Moranbong

Geplant war es als bunte Show, doch es endete in einem diplomatischen Affront: Im Dezember hatte Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un die nordkoreanische Girl-Band Moranbong in das benachbarte China geschickt. Ihr Auftrag: ein Konzert, das ein Auftauen der abgekühlten Beziehungen zwischen Pjöngjang und Peking symbolisieren sollte. Doch dann packten die Sängerinnen plötzlich ihre Koffer. Der Auftritt wurde abgeblasen. Die genauen Hintergründe sind bis heute unklar. Die Gerüchte reichen von Unstimmigkeiten über einen anti-amerikanischen Liedtext bis hin zu Ärger Chinas über nordkoreanische Drohungen mit der Wasserstoffbombe. Doch eines war die plötzliche Abreise der Nordkoreanerinnen in jedem Fall: eine diplomatische Ohrfeige für Peking.

Frostiges Klima

Nur ein kleines Beispiel, das allerdings zeigt, wie schlecht es um die Beziehungen zwischen China und seinem Nachbarn Nordkorea derzeit steht. China hat in den vergangenen Jahren wiederholt deutlich gemacht, dass es gegen das nordkoreanische Atomprogramm ist. Nach dem jüngsten Abfeuern einer Langstreckenrakete erklärte Peking, dies werde die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel nur noch verschärfen. Nach dem angeblichen Test einer Wasserstoffbombe Anfang Januar betonte das chinesische Außenministerium, China sei "entschieden gegen" den Atomtest und bestellte den nordkoreanischen Botschafter ein. Die politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern sind auf einem Tiefpunkt. Vom einstigen Verhältnis zweier "Bruderstaaten" ist ganz offenbar nicht mehr viel übrig.

Bilsky Philipp Kommentarbild App

Philipp Bilsky leitet die China-Redaktion der DW

Doch heißt das, dass Peking keine Möglichkeiten hätte, mehr Druck auf Nordkorea auszuüben? Nein. Denn richtig ist auch: Nordkorea ist wirtschaftlich vom Nachbarn China abhängig. Nach Zahlen des chinesischen Zolls hat China in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres rund 176.000 Tonnen Öl nach Nordkorea exportiert, sowie mehr als 23 Millionen Tonnen Getreide. Wenn China seinen Handel mit Nordkorea einfrieren würde, könnte es Nordkorea an den Rand des Kollaps bringen und möglicherweise sogar zum Zusammenbruch. Und genau das ist das Problem.

Denn es gibt nur wenige Szenarien, die der Regierung in Peking so viele Sorgen machen, wie ein Zusammenbruch Nordkoreas. Und das aus zwei Gründen: Zum einen würde ein Kollaps Nordkoreas eine millionenfache Flüchtlingswelle in den chinesischen Nordosten auslösen - mit unabsehbaren wirtschaftlichen und sozialen Folgen. Zum anderen wäre eine mögliche Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel und damit eine potenzielle Stationierung südkoreanischer und us-amerikanischer Streitkräfte direkt an Chinas Grenzen aus Sicht Pekings ein geopolitischer Albtraum.

Angst vor anderem Szenario

Natürlich hat auch Peking kein Interesse an einem Wettrüsten vor der eigenen Haustür. Doch betrachtet durch die Brille der chinesischen Regierung stellt sich die Situation komplexer dar: Dass Pjöngjang vollständig auf seine Atomwaffen verzichtet, ist eher unwahrscheinlich - auch im Falle wirtschaftlichen Drucks. Aber: Die Aufrüstung Nordkoreas richtet sich ohnehin nicht gegen China. Sie zielt auf die USA, auf Südkorea und Japan, und muss demnach vor allem Politikern in Washington, Seoul und Tokio schlaflose Nächte bereiten. Mit einem - aus chinesischer Sicht - geostrategischem Albtraum im Falle einer koreanischen Wiedervereinigung oder Millionen Hungerflüchtlingen aus Nordkorea wäre hingegen alleine China konfrontiert. Solange dieses Szenario für Peking das desaströsere ist, dürfte sich an der chinesischen Haltung gegenüber Pjöngjang kaum etwas ändern.

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