Kolumne: Warum die Freiheit in Berlin ihren Preis hat | Berlin 24-7 | DW | 25.02.2018
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Berlin 24-7

Kolumne: Warum die Freiheit in Berlin ihren Preis hat

Viele Menschen kommen nach Berlin auf der Suche nach der großen Freiheit. Manche zahlen einen hohen Preis dafür. Denn nicht jeder hat gelernt, mit den Konsequenzen der Freiheit umzugehen, meint DW-Kolumnist Gero Schließ.

Ich habe nicht viele Filme auf der Berlinale gesehen, aber dieser hat es in sich: "Das alte Gesetz" von Ewald André Dupont. Ein herausragendes Werk der deutsch-jüdischen Filmgeschichte, das jetzt nach der digitalen Restaurierung der Deutschen Kinemathek und mit einer neuen Musik von Philippe Schoeller auf der Berlinale Weltpremiere feierte. Es ist ein Stummfilm-Klassiker aus dem Jahre 1923. Für mich könnte dieser Klassiker nicht aktueller sein. Denn er lässt mich nachdenken über Berlin und mein Leben in dieser Stadt.

Den Traum in Berlin leben

Man sieht einen jüngeren und einen älteren Juden in einem Schwarzweißbild, beide nachdenklich

Szene aus dem Film "Das alte Gesetz": Den jungen Baruch drängt es aus der Enge seines Dorfes hinaus in die Welt

Im Film geht es um Gegenwelten: Das osteuropäische Schtetl steht für Tradition, Zurückgezogenheit, Weltferne. Die Stadt Wien für Liberalität, kulturelle Offenheit und Freiheit.

So wie der junge Rabbinersohn Baruch aus den kleinen, begrenzten Verhältnissen seines Dorfes nach Wien kommt, um dort als Schauspieler seinen Traum zu leben, so sind viele meiner Freunde und Bekannte aus aller Welt nach Berlin gekommen. Sie haben ganz unterschiedliche Träume im Gepäck.    

Da ist das Ehepaar, das in San Francisco nach der Präsidentschaftswahl das Zuhause und hochdotierte Jobs aufgegeben hat, weil es dem Sohn nicht ein Leben unter Trump zumuten will.

Oder der junge schwule Inder, der ungeoutet ist und in Berlin jetzt als Designer Arbeit gefunden hat.

Demonstration gegen Trump vor dem Brandenburger Tor (picture alliance/dpa/G. Fischer)

2016: Protestkundgebung gegen Trump vor der Amerikanischen Bootschaft

Gefühlte Heerscharen von Männern kommen gerade aus Australien nach Berlin: Sie leben hier die große Freiheit: Sex, Drogen, Party. Und das alles weit, weit weg von der Heimat. Es sind viele und es werden immer mehr, sagt mir ein Sprecher der australischen Botschaft und zählt zu den 3300 in Berlin gemeldeten Australiern noch eine hohe Dunkelziffer.

Oder die beiden Mädchen aus Celle, die in Berlin einfach das Studentenleben genießen und offensichtlich weniger über die Stränge schlagen, als ihre männlichen Kommilitonen.

Berlin fordert einen Preis

Fast alle erzählen mir, dass Berlin sie verändert habe. Sie bezahlen einen Preis, manche einen sehr hohen Preis. So wie im Film der strahlend junge Baruch seinen Weggang nach Wien mit der totalen Entfremdung von der streng religiösen Familie "bezahlen" musste.

Es ist eine Faust zu sehen die ins Bild gehalten wird

Gewalt in Berlin - oft trifft sie Neuankömmlinge völlig unvorbereitet

Einen sehr hohen Preis zahlt der junge indische Designer. Als ich ihn nach langer Zeit wiedersehe, wirkt er seltsam verändert, erzählt von "Nazis", die ihn und eine thailändische Freundin brutal zusammengeschlagen haben. Sie hatte Glück im Unglück und hat Deutschland inzwischen verlassen, er aber lag mit zertrümmerten Knochen mehr als ein halbes Jahr im Krankenhaus und muss auch heute noch Medikamente nehmen.

Auch das Ehepaar aus San Francisco mit dem kleinen Sohn zahlt einen Preis, wenn auch einen vergleichsweise kleinen: Es ist nicht gelungen, an die Karrieren in Silicon Valley anzuknüpfen. Sprachbarriere und Mentalitätsunterschiede scheinen schier unüberwindlich.  

Und der Preis der jungen Männer aus Australien? Der Botschaftssprecher erzählt von einer australischen Band, die über das Berliner Partyleben die Arbeit vergaß. Andere verlieren sich und den Bezug zur Realität. Sie sind nicht mehr sie selber, werden krank bis hin zur Depression. 

Sehnsuchtsort Berlin

Bild von Gero Schließ vor dem Kolumnenlogo Berlin 24/7

Berlin verändert die Menschen, sagt Gero Schließ

Berlin ist wunderbar wild, weckt Sehnsüchte und Begehrlichkeiten, die bisher unbewusst in einem schlummerten. Ja, es ist so: Berlin treibt die Gegensätze auf die Spitze - und viele Beziehungen auseinander.

Nur die Mädchen aus Celle scheinen eine gute Balance gefunden zu haben. Sie werden eines Tages wieder zurück gehen, sagen sie mit einem Lächeln. Berlin ist eine tolle Stadt. Aber Celle ist ihre Heimat. 

Übrigens: Am Ende versöhnt sich Baruch mit seinem Vater. Der kommt zu einer Vorstellung nach Wien ins Burgtheater und versteht plötzlich, wovon sein Sohn so beflügelt ist. Ein Happy End, das ich allen wünsche, die auf dem Weg zwischen den Welten verloren zu gehen drohen.

 

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