Kolumne: Warum Berlin so dreckig ist | Berlin | DW | 18.03.2018
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Berlin

Kolumne: Warum Berlin so dreckig ist

Jeder Berliner produziert 233 Kilo Müll im Jahr. Zuviel davon landet auf Straßen und Plätzen, findet unser Kolumnist Gero Schließ. Für ihn ist der Müll in Wahrheit ein Mentalitätsproblem.

Immer wenn mich Freunde aus den USA besuchen, loben sie Berlin für seine Sauberkeit. Dann beginne ich meine Freunde zu bedauern. Wenn sie schon finden, dass Berlin eine saubere und adrette Stadt ist, wie muss es dann erst bei ihnen zu Hause aussehen?

Müll quillt im Park aus Abfalleimer- Volkspark Friedrichshain (picture-alliance/dpa/A. Warnecke)

Immer wieder quellen die Abfalleimer in Parks über

Uringestank auf Straßen und Brücken, Abfallberge in Parks, "zufällig" vergessener Bauschutt, Essensreste vor Fast-Food Restaurants, leere Falschen und Zigarettenkippen auf U- und S-Bahnhöfen: So sauber ist Berlin, liebe Amerikaner! Und diese Sudel-Reihe ließe sich locker fortsetzen.

Etwa so: "Jetzt amtlich: Berlin versinkt in Sperrmüll", titelte vor wenigen Monaten das Berliner Boulevardblatt B.Z. und beschwerte sich über Abfallferkel, die überall in der Stadt Möbel, Säcke und Matratzen liegen ließen. Tja, Abfallentsorgung ist eben nicht gebührenfrei in Berlin. Und der Berliner steckt sein Geld lieber in "Moscow Mule"-Cocktails als in die Müllentsorgung. Und überhaupt: Gehören ranzige Sofas und fleckige Matratzen nicht zum Berlin-Style, sind Ausdruck der viel beschworenen Lässigkeit und Sexyness? Soviel Naivität nervt. Mensch Berlin, wach auf, werde endlich erwachsen! Lebe deine Pubertät in den Clubs aus, aber nicht auf der Straße!

Keine Toleranz gegenüber Müll-Sündern

Immerhin, die Berliner S-Bahn reagiert jetzt auf den Müll-Notstand: "Uns können Sie die schmutzigsten Dinge anvertrauen", ermutigen Aufkleber die verärgerten Kunden. Per Whatsapp können Verschmutzungen gemeldet werden, die dann von Mülltrupps zeitnah beseitigt werden. Bei 166 Bahnhöfen und 3000 Zugfahrten am Tag kommt da viel zusammen.

rote Plastikbeutel mit Hundekot liegen um einen Mülleimer herum, teils zermatscht - Charlottenburg (picture alliance/W. Steinberg)

Plastiksäcke mit Hundekot werden nicht richtig entsorgt

Überhaupt: Die Berliner Bürokratie zeigt Null-Toleranz gegenüber Müllsündern. Oder sie tut zumindest so. Ihre Antwort ist ein ach so martialischer Bußgeldkatalog. Wer zum Beispiel "schlammige Stoffe" wie Fäkalien liegen lässt, kommt mit schlappen 10-35 Euro davon. "Unbedeutende Produkte" (zum Beispiel Pappbecher oder –teller, Taschentuch, Zigarettenschachtel, Inhalt eines Aschenbechers, Bananenschalen) kosten den Dreckfink laut Bußgeldordnung auch nur 35 Euro. Das Vergraben von Hausmüll ist mit 30 Euro sogar noch fünf Euro billiger.

Damit dieser Bußgeldkatalog auch wirklich Furcht und Schrecken verbreitet, hat sich der Berliner Senat laut Koalitionsvereinbarung etwas Besonders ausgedacht. 100 Abfall-Sheriffs sollen ab sofort die Stadt sicherer machen – vor Dreck und illegalem Müll. Auch Hundehalter werden künftig scharf kontrolliert: Damit sie auf Gassi-Tour auch ja einen Plastik-Beutel mitführen.

Für dieses Müllprojekt gibt der rot-rot-grüne Senat immerhin 8.4 Millionen Euro aus.

Viel Geld für Abfall, finde ich. Und das vor dem Hintergrund der erbärmlichen Erfahrungen, die im Berliner Bezirk Neukölln gesammelt wurden. Dort jagten schon im vergangenen Jahr die gefürchteten Müllsheriffs. Ganze 28 Müllsünder machten sie dingfest, lächerliche 6800 Euro an Bußgelder wurden verhängt.

Grüner Container, in dem sich Plastik-Müllsäcke stapeln - Mobijou-Park (picture-alliance/dpa/P. Zinken)

Selbst große Container reichen nicht für den Müll, der sich in Parks und Straßen ansammelt

Das ist übrigens der Kiez von Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD), die jetzt in der neuen Bundesregierung mit soviel Vorschusslorbeeren zu Ministerehren kommt. Immerhin ein Trost, dass sie im neuen Amt nicht für Müll und seine Beseitigung verantwortlich ist.   

Welche dramatischen Folgen die Berliner Müll-Versäumnisse haben, ist jetzt sogar Berlins Innensenator Andreas Geisel aufgefallen. Er formuliert neuerdings scharf, spricht von der "Verwahrlosung des öffentlichen Raums". Und die ist für ihn zum ernsten Sicherheitsproblem geworden. Frei nach dem Motto: Wo Müll rumliegt, fällt auch eine eingeschlagene Schaufensterscheibe nicht so auf. Sollte der Innensenator seine Polizisten also künftig eher mit Besen und Kehrschaufeln statt mit Pistolen ausstatten? 

Wahnsinn, aber in Berlin nicht auszuschließen. Doch das wäre auch wieder nur so eine kosmetische Maßnahme.

Reinemachen in den Köpfen

Lassen wir das Make up weg und blicken der ungeschminkten Wahrheit fest ins Auge. Für mich spiegelt das Mülldesaster nichts weniger als die Mentalität der Berliner. Sprechen wir es aus: So verlottert, wie es draußen aussieht, sieht es auch drinnen in den Köpfen aus. Berlin ist verliebt ins Scheitern, schrieb neulich die Wochenzeitung "Die Zeit".

08.2016 Kolumne Gero Schließ

Berliner sollen im Kopf und in den Straßen reinemachen, findet Gero Schließ

Das betrifft zumindest den Mangel an Perfektion und Verlässlichkeit, wovon etwa der Hebammennotstand in Krankenhäusern oder die Schlangen vor Standesämtern Zeugnis ablegen.  

Berliner Wurschtigkeit und Größenwahn mögen ja zuweilen ganz unterhaltsam sein. Aber sie sind nicht akzeptabel für jene, die funktionierende Schulen, irgendwann mal einen fertigen Großflughafen oder eine halbwegs saubere Stadt erwarten.

Wenn Berlin eine Person wäre, würde ich ihr eine Therapie verordnen. So bleibt mir nur, auch beim Müllproblem auf die - im wahrsten Sinne des Wortes - Selbstreinigungskräfte der Stadt zu hoffen. Darauf, dass das Reinemachen in den Köpfen anfängt. Damit ich beim Lob meiner amerikanischen Freunde für die Sauberkeit Berlins künftig nicht mehr betreten weggucken muss.

 

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