Kohlekraftwerke rechnen sich nicht mehr | Wirtschaft | DW | 07.09.2015
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Wirtschaft

Kohlekraftwerke rechnen sich nicht mehr

Im Zuge der Energiewende verzeichnet die Bundesnetzagentur Rekord von Stilllegungsanträgen für konventionelle Kohlekraftwerke. Die Betreiber wollen nicht auf Kosten sitzenbleiben. Aber nicht jeder Antrag geht durch.

Die Liste der Anträge auf Stilllegung von konventionellen Kohlekraftwerken wird immer länger. Allein im Juni gingen bei der zuständigen Bundesnetzagentur 16 neue Stilllegungsanzeigen von Stromkonzernen ein. Die Begründung der Betreiber lautet durchweg: nicht mehr rentabel. Doch nicht nur große Energieerzeuger wie RWE, Vattenfall oder Eon wollen Kraftwerksblöcke vom Netz nehmen, sondern auch regionale Versorgungsunternehmen. Hinter den insgesamt rund 70 Stilllegungsanträgen steht eine Gesamtleistung von 14.400 Megawatt, so dass auch die Diskussion um die Versorgungssicherheit wieder auflebt.

Im Zuge der Energiewende lässt sich mit Kohlekraftwerken kaum mehr Geld verdienen. Der Energieversorger RWE hat darum gleich fünf Kraftwerksblöcke zur Stilllegung angemeldet. Die Begründung lautet: "Der voranschreitende Ausbau der erneuerbaren Energien nimmt den konventionellen Kraftwerken zunehmend Einsatzzeiten, gleichzeitig befinden sich die Großhandelspreise für Strom seit geraumer Zeit auf Talfahrt." Bei Eon kommt man ohne Umschweife auf den Punkt: "Wir werden keine Kraftwerke betreiben, die dauerhaft unwirtschaftlich sind." Ein Standpunkt, den nicht nur Eon einnimmt. Immerhin geht es bei zwei Drittel der 70 Stilllegungsanträge um eine dauerhafte Abschaltung. Lediglich beim verbleibenden Drittel, also einer Leistung von knapp 5000 Megawatt, haben die Betreiber noch einen Funken Hoffnung auf bessere Zeiten und setzen nur auf eine vorübergehende Stilllegung.

Keine Abschaltung von heute auf morgen

Versorgungsengpässe, selbst wenn noch mehr Stilllegungsanträge eingehen sollten, hält das Bundeswirtschaftsministerium für ausgeschlossen. Zum einen, versichert ein Sprecher der Bundesnetzagentur, "gibt es in Deutschland ausreichend Energieerzeugungskapazitäten." Zum anderen geht kein Kraftwerk von heute auf morgen vom Netz. So müssen Kraftwerksbetreiber, die Anlagen abschalten wollen, diesen Schritt ein Jahr im Voraus anmelden. Dann überprüft die Bundesnetzagentur, ob diese Kraftwerksblöcke für die Versorgungssicherheit systemrelevant sind. Als systemrelevant gelten Anlagen mit Kapazitäten von mehr als 2700 Megawatt. Sollte dies der Fall sein, dann kann die Behörde eine Abschaltung verhindern und Energieunternehmen zwingen, auch unwirtschaftliche Kraftwerke weiter zu betreiben. So wie beispielsweise das Eon-Kraftwerk im bayerischen Irsching. In diesem Fall erhält das Unternehmen eine Art Entschädigung, jedoch nicht aus öffentlichen Kassen. Diese Entschädigung finanzieren die Verbraucher über ihre Stromrechnung.

Eine Notfallregelung zur Verhinderung von regionalen Schwierigkeiten bei der Stromversorgung, die ins Geld geht. Darüber hinaus muss die Bundesnetzagentur für den nächsten Winter wieder eine Reihe von konventionellen Reservekraftwerken unter Vertrag nehmen. Schließlich gilt es, die Stromversorgung zu gewährleisten, wenn witterungsbedingt die Energielieferanten Sonne und Wind nicht mitspielen. Der Kraftwerksbetreiber Steag aus Essen schöpft daraus Hoffnung und hat noch keinen Stilllegungsbeschluss gefasst. Denn es habe sich gezeigt, "dass Steinkohlekraftwerke mit größtmöglicher Flexibilität auf schwankende Einspeisung aus Sonnen- und Windenergie reagieren können." Außerdem baut man auf bisherige Signale aus der Politik, dass man während der Atomausstiegs nicht auf Kohlekraftwerke verzichten könne.

Es bleibt eine Lücke für Gas oder Kohle

Eine von der Landesregierung von Rheinland-Pfalz in Auftrag gegebene Studie kommt dagegen zu einem anderen Ergebnis. Bis 2040, so die Autoren der Studie, könnten die Kohlekraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden, ohne die Stromversorgung zu gefährden. Voraussetzung neben dem forcierten Ausbau der Wind- und Sonnenenergie sei dabei aber auch den Bau von neuen Gaskraftwerken. Das koste natürlich Geld, würde den Verbraucher aber nicht über Gebühr belasten. Je nach Entwicklung der Kosten für die Kohlenstoffdioxid-Emissionen würde sich der Strompreis bis 2030 dadurch nur um 0,7 bis 2,7 Cent pro Kilowattstunde erhöhen. Ab 2035 rechnen die Experten sogar mit Kostenvorteilen für die Stromkunden.

Fest steht: die Energiewende gibt es nicht zum Nulltarif. Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zahlt ein Durchschnittshaushalt inzwischen etwa 270 Euro pro Jahr für den Umstieg auf regenerative Energien. Unter dem Strich stehen Gesamtkosten von jährlich 28 Milliarden Euro. Der größte Batzen davon entfällt auf die Umlage für die Förderung erneuerbarer Energien. Hinzu kommen gut Milliarden Euro für den dafür notwendigen Netzausbau. Und der zieht sich hin, da die Trassenführung von Norden nach Süden politisch weiter umstritten ist.

Etwa 16 Prozent des Stroms speisen die noch vorhandenen acht Atomkraftwerke ins Netz, die 2020 abgeschaltet werden. Dann bleibt zur Schließung von Lücken noch immer die Kohle, an der aber der Schwarze Peter der Umweltbelastung klebt. Zurzeit gibt es in der Bundesrepublik noch rund 130 Kohlekraftwerke. Wie viele übrig bleiben werden, das ist nicht nur eine Frage der sicheren Stromversorgung, sondern auch des Preises und damit des politischen Entgegenkommens. Energieunternehmen wie RWE und Eon lassen durch ihre vermehrten Stilllegungsanträge jedenfalls keinen Zweifel daran, dass sie nicht bereit sind, auf den Kosten sitzenzubleiben.

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