Klimawandel begrenzen, um Arten zu schützen | Wissen & Umwelt | DW | 20.05.2018
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Biodiversität

Klimawandel begrenzen, um Arten zu schützen

Naturschützer kämpfen dafür, Arten vor dem Aussterben zu bewahren. Klimaschutz ist möglicherweise eine Schlüsselmaßnahme. Er könnte die Tiere bewahren, von denen wir am abhängigsten sind.

Die rote Liste der gefährdeten Arten weltweit wird von Jahr zu Jahr länger. Momentan listet die Weltnaturschutzunion IUCN 5583 vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten, inklusive Unterarten. Weitere 20.000 Arten gelten als gefährdet oder stark gefärdet.

Viele Tierarten sind bedroht, weil sie gejagt oder gewildert werden. Darunter die Schuppentiere: ihr Fleisch und ihre Schuppen sind in China heiß begehrt, als Delikatesse beziehungsweise für die traditionelle chinesische Medizin. Alle acht Schuppentierarten sind bedroht, einige stehen kurz vor dem Aussterben. Inzwischen ist der Handel mit ihnen laut CITES zwar verboten, aber der illegale Handel geht weiter.

Schuppentiere Pangolin (picture-alliance/dpa/Photoshot)

Schuppentiere könnten in zehn Jahren schon aussterben.

Heimatlos

Viele andere Arten leiden vor allem unter Lebensraumverlust. Alle drei Orang-Utan-Arten etwa sind vom Aussterben bedroht, weil immer mehr Bäume in den Wäldern, in den sie leben, gefällt werden, um Platz für Palmölplantagen zu schaffen.

Aus Streuobstwiesen werden Neubaugebiete, und Gartenteiche werden zugeschüttet, um an ihrer Stelle eine Grillecke zu errichten - in unserer modernen Welt haben viele Tiere und Pflanzen einfach keinen Platz mehr.

Der Klimawandel wird die Lage noch weiter verschlimmern. Denn Arten, die an die Savanne angepasst sind, können nicht überleben, wenn sich ihre Heimat zur Wüste umwandelt. "Jede Art bevorzugt ein ganz bestimmtes Klima", sagt Rachel Warren von der Universität East Anglia im britischen Norwich, gegenüber der DW. "Wir mögen es ja auch nicht, wenn es zu heiß, zu kalt, zu nass oder zu trocken ist."

Eisbären (Imago/D. Delimont)

Nicht nur Eisbären sind vom Klimawandel bedroht.

Warren und ihre Kollegen in East Anglia sowie an der James-Cook-Universität in Australien nahmen 115.000 Arten rund um den Globus unter die Lupe. Sie schauten sich deren Lebensraum an und wie er sich in einer wärmer werdenen Welt verändern wird. Selbst ein Unterschied von 0,5 Grad Celsius kann eine Frage von Überleben oder Aussterben sein, schreiben sie am Donnerstag in "Science".

Das Übereinkommen von Paris will die Erderwärmung auf unter 2 Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Werten begrenzen, wenn möglich sogar auf 1,5 Grad. "Dieses ultimative Ziel des Paris-Übereinkommens von 1,5 Grad würde für die Biodiversität enorme Vorteile bedeuten", sagt Rachel Warren.

Ein halbes Grad Unterschied

Die Forscher untersuchten drei Szenarios: eine Erderwärmung von 1,5 Grad, 2 Grad und von 3,2 Grad Celsius. Auf letzteren Wert laufen wir derzeit zu, wenn alle Länder ihre international abgegeben Versprechen in punkto CO2-Emissionsreduktion einhalten.

Nach derzeitigem Verlauf würden bis zum Jahr 2100 etwa 49 Prozent aller Insekten, 44 Prozent aller Pflanzen und 26 Prozent aller Wirbeltiere die Hälfte ihres Lebensraum verlieren. Beschränkt sich die Erderwärmung auf 2 Grad Celsius, wären es noch 18%, 16% beziehungsweise 8%. Und bei einer Erwärmung von 1,5 Grad Celsius erniedrigt sich die Zahl der betroffenen Arten auf 6% der Insekten, 4% der Pflanzen und 4% der Wirbeltiere. In dem Fall hätte quasi der Großteil der weltweiten Arten Glück gehabt.

"Die aktuelle Studie bestätigt frühere Erkenntnisse, dass der Klimawandel die Biodiversität bedroht", sagt Tiffany Knight vom deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig. "Es gibt klare und eindeutige Belege dafür, dass der Klimawandel bereits die geographische Verbreitung, die Häufigkeit und die Migrationsmuster von Arten beeinflusst hat und damit die Biodiversität des Planeten bedroht."

Aber, so fügt die hinzu: "Wenn wir als globale Gemeinschaft die Ziele des Pariser Klima-Abkommens erreichen oder übertreffen können, dann können wir einige der prognostizierten dramatischeren Verluste verhindern, die fatale Folgen für uns Menschen hätten." 

Costa Rica UNO Auszeichnung zum Schutz der Artenvielfalt (picture-alliance/dpa/P. A. Leyton)

Kleine Temperaturschwankungen haben große Auswirkungen für viele Arten

Die großen Gewinner

Eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius würde vor allem den Insekten helfen, denn sie sind vom Klimawandel der Studie nach besonders stark betroffen. "Das liegt vermutlich daran, dass Insekten Kaltblüter sind und ihre Körpertemperatur nicht kontrollieren können", spekuliert Warren. Viele Insektenarten könnten zudem nicht ihren Standort wechseln, wenn sich das Klima verändert. Das gilt etwa für Käfer, die im Boden leben.

Insekten vor dem Klimawandel zu bewahren, sei ganz besonders wichtig, betonen die Forscher: Insekten stehen ganz vorne in der Nahrungskette und sind daher Nahrungsquelle für viele Vögel, Reptilien und Säugetiere. Wenn die Insekten sterben, sterben viele andere Arten mit ihnen.

Im Endeffekt hängen auch wir von den Insekten ab, nicht nur, weil sie Blüten bestäuben und daher für die Landwirtschaft unerlässlich sind. Eine Studie schätze 2005 den ökonomischen Wert der Bestäubung auf 153 Milliarden Euro. "Wir fanden, dass vor allem die bestäubenden Insekten empfindlich auf eine Erderwärmung reagieren", sagt Warren.

Spitzmaulnashorn Kenia (Imago/Chromorange)

Das Spitzmaulnashorn ist vor allem durch Wilderei bedroht.

Der Mühe wert

Die Artenvielfalt zu erhalten lohnt sich - nicht nur wegen der Bestäuber. Ein artenreiches Ökosystem sorgt auch für fruchtbaren Boden, für saubere Luft und sauberes Wasser, betont Warren. Aber die Forscher geben selbst zu, dass eine Beschränkung der Erderwärmung auf 1,5 Grad vermutlich gar nicht mehr gelingen wird. Umso wichtiger sei es, rechtzeitig Ausweichräume für Arten zu schaffen, damit sie sich an den Klimawandel anpassen können.

Größere Naturschutzgebiete und Wanderkorridore wären so eine Möglichkeit. Den Schuppentieren allerdings würde das vermutlich gar nicht mehr nützen. Experten befürchten, dass die scheuen Säugetiere innerhalb der nächsten zehn Jahre aussterben könnten, noch bevor Forscher die Chance hatten, ihr Verhalten genauer zu studieren.

Wilderer zu stoppen und den Menschen in China beizubringen, dass sie auf Schuppentierfleisch und -medizin verzichten sollten - für die Schuppentiere ist das zunächst wichtiger als der Klimaschutz. Doch Rachel Warren betont, dass es unabdingbar sei, frühzeitig auch über Klimaschutz nachzudenken. "Wenn wir nicht rechtzeitig handeln, stehen wir später großen Problemen gegenüber."

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