Überfordertes Gehirn in der Klimakrise: Was hilft? | Wissen & Umwelt | DW | 02.11.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Gesellschaft

Überfordertes Gehirn in der Klimakrise: Was hilft?

Die Bedrohung durch die Klimakrise bleibt für viele unverständlich, und die Zusammenhänge komplex. Obwohl die Gefahr wächst, hapert es beim Handeln, viele lehnen Veränderungen ab. Was tun, ohne mehr Panik zu machen?

Die Wissenschaft ist sich einig, die Fakten sind klar: Wenn die Menschen ungebremst weiter Treibhausgase emittieren so wie in den letzten Jahrzehnten, dann ist in 80 Jahren unser Planet mindestens vier Grad heißer als vor der Industrialisierung, so Klimaforscher Stefan Rahmstorf. "Und die Erwärmung hört dann ja auch nicht auf, sondern sie wird dann in weiteren 100 Jahren noch auf sieben, acht Grad ansteigen. Ich glaube nicht, dass die menschliche Zivilisation das überleben würde," sagt der Ozeanograf im DW-Interview

Gehirn auf die Gefahrenlage nicht vorbereitet

Normalerweise regieren wir sehr schnell auf Gefahren: Ein Feuer wird gelöscht, wer bedroht wird, flieht und Kinder werden immer besonders geschützt - Eltern tun, was sie können. Warum reagieren Menschen dann so zögerlich auf die elementare Bedrohung durch Erderhitzung? 

"Wir sind evolutionär für diese Gefahrenlage nicht gebaut", erklärt Andreas Ernst, Professor für Umweltsystemanalyse und Umweltpsychologie an der Universität Kassel. "Wir reagieren auf ein Rascheln im Gebüsch blitzschnell. Aber die Bedrohung durch den Klimawandel ist abstrakt." Und die Erwärmung geht langsam,  auch wenn inzwischen Auswirkungen immer spürbarer werden.

Junge Frau von Fridays for Future mit Plakat. Darauf steht: Our House is on Fire

Vor allem junge Aktivisten fühlen sich bedroht - die Fridays for Future Demos treffen den Nerv

Es falle deshalb schwer, mit diesen komplexen Zusammenhängen umzugehen: Die Erderhitzung komme nicht direkt, sondern mit großer Verzögerung und es fehle der direkte und unmittelbare Bezug zu unserem Alltagshandeln, so Ernst. 

Zahlen bleiben unverständlich

Die Berichte der Wissenschaftler des Weltklimarats (IPCC) sind zwar eindeutig, doch viele Laien, ebenso wie Politiker verstehen die Details kaum. Die Konsequenz: Die Umsetzung der Empfehlungen hapert. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forscherteam, das die IPCC-Berichte analysierte.  

Kaum vorstellbar für viele Menschen ist zum Beispiel eine ganz grundlegenden Grösse wie eine Tonne des Treibhausgases CO2. Auch Gase haben ein Gewicht - das ist aber nicht wirklich fühlbar. Solche Zahlen "erreichen die Psyche des Menschen nicht wirklich", sagt Ernst. 

Protest von Extinction Rebellion in London: Auf dem Transparent steht Oil = Death

Klarer Zusammenhang: Extinction Rebellion will das Aussterben verhindern

Dabei ist der Umgang mit CO2 wesentlich in der Klimakrise, denn je mehr Treibhausgase in der Luft sind, desto schneller erwärmt sich die Erde. CO2 entsteht vor allem beim Verbrennen von Öl, Kohle und Erdgas. Um die  Erderhitzung auf maximal zwei Grad zu begrenzen, sollte der CO2 Ausstoss möglichst schnell reduziert werden, spätestens bis 2050 komplett. Um unter 1,5 Grad Erhitzung zu bleiben, müsste die Welt noch schneller klimaneutral werden.

Es hilft, die Zahlen möglichst verständlich zu machen, rät der Psychotraumatologe Prof. Christoph Nikendei von der Universitätsklinik Heidelberg. Bei der Klimakommunikation müsse das emotionale Gehirn mit angesprochen werden, der Klimawandel könne dann ein Teil der Lebensrealität werden

Wie viele Bäume verbraucht ein Flug? 

Um bei dem Beispiel zu bleiben: Eine Tonne CO2 entsteht zum Beispiel beim Verbrennen von 422 Liter Benzin. Mit der Spritmenge kann ein Auto im Schnitt etwa 5400 Kilometer fahren. 

Umgekehrt binden alle Pflanzen für ihr Wachstum durch Photosynthese CO2 aus der Luft. Eine Buche etwa bindet zum Beispiel rund 12,5 kg CO2 pro Jahr. Eine Tonne CO2 entspricht damit etwa dem Jahreswachstum von 80 Buchen.

Stellt man das ausgestoßene und aufgenommene CO2 in Zusammenhang, kann man zum Beispiel ausrechnen, wie viele Bäume als Ausgleich wachsen müssten, um mit dem Auto eine bestimmte Strecke zu fahren, oder welches Verkehrsmittel am wenigsten Baumwachstum "verbraucht". 

Infografik Klimawirkung von Verkehrsträgern übersetzt in Holzverbrauch. Die Grafik zeigt wie viele Buchen ein Jahr lang wachsen müssen um 1000 Kilometer Wegstrecke mit Zug, Bus, PKW und Flugzeug zu bewältigen.

Demnach müssten etwa zum Ausgleich von 1000 km Autofahrt mit Verbrennungsmotor 20 Buchen ein Jahr lang wachsen. Für 1000 Kilometer Flugreise braucht es pro Person schon 33 Buchen. Und für die gleiche Strecke mit dem Zug nur eine Buche.

Kollektives Verhalten: Schweigen und Verdrängen 

Ein weiteres Hindernis bei der Bewältigung der Klimakrise ist ein sehr häufiger psychologischer Schutzmechanismus: Das Verdrängen. "Man sagt, das ist so schrecklich, davon will ich jetzt überhaupt nichts wissen. Das macht der Raucher, wenn er mit den Konsequenzen konfrontiert wird. Und das ist auch bei der Klimaerwärmung eine Strategie", erklärt Ernst. Viele wollten sich mit dem Thema Klima nicht beschäftigen, folglich ignorierten sie es, schauten weg und delegierten an andere.

Psychologists for Future demonstrieren auf Großdemo von Fridays for Future in Köln am 25.9.2020: Auf dem Transparent steht: Umdenken statt verdrängen

Verdrängung behindert Klimaschutz: Die Psychologists for Future wollen helfen, Abwehr zu überwinden und neue Wege zu gehen

Traumaexperte Nikendei sieht dieses Verhalten als kollektives Handlungsmuster: eine kollektive soziale Norm des Schweigens. Das Nicht-Wahrhaben-Wollens der Klimakrise sei vergleichbar mit gesellschaftlichen Tabus von Älterwerden, Krankheit und Tod. 

Abwehr und Lähmung können überwunden werden

Die Aufgabe von Psychologen besteht für Nikendei jetzt darin, die kollektive Abwehr und die damit verbundenen Gefühle anzuerkennen und zugleich den erforderlichen Wertewandel wohlwollend zu begleiten. Dazu gehöre auch, das Ende der Ära der fossilen Brennstoffe zu betrauern, die Anerkennung der eigenen Beteiligung am Klimawandel und ein Wertewandel zu mehr Kooperation statt Konkurrenz. 

Statt Maßlosigkeit in der Gesellschaft sei mehr Teilen, Reparieren und Bewahren notwendig und auch wieder mehr Kontakt zur Natur. Mit diesem Ansatz könnten Psychologen bei der Bewältigung der Klimakrise wichtige Helfer sein, um Gefühle wie Angst, Lähmung und Hilflosigkeit zu überwinden. 

Tausende Psychologen und Psychotherapeuten weltweit engagieren sich dafür auch bei den Psychologists for Future. Sie organisieren zum Beispiel Seminare zum Umgang mit tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen und helfen Menschen mit Klimaangst.

"Unser Aufruf und unsere Expertise trifft den Nerv der Zeit, wir haben in ein Wespennest gestochen", erzählt Mitinitiatorin Lea Dohm. "Wir bekommen unzählige Anfragen aus allen Bereichen. Unsere Angebote zur Bewältigung der Klimakrise stoßen auf ein sehr großes Interesse."

Die Redaktion empfiehlt