Klima-Kater: Nachwirkungen des Paris-Abkommens | Wissen & Umwelt | DW | 15.12.2015
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Wissen & Umwelt

Klima-Kater: Nachwirkungen des Paris-Abkommens

Staatsmänner und - frauen nennen es einen historischen Klimapakt. Umweltschützer sehen den Vertrag kritisch. Was aber wird bleiben? Wie wird sich die Welt nun verändern?

Der Vertrag ist kürzer, als man denken mag: Er umfasst lediglich zwölf DIN A4-Seiten. Sie beinhalten schwarz auf weiß, wie 195 Nationen in der Zukunft den Klimawandel angehen wollen. In der Zukunft heißt: ab dem Jahr 2020.

Dazu kommen 20 Seiten erläuternde Erklärungen, der sogenannte "Entscheidungsteil". Er beschreibt ebenfalls, was die Nationen vorhaben. Dieser Teil ist allerdings rechtlich unverbindlich und eher eine Art Absichtserklärung.

Die Politik lobte das Abkommen von Paris überschwänglich; Umweltschutzgruppen sind weniger begeistert und warnen, dass es lediglich "eine leere Hülle" werden könne. Immerhin gebe der Vertrag das Ziel vor, aber nicht den Weg dorthin. Kumi Naidoo, Chef von Greenpeace International, gibt sich im DW-Interview etwas positiver: "Es ist sicherlich nicht die Erfüllung unserer Träume, aber es ist wichtig, dass jedes Land in der Welt jetzt anerkennt, dass wir eine Klimakrise haben, und dass wir schnell handeln müssen." Ein Anfang ist immerhin gemacht.

Das 2- oder 1,5-Grad-Ziel

Dass 195 Nationen es überhaupt geschafft haben, einen gemeinsamen Vertrag auszuhandeln, scheint schon ein großer Fortschritt. Zum ersten Mal gibt es ein Abkommen, dass alle Länder dieses Planeten zum Klimaschutz verpflichtet.

Die Parteien stimmen überein, den Temperaturanstieg auf unter 2 Prozent im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Es soll "Bemühungen" geben, sogar 1,5 Prozent zu schaffen. In einem Entwurf des Vertrags war nur die Rede von 1,5 Grad Celsius - erst später wurden 2 Grad als Ziel hinzugefügt. Derzeit haben wir bereits einen Termperaturanstieg von etwa 0,9 Grad Celsius erreicht, sagt Niklas Höhne vom New Climate Institute. "Viel Spielraum bis 1,5 Grad sind also nicht mehr."

Selbst ein Anstieg von "nur" 1,5 Grad Celsius könnte allerdings zu viel sein, sagen Wissenschaftler. Schon jetzt beginnt das Polareis zu schmelzen, und Wetterextreme haben weltweit zugenommen. "Bei einem Temperaturanstieg von 1,5 Grad Celsius sind immer noch 75 Prozent unserer Korallenriffe in Gefahr", fügt Höhne hinzu.

Trotzdem: Wenn der neue Klimadeal die Emissionen reduzieren kann, würde das zumindest das Schlimmste verhindern. Laut Klausel 4 beabsichtigen die Nationen, den Höhepunkt der CO2-Emissionen "sobald wie möglich" zu erreichen. Das Abkommen gilt allerdings erst für die Zeit ab 2020, wenn das Kyoto-Protokoll ausläuft. Experten wie Höhne warnen, dass wir bereits jetzt handeln müssen. Denn das Klima reagiert verzögert auf Treibhausgase. Auch wenn wir ab sofort unsere Emissionen auf Null herunterfahren, werde der Planeten sich trotzdem in den nächsten Jahren zunächst weiter aufheizen.

Der Vertrag führt keine konkreten Treibhausgasmengen an, die ein Land ausstoßen darf. Stattdessen heißt es nur, dass jedes Land alle fünf Jahre seine individuellen Klimaziele öffentlich machen müsse.

Keine "Entkarbonisierung"

Laut Vertragstext müssen ab der zweiten Hälfte unserer Jahrhunderts alle menschengemachten Emissionen ausgeglichen werden. Ehrgeizigere Formulierungen wie "Entkarbonisierung oder Nullemissionen" haben ihren Weg nicht in den Vertrag gefunden.

Die Länder dürfen demnach weiterhin Kohle und Öl verbrennen - sie müssen die Emissionen lediglich wieder neutralisieren - etwa durch Wälder oder durch Techniken wie die CO2-Abscheidung und -Speicherung.

Dieses Ziel müsse aber im Zuge der Anstrengungen geschehen, "Armut auszurotten", heißt es im Vertrag. Indien hat angeblich auf diese Textpassage bestanden. Das Land möchte nicht auf billigen Kohlestrom verzichten - damit will es hundert Millionen Indern aus der Armut helfen.

Cop21 Klimagipfel in Paris Foto: Reuters/S. Mahe

Ist es schon zu spät, den Planet zu retten?

Schäden durch Klimawandel

Ja, der Klimawandel verursacht Schäden und Verluste, sagt Klausel 8 - eine wichtige Errungenschaft für Entwicklungsländer: Denn die Industrienationen erkennen damit an, dass die - größtenteils von ihnen ausgestoßenen - Klimagase dazu führen, dass Städte überflutet werden, Häuser einstürzen und Menschen sterben, eben durch Unwetter und andere Extremwetterereignisse.

Nötig sei "Handeln und Unterstützung", darunter fallen zum Beispiel Frühwarnsysteme und Risikoversicherungen. Unwetterversicherungen, die von den reichen Staaten angeschoben werden und Schäden durch Wetterkatastrophen decken sollen, könnten eine Lösung sein.

Geld für die Armen

Im Paris-Abkommen versprechen die reichen Länder, ab 2020 wenigstens 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr bereitzustellen, um klimawandelbetroffenen Ländern zu helfen. Das ist allerdings nicht Teil des rechtsverbindlichen Vertrags. Es wurde in den "Entscheidungs"-Teil verschoben, der unverbindlich ist.

Das zeigt einmal mehr das Gewicht der USA in den Klimaverhandlungen. Denn angeblich ist das ein Trick, um den US-Kongress zu umgehen. Wäre die 100-Billionen-Dollar-Zahlung Teil des eigentlich Abkommens, müsste der Kongress zustimmen. Stattdessen wurde das Dokument so formuliert und angefertigt, dass Barack Obama auch ohne Rückendeckung aus dem Kongress unterschreiben darf. Die republikanische Mehrheit im Kongress hat oft genug deutlich gemacht, dass sie rein gar nichts von Klimaschutz hält.

Flut im Jemen Foto: REUTERS/Stringer

Der Klimawandel verursacht Schäden - jetzt schwarz auf weiß im Klima-Abkommen

USA auf der Kippe?

Kritiker befürchten, dass ausgerechnet die USA - weltgrößte Wirtschaftsmacht - aus dem Vertrag ausbrechen werde, wenn die Republikaner im nächsten Jahr die US-Wahlen gewinnen.

Tatsächlich sagte der republikanische US-Senator Mitch McConnell den Medien am Sonntag, das Abkommen werde nach der Wahl "geschreddert". Der Politiker aus Kentucky, einem kohleproduzierenden US-Bundesstaat, glaubt, der Vertrag werde dem US-Arbeitsmarkt schaden und Stromkosten in die Höhe schießen lassen.

Trotz allem bleiben Umweltschützer relativ gelassen. Es sei nicht so einfach, aus einem internationalen Abkommen wie diesem einfach auszusteigen - selbst für einen US-Präsidenten nicht.

Folgen für die Wirtschaft

Unternehmen, die mit erneuerbaren Energien ihr Geld machen, freuen sich über das Abkommen. Analysten von Goldman Sachs verkündeten, dass es die weltweite Wirtschaft der kohlenstoffarmen Branchen ankurbeln werde - ein schnell wachsender 600-Milliarden-Dollar-Markt. Aktien von europäischen Firmen, die mit erneuerbaren Energien zu tun haben, haben am Montag bereits gut zugelegt, darunter Hersteller von Windturbinen, Biotreibstoff und Silicium - dem Rohmaterial für Solarpaneele.

Trotzdem kommen vermehrt kritische Stimmen aus der deutschen Wirtschaft.

Wie es jetzt weitergeht

Die Staatschef werden den Vertrag am 22. April 2016 in New York unterschreiben. Mindestens 55 Nationen, die mindestens 55 Prozent der Treibhausgase ausstoßen, müssen zustimmen, damit das Dokument rechtsverbindlich wird. Beobachter glauben aber nicht, dass das ein Problem wird. Das Schwierige war die Einigung in Paris - das Unterschreiben sei nur noch eine Formalität.

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