Kinderschutzbund fordert "Notprogramm" für Kinderkliniken | Aktuell Deutschland | DW | 03.12.2022
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Gesundheit

Kinderschutzbund fordert "Notprogramm" für Kinderkliniken

Eine Welle von Atemwegserkrankungen und Personalmangel bringen viele deutsche Kinderkliniken an ihre Grenzen. Der Kinderschutzbund zeigt sich entsetzt, während die Politik nach Wegen sucht, um die Lage zu entspannen.

Deutschland, Hannover | Kinderintensivstation der MHH

Kinderintensivstation der Medizinischen Hochschule Hannover (Archivbild)

Der Deutsche Kinderschutzbund hat ein "rasches finanzielles Notprogramm" für überlastete Kinderklinken gefordert. "Das ist ein Gefühl völliger Ohnmacht. Der Mangel in der Kinderpflege ist sehr dramatisch. Ich bin wirklich entsetzt, dass man es so weit hat kommen lassen", sagte Präsident Heinz Hilgers dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Die Kinderkliniken müssen sowohl auf den regulären Stationen als auch auf den Intensivstationen Betten vorhalten können, damit diese in solchen Notsituationen zur Verfügung stehen", sagte Hilgers. "Nur dann ist das Problem auf Dauer lösbar." Wegen der teils dramatischen Lage haben Kliniken bereits Alarm geschlagen. Viele Kinder werden mit Atemwegserkrankungen eingeliefert und es fehlt an Fachpersonal.

Die aktuelle Krise ist nach Hilgers Ansicht das Ergebnis einer "jahrzehntelangen Vernachlässigung" durch die Politik. Aufgrund eines Mangels an Fachkräften könne sie "kurzfristig nicht bewältigt werden". Hilgers zufolge wird seit Jahren vor einer solchen Überlastung in Kliniken und Arztpraxen gewarnt. Leider seien keine Verbesserungen angegangen worden "wegen der ausschließlich betriebswirtschaftlichen Orientierung des Systems, das auf Vollauslastung ausgelegt ist".

"Alarmierende" Lage

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Versorgungssituation von Kindern in Kliniken und Arztpraxen sei "alarmierend". Es brauche jetzt Maßnahmen, um die Versorgung von Kindern kurzfristig zu verbessern. So müsse die Koordination freier Klinikbetten ausgebaut werden. In Kinderstationen könnten Fachkräfte anderer Bereiche einfache Aufgaben übernehmen. Ambulante Angebote in Notfallpraxen sollten ausgeweitet werden.

ARD Talkshow Anne Will | Dr. med. Janosch Dahmen | Bündnis 90/Die Grünen

Der Grünen-Abgeordnete und Mediziner Janosch Dahmen (Archivbild)

Bereits am Donnerstag hatten Notfallmediziner gewarnt, dass die massive Infektwelle bei Kindern und der anhaltende Personalmangel die Kinderintensivmedizin in Deutschland ans Limit bringen. "Von 110 Kinderkliniken hatten zuletzt 43 Einrichtungen kein einziges Bett mehr auf der Normalstation frei", erklärte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) in Berlin. Auf den Kinderintensivstationen gebe es in ganz Deutschland lediglich 83 freie Betten - "das sind 0,75 freie Betten pro Klinik, also weniger als eines pro Standort". Hintergrund der Warnung ist eine aktuell starke Zunahme von Lungen-Erkrankungen bei Jungen und Mädchen.

"Das ist eine katastrophale Situation", sagte DIVI-Generalsekretär Florian Hoffmann im Rahmen des DIVI-Kongresses in Hamburg. Der Münchner Intensivmediziner forderte eine sofortige Verbesserung von Arbeitsbedingungen in den Kinderkliniken, den Aufbau telemedizinischer Netzwerke zwischen den Einrichtungen der Kinderheilkunde und den Aufbau von spezialisierten Transportsystemen.

Leipzig St. Elisabeth-Krankenaus | Neugeborene

Vier Neugeborene in einem Krankenhaus in Leipzig (Archivbild)

Lauterbach sagt Unterstützung zu

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat bereits Hilfsmaßnahmen angekündigt. So soll Pflegepersonal aus Erwachsenen- in Kinderstationen verlegt werden. Der SPD-Politiker forderte die Krankenkassen auf, Vorgaben zur Personalbesetzung vorerst nicht zu prüfen und Sanktionen auszusetzen. Zudem appellierte er an Eltern und Kinderärzte, nicht unmittelbar nötige Vorsorgeuntersuchungen zu verschieben.

Am Freitag hatte der Bundestag ein Gesetzespaket zu Krankenhäusern beschlossen, das mehr Geld für Kinderkliniken und Entlastungen bei dringend benötigten Pflegekräften bringen soll. Für Kinderkliniken soll es 2023 und 2024 jeweils 300 Millionen Euro zusätzlich geben.

kle/jj (dpa, epd, rtr)

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