″Kinder! macht Neues!″ | Nordamerika | DW | 07.11.2001
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Nordamerika

"Kinder! macht Neues!"

125 Jahre Bayreuther Festspiele - 50 Jahre Neubayreuth

Folge 8: Das Neubayreuther Wunder
Wiedereröffnung der Richard-Wagner-Festspiele 1953

Am 30. Juli 1951 hob sich - zum ersten Mal seit 1944 - der Vorhang zur "Parsifal"-Eröffnungspremiere der Bayreuther Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg. Hans Knapperts-busch debütierte am Bayreuther Pult. Der Wagner-Enkel Wieland war für Regie und Bühnenbild verantwortlich.

Es muß 1951 für die Konservativen unter den Wagnerianern eine Welt zusammengebrochen sein. Man spielte auf nahezu leerer Bühne, fast ohne Requisiten und ohne jeden Bezug zu historischer Realität. Und doch war dieser "Parsifal" der Auftakt einer neuen Epoche der Bayreuther Festspiele. Daß sie möglich geworden war, daß die Festspiele überhaupt wieder ins Leben gerufen werden konnten, daß man anknüpfen konnte an das Gewesene, und doch ganz neu anfangen, erschien damals vielen wie ein Wunder.

Doch das Wunder kam nicht von "oben", so wie Lohengrin vom Gral gesandt wurde. Wieland und Wolfgang Wagner - die ungleichen Brüder: der eine szenisch visionär, der andere praktisch, organisatorisch und kaufmännisch hochbegabt - hatten sich nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches und nach verlorenem Zweitem Weltkrieg, nach propagandistisch vereinnahmender Hitlerscher Wagnerei, aber auch nach Bayreuths Pakt mit Hitler, entschlossen zu einem Neuanfang. Das hieß, es mußte mit der Vergangenheit gründlich aufgeräumt werden. Am Anfang von "Neubayreuth", wie man Bayreuth seit 1951 nannte, stand denn auch die Verzichtserklärung ihrer Mutter Winifred und eine radikale szenische Neubesinnung auf der Bühne. Neue Sänger, neue Dirigenten und gänzlich neue Regiekonzeptionen zogen ein ins Bayreuther Festspielhaus. Dieser Neuanfang war schwer, wie sich Wolfgang Wagner erinnert, der ihn ja maßgeblich ermöglichte, indem er sich sofort nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufmachte, die nötigen finanziellen Voraussetzungen zu schaffen und auf dem Motorrad durch Deutschland fuhr, um bei den wichtigen Stellen, bei Ämtern, Behörden, Politikern und Industriellen, Privatleuten und Organisationen für Wagner und Bayreuth zu werben. Und es galt auch, Vorurteile abzubauen.

"Ja Gott, ich mein wie immer sind es zwei große Probleme gewesen: das ist einerseits die Finanzierung - man darf nie vergessen, Richard Wagner ist an der Finanzierung des zweiten Festspieljahres gescheitert - dann ... ging es ja darum... die nur von deutscher Seite - ohne die Ausländer hätten wirs nicht geschafft - die von deutscher Seite ausgehenden Ressentiments (abzubauen), die natürlich weitgehend durch die Freundschaft meiner Mutter mit Hitler untermauert waren. Und diese Überwindung (der Ressentiments) ist uns relativ schnell gelungen, nicht zuletzt, weil unsere Mutter formal auf die Festspielleitung verzichtet hatte. Dann war da die Finanzierung, die mehr oder weniger (gut) geglückt ist. Dann war da noch die große Schwierigkeit, (auf die uns jeder hingewiesen hatte): Sie bekommen kein Ensemble zusammen. Dann war auch keine Brünnhilde in Aussicht, wird haben dann mit der Flagstadt verhandelt ... und die hat uns gesagt: Herr Wagner, Sie müssen mit ganz neuen Leuten anfangen. Sie können die alten nicht rüberschleppen! Das war die Schwierigkeit.... und dann hab ich gefragt: wen können Sie denn nennen? Und dann kam die Varnay."

Astrid Varnay, die neben Sigurd Björling als Wotan unter Herbert von Karajans Leitung eine fulminante Brünnhilde bei den ersten wiedereröffneten Bayreuther Festspielen sang, erzählt ihre Erinnerungen an das "Neubayreuth" von damals: "Am Anfang waren nur die Martha Mödl und ich, später kam Birgit Nilsson dazu, im dramatischen Fach. Damals war Bayreuth am Neubeginn, das Land war sehr arm, in Bayreuth konnte man noch parken, wenn man ein Auto hatte, es gab damals nicht viele Autos! Die Menschen sind zu Fuß zum Hügel gepilgert, es war eine Zeit des Hoffens und des Wiederaufbaus. Es gab ein Schild, worauf stand 'Hier gilt´s der Kunst', man wollte nicht von politischen Dingen sprechen. Und für uns war es so, als ob wir den Karren, voll von Oper, zogen. Und wir haben uns in Bayreuth sozusagen für einen Zweck gemeinschaftlich verbunden, und dieser Zweck war, die Kunst wieder aufzurichten, und zu den Menschen zu bringen, und das Publikum war unerhört dankbar."

Immerhin war Bayreuth seit 1944 geschlossen gewesen. Nach dem Krieg hatte die amerikanische Militärregierung das Festspielhaus, die Villa Wahnfried - Wagners Wohnhaus - und den ganzen Besitz Winifred Wagners als einer der prominenten Unterstützerinnen des nationalsozialistischen Regimes be-schlag-nahmt. Das Festspielhaus wurde für Gottesdienste, aber auch für Aufführungen von Schauspielen, Operetten und Shows zur Unterhaltung der Truppen benutzt. Erst 1949 übergab man alles zu treuen Händen an die Stadt Bayreuth. Die Stadt nutzte das Festspielhaus zeitweise als Auffanglager für geflüchtete Sudetendeutsche und nutzte es auch als Theater für Konzerte, Varietés und italienische Opernaufführungen. Doch man beschloß ziemlich bald, künftig wieder Wagnerfestspiele zu etablieren.

Bayreuths Oberbürgermeister versuchte, die Bayreuther Tradition zu retten, und wandte sich an einen gänzlich unbelasteten Angehörigen der Wagner-Familie, Franz Beidler, den Sohn der Cosima-Tochter aus erster Ehe, Isolde. Beidler entwickelte Richtlinien zu einer Neugestaltung der Festspiele. Trägerin sollte nicht mehr die Familie, sondern eine Richard Wagner-Stiftung sein. Dem Stiftungsrat sollte als Ehrenpräsident der Schriftsteller Thomas Mann angehören. Doch der lehnte das Angebot belustigt ab. Inzwischen war die Bayerische Landesregierung - ohne das Testament Siegfried Wagners zu berücksichtigen - zu dem Entschluß gekommen, die Festspiele sollten von einem internationalen Rat geleitet werden, dem neben so prominenten Namen wie Thomas Mann auch die Dirigenten bzw. Komponisten Bruno Wal-ter, Sir Thomas Beecham, Paul Hindemith und Richard Strauss angehören sollten.

Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches, nach Kriegsende und Spruchkammverurteilung Winifred Wagners als belastet im Sinne der Förderung und Nutznießerschaft des Dritten Reiches, womit ihr jedwede weitere Festspielleitung untersagte wurde, mußte ein Generationen- und ein Führungswechsel in Bayreuth stattfinden. In einer eidesstattlichen, verpflichtenden Erklärung, die am 21. Januar 1949 aktenkundig gemacht wurde, verpflichtete sich die Gat-tin Siegfried Wagners, einstige Hitler-Freundin und Festspielleiterin bis 1944, sich künftig jedweder Mitwirkung an der Organisation, Verwaltung und Leitung der Bayreuther Bühnenfestspiele zu enthalten, und setzte ihre beiden Söhne Wieland und Wolfgang zur Fortführung bzw. Wiederaufnahme des Festspielbetriebs ein. Der Weg war frei für einen Neuanfang.

Gedankenspiele des amerikanischen Militärgouverneurs in Bayern sahen kurz nach Kriegsende vor, die Bayreuther Wagnerfestspiele zu internationalisieren und den Händen der Wag-ner-Familie zu entreißen. Das hätte eine ernsthafte Infragestellung jeder weiteren Wag-nerschen Familientradition bedeutet. Durch die Bayerische Staatsregierung der neugegründeten Bundesrepublik Deutschland wurde allerdings am 28. Februar 1949 die Vermögenssperre der Familie Wagner aufgehoben und eine klare Entscheidung zugunsten der Weiterführung des Familienbetriebs getroffen.

Um die ersten Nachkriegsfestspiele finanzieren zu können, planten die Wagner-Enkel zunächst den Verkauf von Originalmanuskripten aus dem Familienarchiv. Doch die 1949 gegründete "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth" verhinderte diese Notverkäufe. Und sie bewährte sich seither Jahr für Jahr als eine der tatkräftigsten finanziellen Stützen der Bayreuther Festspiele.
Nach der Währungsreform 1949 war Geld zum Engagement der Künstler, für Bühnenbild und Kostüme knapp. Ganz zu schweigen von den Ressentiments gegen die politische Vergangenheit Bayreuths wie gegen die Brüder Wieland und Wolfgang. Dennoch schafften sie es, im Herbst 1950 das Startkapital von etwa anderthalb Millionen Mark zusammenzubekommen. Für den Neuanfang 1951 war eines ganz klar: man durfte nicht an die alten Traditionen anknüpfen. Man mußte künstlerisch glaubwürdig sein und mit der Vergangenheit brechen. Damit wurden prinzipiell alle Dirigenten, Sänger und Altgediente des Dritten Reiches an der Mitwirkung in Bayreuth ausgeschlossen. Das Auswählen unter den im Lande gebliebenen Dirigenten und Chorleiter war schwer, das Finden neuer Stimmen im In- und Ausland nicht minder. Der damalige Operndirektor am Aachener Theater, Herbert von Karajan, ein geschickter Opportunist im Dritten Reich, dessen große Stunde nach Kriegsende kam, empfahl Wilhelm Pitz als Bayreuther Chordirektor. Er sollte sich über Jahrzehnte als einer der besten seiner Zunft erweisen und unter seiner Leitung wurde der Chor der Bayreuther Festspiele zu einem der besten landauf landab.

Einen hervorragenden Chor hatte man dank Wilhelm Pitz schnell im neuen Bayreuth etabliert. Weit schwieriger war es, Solisten zu finden. Man mußte weithin auf unbekannte, junge Sänger zurückgreifen. Am schwierigsten war es, neue Dirigenten zu finden. Diejenigen, die im Lande geblieben waren, wie Furtwängler, Clemens Krauss, Karl Böhm und Herbert von Karajan, waren politisch anrüchig. Da man jedoch auf solide Tradition nicht verzichten konnte und wollte, setzte man ganz auf den Dirigenten Hans Knappertsbusch, der wegen seiner angstlosen Streitereien mit den Nationalsozialisten, die ihn seine Anstellung als Musikdirektor der Münchner Oper gekostet hatte, unverdächtig war. Aber man wagte es, auch noch - allerdings nur einmal - auf Wilhelm Furtwängler, zu setzen. Der allerdings nur die neunte Sinfonie Ludwig van Beethovens zur Eröffnung der Festspiele dirigierte. Ansonsten hatten Hans Knappertsbusch und und der hochbegabte, allerdings sehr eitle Herbert von Karajan, alle 21 Vorstellungen der beiden Neinszenierungen "Parsifal" und "Ring" zu bestreiten. Karajan, der sich schon bald zum heimlichen Herrn von Bayreuth aufspielte, hatte sich durch sein anmaßendes Auftreten allerdings die Freundschaft Wielands und Wolfgangs schnell verscherzt.

Der Bayreuther Neuanfang war im In- und Ausland als ein theatergeschichtliches Ereignis allerersten Ranges ge-feiert worden. Die Quintessenz der neuen Bühnenästhetik Wielands - die sich von allem Historismus und Naturalismus weit entfernt hatte - ließ dem Zuschauer freies Spiel seiner Phantasie. Und offenbarte einen gänzlich "neuen", entschlackten Wagner auf der Bühne. Wagner war plötzlich scheinbar unpolitisch und ganz menschlich geworden. Musiklisch hatten der junge Heißsporn von Karajan und der alte Wagnerroutinier Knappertsbusch ihr Bestes gegeben. Die junge Sängerriege, die man aufgeboten hatte, war geradezu sensationell und überaus vielversprechend. Einer neuen Bayreuther Ära stand nun nichts mehr im Wege. Wieland und Wolfgang Wagner hatten sich wie zwei Siegfriede mutig auf-gemacht zu neuen Taten in einer nicht vorhersehbaren Zukunft.


  • Datum 07.11.2001
  • Autorin/Autor Dieter David Scholz
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