″Kinder! macht Neues!″ | Nordamerika | DW | 07.11.2001
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Nordamerika

"Kinder! macht Neues!"

125 Jahre Bayreuther Festspiele - 50 Jahre Neubayreuth

4. Folge: Bayreuths Öffnung zur Moderne
Wagners Sohn Siegfried bringt ab 1907 frischen Wind in die Festspiele

Richard Wagners Sohn Siegfried dirigierte bei einem seiner vielen Konzerte mit dem London Symphony Orchestra in London, im Jahre 1927 den Huldigungsmarsch seines Vaters, den der seinem königlichen Mäzen, König Ludwig dem Zweiten von Bayern 1864 gewidmet hatte.

Im Jahre 1927 war der Wagner-Sohn Siegfried schon fast seit 30 Jahren ein re-spektierter, wenn auch nicht unumstrittener Dirigent, Regisseur und Leiter der Bayreuther Festspiele. Dass er ein nicht uninteressanter Komponist war, von satirischen Märchen-Opern, die mit mehr oder weniger Erfolg im In- und Ausland gespielt wurden, spielte stets nur eine Nebenrolle. Wer Bayreuth verpflichtet ist, dient Richard Wagner, und sonst gar nichts. Das ist noch heute so. Seit 1907 war Siegfried Wagner von seiner Mutter, der als Festspielchefin scheidenden siebzigjährigen Cosima in die Pflicht genommen worden, die Richard-Wagner-Festspiele im Sinne Richards und Cosimas als alleinig Verantwortlicher fortzusetzen. In den ersten Jahren seiner Ära wahrte er Kontinuität. Alles ging seinen Gang, als ob es keinen Wechsel gegeben hätte. Aber allmählich sah Siegfried ein, dass Bayreuth hinter der zeitgenössischen Entwicklung des Theaters herhinkte und er öffnete das Traditionsunternehmen für Modernisierungen. Er setzte auf die neue Elektrizität, auf moderne Beleuchtung und Lichtregie, er sah die Notwendigkeit bühnenbildnerischer Abweichungen von tradierten Bayreuther Gepflogenheiten ein und er lockerte auch das strenge Regiment, das lange Jahre von seiner Mutter, der unantastbaren Cosima, ausging.

Die warme, familiäre Atmosphäre dieses Bayreuther Umbruchs kommt in den Erinnerungen der Sängerin Anna Bahr-Mildenburg aus dem Jahre 1911 sehr deutlich zum Ausdruck:

"Punkt neun Uhr kommt Siegfried Wagner angefahren. Er trägt meistens Kniehosen und gelbe Strümpfe, tritt morgenfrisch gelaunt gleich mitten unter die Künstler, begrüßt jeden mit irgendeinem netten, lustigen Wort, steht vor dem Tor, bis er plötzlich auf die Uhr sieht und "Nun Kinder, s´ist Zeit, kommt, kommt!", über den Platz ruft, energisch in die Hände klatscht und unter seinem Vortritt dann die ganze Versammlung ins Festspielhaus zieht. Und nun kann man da oben Siegfried in seinem Element beobachten und bewundern! Er ist der geborene Regisseur."

In den Jahren bis 1914 brachte Siegfried drei neue Inszenierungen heraus: einen "Lohengrin" im Jahre 1908, in dem er zum ersten Male den Rundhorizont auf der Bayreuther Bühne einführte und mit starken farblichen Akzenten den bis dahin vorherrschenden gedämpften Farben den Kampf ansagte, und er widmete sehr viel Aufmerksamkeit dem Choreographischen. Schon in seinem "Fliegenden Holländer" von 1901 beeindruckte seine markante Personen- und Gruppenregie. Mit den "Meistersingern" errang er im Jahre 1911 einen Triumph, der die Presse jubeln ließ, er sei einer der besten Regisseure des modernen Musiktheaters. Mit diesen "Meistersingern" gab der dirigentische Kämpe der ersten Bayreuther Stunde, Hans Richter, seinen Abschied. Einer der neuen, von Siegfried engagierten und protegierten Bayreuther Dirigenten war Karl Muck, ehemals Assistent bei Cosima, der ohne wenn und aber zu Bayreuth stand.

Bayreuth war in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg ein Pilgerzentrum für das kunst-beflissene Groß-bürgertum, den europäischen Adel, die Kulturschaffenden und für sen-sationshungrige Gäste aus ganz Europa und Übersee. Im Jahre 1913, als das Schutzrecht für "Parsifal" auslief, also das, was wir heute Urheberrechtsschutz nennen, entfachte sich auf geradezu hysterische Weise eine nationalistische, ja rassistische Diskussion um Bayreuth und das vermeintliche "Deutschtum", das mit den Bayreuther Festspielen identifiziert wurde, seit die Autoren der Bayreuther Hauszeitschrift, der "Bayreuther Blätter", das Wagnererbe den Kräften der Konservativen Revolution ausgeliefert hatten. Bayreuth und die Musik Wagners wurden besetzt mit Begriffen von "Herrenvolk" und "Germanentum", "deutsch" und "weihevoll".

Der Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 unterbrach die Bayreuther Festspiele und löste eine ernst-zunehmende Krise des Familienunternehmens aus. Siegfried Wagner hatte alle Hände voll zu tun, um auf juristischem und finanziellem Wege den wegen seiner Homo-se-xualität ausgesetzten Erpressungen Widerstand zu leisten. 1914 kündigte er an, er werde das gesamte Wagnererbe in eine "Richard-Wagner-Stiftung des deutschen Volkes" umwandeln. Der Krieg verhinderte die Ver-wirklichung dieses Vorhabens. 1914 war es auch, als Siegfried der achtzehnjährigen Wini-fred Williams vorgestellt wurde, einer gebürtigen Engländerin und Waise, die von dem Pianisten Karl Klindworth, einem engen Freund Cosimas und Richard Wagners, adoptiert wurde. Winifred war von Kindheit an im Geiste Richard Wagners aufgewachsen und bot sich zur Stärkung der prekären Lage Siegfrieds als Ehegattin und Bayreuther First Lady geradezu an. Schon 1915 heiratete sie Siegfried Wagner. Aus ihrer Ehe entsprangen vier Kinder: Verena, Wolfgang, Wieland und Friedelind.

Aus der wirtschaftlichen Not und der katastrophalen Inflation, die dem Krieg folgten, gingen die Bayreuther Festspiele bankrott hervor. Um Wahnfried und seine Familie zu erhalten, begab sich Siegfried permanent auf Konzertreisen. Erst 1921 konnte man wieder daran denken, die Festspiele aufleben zu lassen. In diesem Jahr gründeten die Wagner-Vereine zur Unter-stützung Bayreuths eine "Deutsche Festspielstiftung Bayreuth". Auch Spendenaufrufe mit na-tionalem Appell und Konzert- und Sponsoren-Werbereisen in den USA sorgten dafür, dass man 1924 die Bayreuther Festspiele wiedereröffnen konnte. Und zwar mit den "Mei-stersingern".

Die Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele 1924 mit den "Meistersingern von Nürn-berg" geriet zu einer Demonstration völkisch-nationaler Besuchergruppen, die bei der Schlussansprache des Hans Sachs aufstanden und nach dessen letztem Takt das Deutschlandlied an-stimmten.

Die "Meistersinger"-Premiere im Jahre 1924 machte eines deutlich: Bayreuth hatte aus Ästhetik Politik werden lassen. Wagner war von den Sympathisanten der nach dem gescheiterten Münchner Putschversuch Hitlers verbotenen nationalsozialistischen Partei zum "Führer der deutschen Kunst" erklärt worden, zum musikalischen Idol des Natio-nal-sozialismus und als musikalisches Bollwerk gegen die Juden. Die liberale Presse und aus-ländische Besucher waren entsetzt davon. Als Siegfried Wagner das begriff, verbot er ab sofort jede politische Kundgebung und jede offene Verbindung der Bayreuther Festspiele mit dem Nationalsozialismus. Doch er konnte das Steuer der Vereinnahmung Bayreuths nicht mehr herumreißen. Er begriff die Ernsthaftigkeit dessen wohl nicht wirklich und schwankte zwischen instinktivem, anerzogenem Nationalismus und großer persönlicher Toleranz und Weltoffenheit.

-- Siegfried Wagner war - im Gegensatz zu seiner sehr realistischen und ener-gischen Gattin - eine eher labile Künstlernatur. Widersprüche und Kompromisse kenn-zeichneten denn auch seinen Bayreuther Führungsstil. Obwohl Siegfried weiterhin aus-ländische und jüdische Sänger in Bayreuth engagierte, ließ er doch beispielsweise Dirigenten wie Otto Klemperer, Bruno Walter, Leo Blech, Erich Kleiber oder Willem Mengelberg nicht auf dem Grünen Hügel dirigieren.

Er polierte den "Ring" schrittweise auf, setzte nach und nach die alten, gemalten Kulissen ab, und ersetzte sie durch plastische Dekorationen. Den "Tristan" von 1927 entrümpelte er zugunsten schlichter Bühnenbilder und heller Lichtregie.

Siegfried hatte auch eine ganze Reihe großer Sänger an Bayreuth gebunden, aus aller Herren Länder. Zu nennen sind Namen wie Alexander Kipnis, Friedrich Schorr, Emanuel List, Nanny Larsén-Todsen und Lauritz Melchior. Sein Siegmund setzte bis heute Maßstäbe.

Am Ende seines Lebens gelang Siegfried Wagner eine geradezu sensationelle Produktion: Er engagierte für einen neuen "Tannhäuser" im Jahre 1930 den politisch untadeligen, liberalen Dirigenten Arturo Toscanini. Dessen Engagement in Bayreuth bot allen Rechten und Fa-schisten offen die Stirn, es war ein Bekenntnis zu moderner, unkonventioneller Wagnerlesart und sorgte für eine Sensation im Festspielbetrieb. Sowohl Fritz Buschs weithin gerühmte "Meistersinger" von 1924 und Karl Mucks vielgepriesener "Parsifal" wurden überboten von Arturo Tosca-ninis feurig-unerbittlichem "Tannhäuser", der einen Meilenstein der Interpretationsgeschichte des Werks bildete. Unterstützt von der wohl bemerkenswertesten Regiearbeit Siegfrieds.

Das Engagement Tosacaninis stellte alles bisher von Siegfried künstlerisch Initiierte in den Schatten. Bis dahin hatte es eine musikalisch derart präzise und analytisch geschärfte, aber auch inszenatorisch so stimmige Produktion auf dem Grünen Hügel nicht gegeben. Aber es war wohl auch ein Akt von politischem Widerstand, den als Antifaschisten und Zerstörer althergebrachter Traditionen und Aufführungsverkrustungen bekannten italienischen Dirigenten einzuladen. Vielleicht hatte Siegfried am Ende seines Lebens das Damo-kles-schwert, das über Bayreuth schwebte, doch erkannt.

Während einer Konzerttournee in England, im Januar 1930, erlitt er einen leichten Herzanfall, am 4. August des Jahres verstarb er, während der Proben zum "Tannhäuser", nach einer erneuten Herzattacke, nur vier Monate übrigens nach Cosimas Tod. Die Premiere seines größten Erfolgs, der "Tannhäuser"-Inszenierung, die Arturo Toscanini dirigierte, erlebte er nicht mehr.


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