″Kinder! macht Neues!″ | Nordamerika | DW | 07.11.2001
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Nordamerika

"Kinder! macht Neues!"

125 Jahre Bayreuther Festspiele - 50 Jahre Neubayreuth

1. Folge: Schwere Geburt und erstes Scheitern
Gründung der Bayreuther Festspiele, "Ring"-Uraufführung 1876 und finanzielle Pleite


Mit vorwärtsdrängendem Rhythmus und theatralischem Donnergrollen beginnt der dritte "Siegfried"-Akt der Tetralogie "Der Ring des Nibelungen". Am fünften Februar 1871 vollendete Wagner die Partitur dieses Aktes. Er hat mit diesem Nibelungen-Vierteiler eines der gewaltigsten Werke des Musiktheaters geschrieben, sowohl was die zeitliche Ausdehnung über vier Abende angeht, als auch die musikalischen Ausdrucksmittel und die inhaltliche Stoßrichtung.

Der "Ring" ist nichts mehr und nichts weniger als eine politische Parabel, ist Welterschaffungs- und Untergangsmythos, Zeit- und Gesellschaftskritik, Vorwegnahme der Psychologie Sigmund Freuds und politische Utopie einer sozialistischen Zukunftshoffnung auf der Opernbühne. Ein unvergleichliches Œuvre. Sechsundzwanzig Jahre hat Wagner daran geschrieben und komponiert. Ein geradezu revolutionäres Werk des Musiktheaters. Dessen Aufführung schien Wagner denn auch nur unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen möglich zu sein. Im Jahre 1851 schrieb er an seinen Dresdner Freund Theodor Uhlig einen Brief, in dem es heißt:

"Mit dieser neuen Konzeption trete ich gänzlich aus allem Bezug zu unserem heutigen Theater und Publikum heraus. An eine Aufführung kann ich erst nach der Revolution denken, erst die Revolution kann mir die Künstler und Zuhörer zuführen. Mit dem Werk gebe ich den Menschen der Revolution dann die Bedeutung dieser Revolution, nach ihrem edelsten Sinne, zu erkennen. Dieses Publikum wird mich verstehen; das jetzige kann es nicht."

Die von Richard Wagner ersehnte gesellschaftliche Revolution blieb aus. Nichts desto Trotz in Wagner die Vorstellung einer Revolution des Musiktheaters um so mehr: der Gedanke der Errichtung eines eigenen Opernhauses zur Aufführung seines Œuvres, vor allem seiner Nibelungen-Tetralogie. Die Geburt dieser Idee reicht zurück bis ins Jahr 1850, als der an der Dresdner Revolution maßgeblich beteiligte und steckbrieflich Verfolgte Richard Wagner, Königlich Sächsischer Hofkapellmeister, ins Zürcher Exil floh. Ziel der Dresdner Revolution war die Abschaffung der Aristokratie in Deutschland. In Zürich schrieb er an seinen Freund, den Leipziger Porträtmaler Ernst Benedikt Kietz, einen Brief, in dem es hieß, er wolle an den Ufern des Rheins...:

"... aus Brettern ein Theater errichten lassen und natürlich gratis drei Vorstellungen in einer Woche hintereinander geben, worauf dann das Theater abgebrochen und die Sache ihr Ende hat."

Eine kühne, eine unrealistische Utopie, deren inhaltliche Begründung er in seiner Programmschrift "Oper und Drama" konkretisierte und deren Umsetzung er in dem Essay "Eine Mitteilung an meine Freunde" ankündigte:

"An einem eigens dazu bestimmten Feste gedenke ich jene drei Dramen nebst dem Vorspiele aufzuführen."

Die Idee der Bayreuther Festspiele war geboren. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort besichtigte der inzwischen begnadigte und nach Deutschland zurückgekehrte Richard Wagner zwischen dem 15. Und 19. April 1871 mit seiner Gattin Cosima, geborene Liszt, das abgelegene fränkische Residenz-Städtchen Bayreuth, das Wagner schon seit den Dreißígerjahren kannte, ein barockes Provinz-Juwel, in dem die Lieblingsschwester des preußischen Königs Friedrichs des Großen, die Markgräfin Wilhelmine, eines der prächtigsten Opernhäuser Deutschlands hat errichten lassen. Wagner wollte dieses für seine Zwecke nutzen. Nach einigen Proben gab er jedoch den Plan schnell auf. Aber die örtlichen Verhältnisse zogen ihn an und er beschloss, in Bayreuth ein nach seinen Vorstellungen entworfenes Theater zu errichten und Festspiele zur Aufführung des "Rings" vorzubereiten. Bayreuth sollte ihm das vergnügungssüchtige Stadtpublikum fernhalten, es hatte kein stehendes Repertoire-Theater und es lag in Bayern, dem Land seines großzügigsten Mäzens, König Ludwigs des Zweiten. Der Bayreuther Gemeinderat schenkte Wagner tatsächlich ein geeignetes Gelände außerhalb der Stadt auf einem grünen Hügel gelegen. Am 22. Mai 1872 fand bei strömendem Regen die Grundsteinlegung des Bayreuther Festspielhauses statt. Vor einem Festbankett im Hotel "Zur Sonne" führte man Beethovens Neunte Sinfonie im Markgräflichen Opernhaus auf. Beethoven - der von Wagner zeitlebens verehrte Komponist. Wagner hatte in den Grundstein den bis heute rätselhaften Spruch einfügen lassen:

"Hier schließ ich ein Geheimnis ein, da ruh es viele hundert Jahr´: so lange es ver-wahrt der Stein, macht es der Welt sich offenbar."

Der Architekt Gottfried Semper, auch einer von Wagners Revolutionsfreunden aus Dresden, hatte die Pläne des Bayreuther Festspielhauses entworfen, gemeinsam mit Wagner. Das Festspielhaus sollte, wie es im Vorwort der ersten öffentlichen Ausgabe der "Ring"-Dichtung heißt, ein provisorisches Theater sein, ...

"... so einfach wie möglich, vielleicht bloß aus Holz, und nur auf künstlerische Zweckmäßigkeit des Innern berechnet".


Mit amphitheatralisch ansteigendem Zuschauerraum, inspiriert durch das griechische Amphitheater im sizilianischen Segesta war Wagners Festspielhaus ein demokratischer Ge-genentwurf zum vorherrschenden aristokratischen Logentheater. Das unsichtbare Orchester hatte er in einen, von einem Schalldeckel überwölbten mystischen Abgrund verbannt, zwischen der Wirklichkeit des Zuschauerraums und der Idealität auf der Bühne. Eine bis dahin einzigartige, neuartige Konzeption eines Opernhauses. Sänger und Musiker der Festspiele sollten aus allen deutschen Theatern und Orchestern ausgesucht und zu einem Festspielensemble zusammengestellt werden. Offen blieb die Frage der Finanzierung. Wagner sah zwei Wege: eine Vereinigung vermögender Männer und Frauen oder die Gründung einer Stiftung durch einen deutschen Fürsten. Dieser Fürst fand sich im Jahre 1864 in Gestalt Ludwigs des Zweiten von Bayern, der nach seiner Thronbesteigung Wagner bis zu dessen Tode großzügig unterstützte.
Geldsorgen brachten das Bauvorhaben dennoch zunächst ins Stocken. Man schien vor dem Ende zu stehen. Der Bau des Festspielhauses musste 1873 schließlich eingestellt werden. Das Unternehmen stand vor dem Ruin. Wer half, war wieder einmal, wie schon früher im Leben Wagners, König Ludwig von Bayern, der legendenumwobene Märchenkönig. Er gewährte einen großzügigen Kredit von 100.000 Talern. Der Vollendung des Festspielhauses und den ersten Bayreuther Festspielen stand nun nichts mehr im Wege.

Am 28 April 1874 bezogen Wagner und Cosima ihre neuerbaute Willa Wahnfried in Bayreuth. Auch für diesen Bau hatte König Ludwig 25.000 Taler beigesteuert. Wagner unternahm damals ununterbrochen Konzertreisen als Dirigent, um die finanziellen Mittel für die Kosten des Probebetriebs zu sichern.1875 begann man im noch unvollendeten Fest-spielhaus mit den ersten Vor-Proben. Wagner hatte die besten Sänger seiner Zeit verpflichtet, hervorragende Bühnenbildner und Techniker. Der renommierte Dirigent Hans Richter wurde engagiert. Am 13. August 1876 war es soweit: es hob sich der Vorhang zu den ersten Bayreuther Festspielen und zur ersten kompletten Aufführung des "Rings des Nibelungen".

Dass Wagner es geschafft hatte, seine Idee eines eigenen Festspielhauses und eigener Festspiele zu realisieren, mutete vielen Zeitgenossen wie ein Märchen an. Es war die beispiellose Verwirklichung eines Künstlertraums der Neuzeit.
Zu den Gästen und Festspielbesuchern der Eröffnungspremiere gehörten neben Kaiser Dom Pedro von Brasilien, Kaiser Wilhelm dem Ersten von Deutschland und vielen Fürsten auch die Komponisten Anton Bruckner, dem Wagner seine dritte Sinfonie gewidmet hatte und Peter Tschaikowsky. Man gab drei Ring-Zyklen.
Trotz des nur mäßigen Erfolgs der ersten Bayreuther Festspiele, waren sich die meisten Anwesenden bewusst, dass das dreitägige Bühnenfestspiel von der Welt Anfang und Ende, "Der Ring des Nibelungen", nebst "Vorabend" eine einzigartige Stellung in der Geschichte des Musiktheaters einnimmt. Trotz einiger technischer Pannen waren die ersten Bayreuther Festspiele äußerlich ein Triumph, auch wenn sie von der Presse unterschiedlich aufgenommen wurden. Aber selbst der damals sehr populäre Schriftsteller Paul Lindau, ein erklärter Wagner-Verächter, gab zu:

"Wagner hat erreicht, was noch kein Künstler vor ihm auch nur anzustreben sich vermessen hätte. Bayreuth ist unzweifelhaft die stärkste individuelle Leistung, die zu denken ist."

Bei aller Sensation der ersten Bayreuther Festspiele: sie endeten mit einem katastrophalen Defizit von 150.000 Mark, für das Wagner selbst aufzukommen hatte. Er zweifelte an seiner Festspielidee, die er ein für alle Mal für gescheitert hielt. Wagner zweifelte aber auch an den Deutschen und ihrem Verständnis für seine "Zukunftsmusik". Er war zutiefst deprimiert. Cosima hat es in ihrem Tagebuch aufgeschrieben:

"R. ist sehr traurig, sagt, er möchte sterben!"

Die meisten der anwesenden Aristokraten und Finanzmagnaten hatten keinen Finger für Wagner und die Finanzierung seiner Festspiele gekrümmt. Das allgemeine Publikum war achtlos abgereist. Auch mit der künstlerischen Ausführung war Wagner sehr unzufrieden gewesen, vor allem mit den naturalistischen Dekorationen, die den Blick auf das Revolutionäre des Werks verstellten.

"Immer tiefere Einsicht in die Unvollkommenheit der Darstellung!..."

...notiert Cosima am 28. Juli 1876 in ihr Tagebuch. Weiter heißt es da: ...

"...So weit wird die Ausführung vom Werk zurück bleiben, wie das Werk von unsrer Zeit fern ist!".

Auch über die allzu vordergründig-realistischen Bühnenkostüme des Professors Doepler mit ihren Tierhörnern, Fellen und Eisenrüstungen mokiert sich Wagner:

"Die Costüme erinnern durchweg an Indianer-Häuptlinge und haben neben dem ethnographischen Unsinn noch den Stempel der Kleinen-Theater-Geschmacklosigkeit! Ich bin darüber trostlos".

Der erste Bayreuther "Ring" hatte trotz des zwiespältigen gesellschaftlichen Echos der ersten Bayreuther Festspiele, trotz überwiegend ablehnender Presse-reaktionen und trotz des ge-waltigen finan-ziellen Defizits positive Folgen. Viele der anwesenden Theate-rintendanten hielten den "Ring" zwar technisch für unaufführbar außerhalb Bayreuths. Dennoch wagte be-reits 1878 München einen eigenen kompletten "Ring". Ein Jahr später wurde er zum ersten Mal in Wien aufgeführt. In New York wurde der "Ring" erstmals 1889 gespielt. In Paris kam der erste Zyklus 1911 heraus. Bis heute ist dieses Ausnahmewerk für jedes Opernhaus noch immer eine gewaltige technische, künstlerische und finanzielle Herausforderung.

  • Datum 07.11.2001
  • Autorin/Autor Dieter David Scholz
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