Kims kleine Schwester - auf dem Weg zur Macht? | Asien | DW | 17.06.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Nordkorea

Kims kleine Schwester - auf dem Weg zur Macht?

Eiszeit zwischen Nord- und Südkorea: Die Verbindungen sind gekappt. Gleichzeitig scheint der noch junge Diktator Kim Jong Un nicht bei bester Gesundheit zu sein. Grund für Nachfolge-Spekulationen. Von Frank Smith, Seoul.

Ganze 20 Tage war der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un im April aus der Öffentlichkeit verschwunden. Erst am 2. Mai war in einem Video zu sehen, wie Kim eine Düngemittelfabrik eröffnete; davor war international darüber spekuliert worden, wie es gesundheitlich um den übergewichtigen Kettenraucher steht, ob er denn überhaupt noch am Leben ist. Und es gab Spekulationen, wer im Falle des Falles die Macht in Nordkorea übernehmen würde.

"Wer der nächste Anführer Nordkoreas wird, ist völlig intransparent", sagt Lee Seong-hyon von der südkoreanischen Denkfabrik Sejong-Institut. "Da herrscht Ungewissheit."

Bruder und Schwester

Die Legitimierung der nordkoreanischen Regierung ist untrennbar mit der Kim-Dynastie verbunden. Kim Jong Un übernahm die Macht, nachdem sein Vater Kim Jong Il im Jahr 2011 gestorben war; der hatte 1994 wiederum seinen Vater Kim Il Sung beerbt, den Gründer des Staates Nordkorea. Im Jahr 2011 wurde noch darüber diskutiert, ob Kim Jong Un nicht zu jung wäre, die Führung in der Hauptstadt Pjöngjang zu übernehmen, aber der dritte Kim schaffte es in den folgenden Jahren, seine Macht im Land zu sichern.

Video ansehen 01:37

Kim Jong Un wieder aufgetaucht

Nun, sagen Korea-Experten, habe Kims jüngere Schwester Kim Yo Jong die besten Chancen für die Nachfolge ihres Bruders, sollte ihm etwas zustoßen. Koreanische Beobachter berichten von einer starken Beziehung zwischen Bruder und Schwester. In den späten 1990er Jahren verbrachten sie gemeinsam einige Zeit in der Schweiz. "Kim Jong Un und Kim Yo Jong haben viel zusammen erlebt", sagt Bong Youngshik, Wissenschaftler an der Yonei-Universität in Seoul und fügt hinzu, dass die Beziehung der Geschwister auch nach der Rückkehr nach Nordkorea eng blieb.

Wer ist Kim Yo Jong?

Im Januar 2017 verhängte das Finanzministerium der USA Sanktionen gegen die damals 28 Jahre alte Kim Yo Jong und andere Vertreter des nordkoreanischen Regimes. Begründung: "schwere Menschenrechtsverletzungen".

Im Oktober 2017 ernannte Kim Jong Un seine Schwester zum stellvertretenden Politbüro-Mitglied in der Nachfolge von Kim Kyong Hee, seiner Tante, die zu Zeiten von Kim Jong Il eine einflussreiche Figur war.

In einem Interview der DW im Jahr 2014 bezeichnete der Nordkorea-Experte Michael Madden, Mitarbeiter der Johns-Hopkins-Universität, Kim Yo Jong als eine der "engsten Vertrauten" des nordkoreanischen Diktators. "Kim Yo Jong ist das jüngste von sieben Kindern Kim Jong Ils. Ihre Mutter, die Tänzerin Ko Yong Hui war Mitglied der prestigeträchtigen Mansudae Art Troupe und wurde Kim Jong Ils dritte Frau", sagte Madden.

"Kim Yo Jong erhielt zu Hause Privatunterricht und besuchte in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren zusammen mit Kim Jong Un zwei Schulen nahe der Schweizer Bundeshauptstadt Bern." Später habe sie in Nordkorea studiert und außerdem Seminare in Westeuropa besucht, so der Experte.

In der Öffentlichkeit wurde Kim Yo Jong erstmals im September 2010 gesehen, als sie bei einer Tagung der Arbeiterpartei neben Kim Ok stand, der Sekretärin und angeblichen Geliebten ihres Vaters. 2012 organisierte sie Berichten zufolge die Reisen ihres Bruders für die Nationale Verteidigungskommission.

Moon Jae-in und Kim Yo Jong (am 10.02.2018 in Seoul) (picture-alliance/AP Photo/K. Ju-sung)

In offizieller Mission: Kim Yo Jong mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in (2018 in Seoul)

Ebenso wurde berichtet, dass Kim Yo Jong im Oktober 2014 die Staatsgeschäfte übernahm, während ihr erkrankter Bruder medizinisch behandelt wurde. Seit 2015 ist sie Direktorin des Ministeriums für Propaganda und Agitation. "Als enge Mitarbeiterin ihres Bruders übernahm sie weitere Verwaltungsaufgaben - sie nahm Berichte entgegen, unterrichtete ihren Bruder, gab seine Anweisungen weiter und bestellte hohe Regierungsmitglieder ein", schilderte Madden vor sechs Jahren im DW-Interview ihre Rolle.

Im vergangenen Jahr nahm Kim Yo Jong an der Seite ihres Bruders an verschiedenen Gipfeltreffen teil, wie den Treffen mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in und US-Präsident Donald Trump. Zu ihren Aufgaben soll auch gehören, das Bild ihres Bruders in der internationalen Öffentlichkeit zu verbessern.

Nach dem gescheiterten Treffen zwischen Kim Jong Un und Donald Trump in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi im Jahr 2019 verschwand Kim Yo Jong aus der Öffentlichkeit und tauchte erst einige Monate später wieder auf. Berichten zufolge ist Kims Schwester mit Choe Song verheiratet, dem Sohn von Choe Ryung-hae, dem nominellen Staatsoberhaupt Nordkoreas.

Vorbereitung auf künftige Aufgaben

Kim Yo Jongs Kritiker meinen, dass sie zu jung und unerfahren sei, um die Macht in Nordkorea zu übernehmen. Außerdem sei die nordkoreanische Gesellschaft sehr patriarchalisch, und das mache es für eine Frau schwierig, unangefochten an der Staatsspitze zu stehen. Andere meinen dagegen, in der aktuellen Situation sei sie wohl die beste Option.

Nordkorea Kim Jong Un und seine Schwester Kim Yo Jong (picture-alliance/Kyodo)

Dem Diktator nahe: Kim Yo Jong und ihr Bruder (am Rande eier Militärparade 2016 in Pjöngjang)

Vor seiner Amtsübernahme im Jahr 2011 war Kim Jong Un von seinem Vater und der Partei auf die Führungsaufgaben vorbereitet worden. Die nordkoreanischen Medien hatten ihn mit Lob überhäuft und ihn als den nächsten Anführer präsentiert. Jetzt hat seine jüngere Schwester ebenfalls offizielle Aufgaben erfolgreich absolviert, und auch sie wird von den Medien Nordkoreas in einem positiven Licht dargestellt.

Lee Seong-hyon vom Sejong-Institut meint, Kim Yo Jong genieße schon jetzt "einen inoffiziellen Status als Nummer zwei Nordkoreas" - wegen ihres familiären Hintergrundes.

Die Redaktion empfiehlt

Anzeige