Keine Hilfe für EU-Dolmetscher | Deutschlehrer-Info | DW | 18.06.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschlehrer-Info

Keine Hilfe für EU-Dolmetscher

Weil in der Corona-Krise auch EU-Sitzungen abgesagt wurden, verloren freiberuflichen Konferenzdolmetscher ihre Aufträge. Sie machen die europäische Vielsprachigkeit möglich – und kämpfen jetzt ums Überleben.

Dolmetscherinnen hinter Glasscheiben, auf der Scheibe steht 2 english.

Dolmetscherinnen im EU-Parlament – als es noch Arbeit gab

„Ārštata tulki prasa solidaritāti“ – das wäre für die meisten Mitglieder der Europäischen Kommission ein unverständlicher Satz, wenn es Zigmunds Steins nicht gäbe. „Freiberufliche Dolmetscher rufen zu Solidarität auf“, heißt seine Übersetzung. Steins ist freiberuflicher Konferenzdolmetscher für Lettisch – Englisch bei den Europäischen Institutionen in Brüssel. Konferenzdolmetscher sind die unsichtbaren Helfer der europäischen Mehrsprachigkeit und übersetzen simultan in alle 24 offiziellen EU-Sprachen.

Über Nacht brach der Betrieb zusammen

Als persönliche Treffen wegen Reiseverboten und Social Distancing nicht mehr möglich waren, verlor Steins all seine Aufträge bei der EU. Normalerweise decken rund 1500 Freiberufler während der geschäftigen Plenarwochen die Hälfte aller Übersetzungen ab. Das wenige, was in Corona-Zeiten übrig bleibt und online stattfindet, können die festangestellten Dolmetscher abdecken. Die Freiberufler haben plötzlich keine Aufträge mehr, im teuren Brüssel kein Einkommen und wissen nicht, was ihre Zukunft bringt. Die Kommission schätzt, dass derzeit nur 20 Prozent der üblichen Dolmetscherarbeit anfällt.

Zigmunds Steins – freier Übersetzer EU-Parlament Strassburg (privat)

Zigmunds Steins – freier Übersetzer am EU-Parlament

Jetzt muss Steins hilflos darauf warten, dass er irgendwann in seine Dolmetscherkabine zurückkehren kann: „Ich lebe von den vier Engagements, die ich von Januar bis Mai dieses Jahr hatte. Ich weiß bereits, dass ich die Miete diesen Monat nicht bezahlen kann.“ Er und seine Kollegen fordern Solidarität, aber die europäischen Institutionen denken bisher nicht daran, ihre Freiberufler besser zu unterstützen. Budgetsprecher Balazs Ujvari erklärt, die Kommission habe existierende Verträge bis Ende Mai 2020 noch ausgezahlt, um den Dolmetschern über den Höhepunkt der Krise zu helfen. Ab Juni aber sind sie komplett auf sich selbst gestellt.

Elisabeth Dörrer hat es besonders hart getroffen: „Ich habe 90 Prozent meiner Arbeit verloren.“ Seit 29 Jahren ist sie die Frau, die zum Beispiel Angela Merkel ins Ohr spricht, wenn sie bei EU-Gipfeln und hochrangigen Treffen simultan aus sechs Sprachen ins Deutsche übersetzt. Sie verfasste auch den Hilferuf an EU-Haushaltskommissar Johannes Hahn, der von mehr als 600 Kolleginnen und Kollegen unterzeichnet wurde. Doch bis heute hat Dörrer keine Antwort erhalten.

Im Angebot – ein Taschengeld

Die Internationale Dolmetschergewerkschaft (AIIC) übernahm in dieser schwierigen Situation die Verhandlungen mit den EU-Agenturen. Die aber legten nur ein Minimalangebot auf den Tisch. „Das Problem war, dass die angebliche Verhandlung tatsächlich keine war“, sagt Gewerkschafterin Silvia Puit Vögelin. Die EU bietet eine einmalige Vorauszahlung von 1300 Euro netto, die die Freiberufler später an drei Konferenztagen abarbeiten müssten, sobald das normale Programm wieder anläuft. Aber wann das passiert, weiß niemand.

Die freie Übersetzerin Elisabeth Doerrer mit einem Protest-Plakat (privat)

Elisabeth Dörrer mit Protest-Plakat

Nach oft jahrzehntelangem Einsatz sind die Dolmetscher über das Angebot empört. Ausgerechnet die EU, die sonst soziale Rechte auf ihre Fahnen schreibe, behandele ihre freien Mitarbeiter dermaßen schlecht und lasse sie ins wirtschaftliche Nichts fallen. „Ich habe das Angebot abgelehnt, weil ich mich gedemütigt fühlte“, sagt Dörrer, und viele ihrer Kollegen halten es genauso. Sie fordern eine Lösung nach dem Vorbild einiger EU-Mitgliedsstaaten, deren Freiberufler monatliche Zuschüsse erhalten.

Es gibt aber einen Hoffnungsschimmer. Die Kommission arbeite daran, sagt Sprecher Balasz Ujvari, „die richtigen technischen Voraussetzungen zu schaffen“, um mehrsprachige Fernübersetzungen für Online-Sitzungen zu ermöglichen. Wenn das klappe, könne man die Freiberufler in den nächsten Monaten wieder vermehrt einsetzen.

Durch Corona in der Existenz bedroht

Wer für die EU dolmetschen will, braucht mehrere Universitätsabschlüsse und muss ständig an seinen Kenntnissen arbeiten. Dolmetscherin Elisabeth Dörrer erzählt, sie nehme zusätzlich drei Monate unbezahlten „Urlaub“ im Jahr, um ihre Sprachkenntnisse weiter zu perfektionieren. Dazu gehört auch, ständig bei der Masse der Fachbegriffe auf dem Laufenden zu bleiben. Sitzungen beim europäischen Gerichtshof zum Beispiel erfordern umfassende Kenntnis des juristischen Fachjargons.

Die freie Übersetzerin Hana Garcia Landa mit einem Protest-Schild in den Händen (privat)

Hanna Garcia Landa mit kritischen Fragen an die EU

„Die Kommission lässt uns hierher ziehen, unsere Kinder in Brüssel einschulen und kümmert sich dann nicht darum, was wir für einen Sozialstatus haben“, sagt Hanna Garcia Landa, eine Dolmetscherin aus der französischen Kabine, die seit 1994 für die EU-Kommission übersetzt. Garcia Landa kam mit „nur“ drei Sprachen auf den Markt nach Brüssel und erzählt, sie habe noch Niederländisch dazugelernt. Die EU ermutigt Dolmetscher nämlich, immer weitere Sprachen anzubieten. Sie hatte sich vor Jahren für den Umzug nach Brüssel entschieden, um „attraktiver für die EU“ zu werden, sagt die 52-Jährige.

„Man erwartet von uns, dass wir die Krise abwarten und die Arbeit dann wieder aufnehmen, wenn alles vorbei ist. Aber viele Kolleginnen und Kollegen werden Brüssel bereits verlassen haben, weil sie pleite sind", ergänzt ihre Kollegin Dörrer, die derzeit von ihren Ersparnissen für die Rente lebt. In dem Corona-Hilfspaket aber, das die EU derzeit auf den Weg bringt, sehen die Dolmetscher eine Art Doppelmoral. „750 Milliarden sollen für die am schlimmsten Betroffenen ausgegeben werden und für uns ist nichts übrig? Wir sind auch EU-Bürger“, klagt Elisabeth Dörrer.

Die Redaktion empfiehlt