Keine Chance für Lügner | Wissen & Umwelt | DW | 30.09.2013
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Wissen & Umwelt

Keine Chance für Lügner

Gerade die Polizei wäre dankbar für eine Maschine, die aufdeckt, ob jemand die Wahrheit sagt oder nicht. Lügendetektoren und Hirnscans sollen das heute schon können. Aber stimmt das auch?

gekreuzte Finger (Foto: Fotolia/igor).

Die Finger hinter dem Rücken kreuzen - rechtfertigt das eine Lüge?

"Haben Sie schon mal jemanden verletzt?" oder "Haben Sie Herrn Schmitz getötet?"

Wie ein mutmaßlicher Mörder auf diese Fragen reagiert, soll ihn verraten. Darauf basiert der klassische Lügendetektortest. Eine Maschine, Polygraph genannt, misst während der Befragung körperliche Reaktionen wie Leitfähigkeit der Haut, Puls oder Blutdruck.

Der Lügendetektor selbst kann gar nicht unterscheiden, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt. Entscheidend ist, welche Fragen der Interviewer stellt - und wie dieser die Reaktionen des Befragten darauf interpretiert.

Meist stellt der Interviewer die Frage, um die es eigentlich geht, zusammen mit Kontrollfragen - das sind Fragen, bei denen die richtige Antwort bekannt ist. Die Kontrollfragen sind absichtlich so gestaltet, dass sie den Verdächtigen dazu verleiten sollen zu lügen. Ein Vergleich zwischen den verschiedenen Körperantworten soll zeigen, ob der Befragten bei der entscheidenden Frage gelogen hat oder nicht.

Sehr umstritten

In den USA sind Lügendetektoren in Kombination mit solchen Kontrollfragentests weit verbreitet. Einige Regierungsbehörden überprüfen damit sogar ihre Bewerber.

Aber das Verfahren ist sehr umstritten; viele Wissenschaftler sind der Ansicht, dass es unzuverlässig ist. John-Dylan Haynes, Direktor des Berliner Center for Advanced Neuroimaging, sagt: "Klassische Lügendetektoren messen die Erregung eines Probanden. Damit lässt sich schon eine gute Trefferquote erzielen. Allerdings können Probanden lernen, diese Lügendetektoren zu überlisten."

Polizist beim Lügendetektortest (Foto: dpa).

Lügendetektoren messen lediglich, wie aufgeregt eine Person ist

Zudem können Angst, Wut und Überraschung das Ergebnis verfälschen, sagt Hans-Georg Rill, Sachverständiger für forensische Psychologie in Mainz: "Auch ein Unschuldiger kann auf die Frage nach einem Mord stärker reagieren als auf andere Fragen."

Daher ist dieses Verfahren in Deutschland nicht erlaubt.

Von den Fragen hängt es ab

Man kann Lügendetektoren auch mit einer anderen Fragetechnik kombinieren, im sogenannten Tatwissentest. Dabei konfrontiert der Interviewer den Verdächtigen mit einer Frage und mehreren möglichen Antworten darauf. Zum Beispiel: "Wurde Herr Schmitz erschossen, erwürgt, erstochen oder vergiftet?"

Wenn der Körper des Verdächtigen immer dann in Aufregung gerät, sobald der Interviewer die korrekte Antwort nennt, kann die Polizei sicher sein, dass derjenige mehr über das Verbrechen weiß, als er zugeben will, dass er vermutlich irgendwie an der Tat beteiligt war.

Dieses Verfahren ist natürlich nur dann sinnvoll, wenn die gefragten Details nicht bereits über die Medien an die Öffentlichkeit gelangt sind. "Die japanische Polizei setzt den Tatwissentest sehr erfolgreich ein", sagt Rill. Auch in Deutschland ist dieses Verfahren erlaubt, wenn es bisher auch nicht eingesetzt wird. Die Vorbereitungen dafür sind sehr aufwendig - hier wird lieber noch am Altbewährten festgehalten.

Allerdings erfasst der Lügendetektor hier nicht eine Lüge im engeren Sinne. Er zeigt nur, dass jemand mehr weiß, als er sollte.

Das Gehirn nach Lügen abscannen

Matthias Gamer in seinem Lügendetektor-Labor (Foto: Frank May dpa/lrs).

Matthias Gamer forscht daran, Lügen zu detektieren

Forscher wollen Unwahrheiten direkt an ihrem Ursprungsort erfassen: im Gehirn. Sie suchen nach Hirnregionen, die während einer Lüge aktiv sind, aber ruhen, wenn jemand die Wahrheit sagt.

Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) zeigt, welche Bereiche im Hirn gerade mehr Sauerstoff verbrauchen und daher härter arbeiten als andere.

Aber ganz so einfach ist es nicht, sagt Matthias Gamer, Neurowissenschaftler am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: "Es gibt kein Hirnareal, das spezifisch auf Lügen reagiert."

Trotzdem ist es nicht unwahrscheinlich, dass Forscher in Zukunft einen Lügenscan entwickeln, denn: "Es gibt Anzeichen für Lügen im Gehirn", sagt John-Dylan Haynes. "Wenn ein Proband lügt, reagieren im Labor Kontrollregionen des Gehirns besonders stark."

Lügenscans gegen Bezahlung

Zwar gibt es kein Lügenareal im Hirn, aber Lügen ist eine komplexe Gehirnleistung, die bestimmte Regionen stärker beansprucht als andere.

US-Unternehmen wie "No Lie MRI" bieten bereits jetzt Hirnscans zu kommerziellen Zwecken an: "Unsere Technik ist die erste und einzige direkte Messmethode in der Geschichte der Menschheit, um Wahrheit zu verifizieren und Lügen zu detektieren", schreibt das Unternehmen auf seiner Webseite.

Aber Haynes zweifelt, ob das Unternehmen nicht zu viel verspricht: "Heutige Hirnscan-Verfahren zur Lügendetektion sind noch nicht anwendungsreif. Deshalb halte ich Firmen für unseriös, die solche Dienstleistungen schon anbieten."

MRT (Foto: Andreas Gebert/dpa)

Ein Magnetresonanztomograf ermöglicht es Forschern, direkt ins Gehirn eines Lügners zu blicken

Wie Profis Lügner erkennen

"Zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden ist schwierig", fasst Gamer zusammen. Es gebe bisher keine Technik, die eine solch komplexe Aufgabe zuverlässig bewältigen könne.

Hans-Georg Rill meistert seine Arbeit auch ohne Technik. Im Auftrag von Amts- und Landgerichten begutachtet er die Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen: Er untersucht, ob ein Zeuge die Wahrheit sagt oder seine Aussage nur erfunden hat, beispielsweise um eine andere Person in Schwierigkeiten zu bringen.

Dafür analysiert Rill den Inhalt dessen, was jemand sagt, und wie er es erzählt. Ob jemand lügt, lässt sich meist an der Sprache und an der Geschichte selbst erkennen.

"Hat jemand etwas wirklich erlebt, erzählt er viel mehr Details, als wenn er es nur erfunden hat", erklärt Rill. Glaubhafte Zeugen räumten auch häufiger ein, dass sie selbst Mitschuld haben an dem, was passiert ist. "Oder sie entlasten den Täter eher, sagen, dass es ja nicht so schlimm war, was er getan hat."

"Mit Intuition hat meine Arbeit nichts zu tun", fügt Rill hinzu. Er betont, dass das Bauchgefühl in seinem beruflichen Leben keine Rolle spiele.

Im Alltagsleben sind Intuition und Bauchgefühl aber oft die beste und einzige Methode, um herauszufinden, ob jemand lügt. Sie stehen immer zur Verfügung - und sind billiger als jede Technik.

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