Kein Kumpeltyp: Marius Müller-Westernhagen wird 70 | Musik | DW | 05.12.2018
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Rocklegende

Kein Kumpeltyp: Marius Müller-Westernhagen wird 70

Als er mit seinen Konzerten schon die Stadien füllte, ging Helene Fischer noch in die Grundschule. Der Alt-Rockstar hat längst seinen Platz in der Musikgeschichte. Jetzt wird Marius Müller-Westernhagen 70 Jahre alt.

Rollen zu spielen hat Marius Müller-Westernhagen immer am meisten gefallen. Als Schauspieler am Filmset, im familiären Rahmen mit einem guten Regisseur und den SchauspielerkollegInnen - das war ihm ein vertrautes Biotop. Als Sohn eines Schauspielers ist er auch in Theaterkulissen und an Filmsets großgeworden - dort konnte er Quatsch machen, lachen und sich verkleiden.

Die großen Konzertbühnen, die späteren Massenveranstaltungen vor einem begeisterten Publikum, waren für ihn dagegen einfach Teil des Musikgeschäfts. Als Profimusiker hat er damit viel Geld verdient, gemocht hat er das aber nie. "Ich bin in Wahrheit kein Kumpeltyp. Ich bin mehr ein Einzelgänger, ein Grübler", gestand er 2008 in einem Interview.

Seine Distanz zur Produktionsmaschine der Plattenindustrie hat er auch über die Jahre behalten: "Superstar, Megastar, das sind alles Karnevalsorden, die morgen schon nichts mehr wert sind." Am 6. Dezember feiert er jetzt seinen 70. Geburtstag - aber auch das ficht ihn nicht an: "Mir ist die Zahl 70 völlig wurscht."

Rebellischer Jung-Schauspieler

Geboren ist Marius Müller-Westernhagen am 6. Dezember 1948 in Düsseldorf, damals eine vom Krieg in weiten Teilen zerstörte Stadt. Nur die Kulturinstitutionen funktionierten schnell wieder. In dieser Trümmerlandschaft wuchs Marius zusammen mit seiner Schwester auf. Aber auch Theaterkantine, Hörspielstudio und Filmkulissen gehören zu seiner Kinderwelt.

Der Vater ist ein bekannter Schauspieler: Hans Müller-Westernhagen, als Teil des Gründgens-Ensembles schon vor dem 2. Weltkrieg am Düsseldorfer Schauspielhaus engagiert. Durch seine Filmrollen genoss er eine gewisse Prominenz im Nachkriegsdeutschland. Mutter Lieselotte ist Regierungsbeamtin und ziemlich streng und herrisch, wie Westernhagen später erzählt. Der alkoholkranke Vater stirbt 1963 mit nur 44 Jahren.

Marius Müller-Westernhagen in 'Aufforderung zum Tanz' 1977 (picture-alliance/Keystone)

"Aufforderung zum Tanz" (1977): Marius Müller-Westernhagen als Schauspieler

Marius lehnt sich auf, verlässt schon mit 14 das Gymnasium und ergattert eine erste kleine Rolle in dem TV-Film "Die höhere Schule". Über den Umweg der höheren Handelsschule macht er wenigstens noch seine Mittlere Reife. Doch der Schauspielunterricht interessiert ihn weitaus mehr. Und er spielt in seiner ersten Band. Mit einer klassischen Gesangsausbildung in Hamburg legt er selbst den Grundstein für seine spätere Karriere.

Talent auch für ernsthafte Rollen

Prominente deutsche Regisseure wie Tankred Dorst, Margarethe von Trotta und Ottokar Runze holen den jungen Westernhagen vor die Kamera. Und der hat Talent - offenbar vom Vater geerbt. Gern wird er zu dieser Zeit als Prototyp des rebellischen Jugendlichen besetzt - langhaarig und provozierend. Aber er kann auch ernsthafte Charaktere spielen. In mehr als 30 Filmen ist er zu sehen.

Seinen Durchbruch auf der Kinoleinwand hat er 1980 mit der Hauptrolle des ewigen Sprücheklopfers Theo in der Filmkomödie "Theo gegen den Rest der Welt" - ein Welterfolg und Kassenknüller. Doch dieser Erfolg lässt sich später nicht wiederholen. Marius Müller-Westernhagen hängt den Schauspielberuf schließlich an den Nagel - und verdient sein Geld nur noch als Musiker.

Rockmusiker und Rampensau

Seinen ersten Achtungserfolg als professioneller Musiker hat er mit einer frechen eingedeutschten Paul-McCartney-Persiflage: "Gebt Bayern den Bayern zurück". Der Song macht ihn in ganz Deutschland bekannt. 1975 legt er dann sein Debüt-Album vor - "Gossen-Poesie" attestieren ihm Kritiker. Aber das stört ihn nicht. Der Rockmusiker Müller-Westernhagen schreckt in seinen Texten und Songs auch vor derben Geschmacklosigkeiten nicht zurück, diskriminiert in einem Song dicke Menschen und provoziert damit öffentlich harsche Proteste.

Aber seine Fangemeinde in Deutschland wächst. Mit seinen deutschen Texten trifft er den Nerv der Zeit und erreicht damit die Gefühlswelt vieler Teenager. Die LP "Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz" (1978) bringt ihm Gold und Platin ein. Seine erste Tournee 1980 ist ein Riesenerfolg. Es folgen mehrere mit ausverkauften Stadien und Konzerthallen.

Doch das bleibt nicht so: Eine verpatzte Konzerttournee und sinkende Plattenverkäufe führen Ende der 1990er Jahr zu seinem Entschluss, sich von den kräftezehrenden Stadientourneen zu verabschieden. "Ich sah keine Entwicklung mehr", räumt der erfolgsverwöhnte Musiker damals ein. Er gerät in eine tiefe Sinn-Krise. Inhalt und ernsthafte Texte würden immer weniger eine Rolle spielen, beklagt er damals, Image und Verpackung in gigantische Konzert- und Lasershows würden dagegen wichtiger.

Wichtige Kreativpause

2002 meldet sich der Rockmusiker dann zurück: mit neuen Songs und anderer Tonlage. Er tritt seit längerm nur noch als "Westernhagen" auf - als Marke, die für seine Musik steht. Mehr und mehr gehören auch besinnliche Balladen und nachdenkliche Texte zu seinem Repertoire. Nicht allen Fans gefällt das, doch seine Platte "In den Wahnsinn" bringt ihn erneut in die musikalische Erfolgsschiene. "Bereits vor dem Verkaufsstart bekam die Platte Gold und Platin, so hoch waren die Vorbestellungen", vermerkt das Personenlexikon "Munzinger". 

Deutschland Erfurt Marius Müller-Westernhagen bei Wetten Dass... (Getty Images/S. Gallup)

Der "Armani-Rocker" ist auch Teil der Bussi-Bussi-Gesellschaft: Hier 2005 mit Jennnifer Lopez und Showmaster Thomas Gottschalk bei "Wetten dass..."

2005 geht der populäre Rockmusiker wieder auf Tournee, aber die Zeiten sind andere. Es gibt harsche Proteste gegen die überhöhten Eintrittspreise für seine exklusiven Konzerte und Unmut über sein Image als "Armani-Rocker", dass ihm einige Fans schon seit den 1990er Jahren verübeln. 2009 kehrt er mit dem Album "Williamsburg", das er mit namhaften amerikanischen Musikern in New York produziert hat, zu seinen Wurzeln als Blues-Sänger zurück. Das tut ihm gut.

Aber der Erfolgsdruck seiner frühen Songs, die Tausende bei Schunkelkonzerten und Feuerzeugromantik mitsingen, entrinnt er nicht. Die Fans wollen bei Konzerten die alten Hits hören ("Freiheit", "Last uns leben, last uns lieben.."). Westernhagen beantwortet das 2011/12 auf seine Art selbstironisch mit dem Titel seiner - vorerst - letzten Live-Tournee: "Hottentotten-Musik-Show". 

Politisches Engagement

Über 11 Millionen verkaufte Tonträger (Stand 2011) sind die stolze Bilanz seiner einmaligen Musikerkarriere. Neben Udo Lindenberg, BAP-Sänger Wolfgang Niedecken und Herbert Grönemeyer zählt Marius Müller-Westernhagen zu den bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Musikern. Doch für ihn gibt es Wichtigeres: 2012 gründet der Musiker seine "Lichterloh-Stiftung", die sich um die Bildung von sozial benachteiligten Jugendlichen und schulischen Aussteigern kümmert, wie er selber einer war.

Und der Rockstar mischt sich ein: 1998 macht er Wahlkampf für den SPD-Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder, mit dem er bis heute befreundet ist. "Die Chance für uns Künstler, politischen Einfluss zu nehmen, ist so groß wie selten zuvor", begründete er damals sein politisches Engagement. Doch Parteipolitik ist nicht sein Ding: Als klar wird, dass die Hartz-IV-Reform letztendlich zu Lasten einkommensschwacher Bürger und vor allem ärmerer Kinder geht, bezieht Marius Müller-Westernhagen klar Stellung gegen die sozialdemokratische Politik.

Deutschland Echo 2017 - Sänger Marius Müller-Westernhagen (picture alliance/dpa/J. Kalaene)

Sein Protest gegen die Echo-Vergabe an die Skandalrapper Kollegah und Farid Bang hat nachhaltige Folgen

Auch sein lautstarker Protest gegen die Vergabe des Echo-Musikpreises 2018 an die Deutschrapper Kollegah und Farid Bang war nachhaltig: Nach weiteren Protesten anderer Musikerkollegen führte die Aktion am Schluss zur Abschaffung des Musikpreises. Aber Westernhagen traute sich, einen bemerkenswerten Vorschlag zu machen: Die Rapper sollten gefälligst mal die Gedenkstätte Auschwitz persönlich besuchen - als private Bildungsreise.

Das haben Kollegah und Farid Bang im Juni 2018 dann in aller Stille und ohne PR auch getan. Texte über den Holocaust auf deren Alben werden nach diesem Besuch in Zukunft sehr viel unwahrscheinlicher. Mit diesem Erfolg seiner gesellschaftspolitischen Einmischung kann Marius Müller-Westernhagen zufrieden sein. Glückwunsch zum 70sten!

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