Kein Fairplay in Großbritannien? | Aktuell Europa | DW | 03.04.2016
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Aktuell Europa

Kein Fairplay in Großbritannien?

Gedopt wurde im Sport immer. Oft ging da der Blick nach Russland, Afrika und Asien. Nun soll es den medizinischen Sportbetrug im großen Stil auf der britischen Insel gegeben haben. Beschuldigt wird ein Londoner Arzt.

Fünf Monate vor den Olympischen Spielen und der Fußball-EM im Juni wird Großbritannien von einem Doping-Skandal erschüttert. Nach Recherchen des WDR und der englischen Zeitung "Sunday Times" soll der Londoner Gynäkologe Mark Bonar in den vergangenen sechs Jahren rund 150 Top-Athleten mit Doping-Mitteln versorgt haben. Darunter seien Fußball-Profis des FC Arsenal, des FC Chelsea und von Erstliga-Tabellenführer Leicester City sowie Teilnehmer der Tour de France, Boxer und Tennisspieler.

Jahrelanges Dopen

In der WDR-Dokumentation, berichtete der Arzt einem eingesetzten Lockvogel vor versteckter TV-Kamera, über sein umfangreiches, geheimes Doping-Geschäft. "Natürlich sind einige der Behandlungen, die ich mache, im Profisport verboten", sagte Bonar laut einer WDR-Mitteilung. Aber ich habe das schon mit vielen Sportlern gemacht. Jahrelang. So ziemlich aus jedem Sport."

Die drei Premier-League Clubs wiesen die Doping-Vorwürfe zurück. "Die Anschuldigungen sind falsch und entbehren jeder Grundlage", hieß es in einer Mitteilung des FC Chelsea. Der Verein habe niemals die Dienste von Bonar in Anspruch genommen und auch keine Kenntnis davon, dass Chelsea-Spieler von ihm behandelt worden seien. Der FC Arsenal, Verein von Nationalspieler Mesut Özil und Per Mertesacker, teilte mit, dass man sich vollständig an die Anti-Doping-Regeln halte.

Druck für ältere Sportler

Dagegen behauptet Bonar, dass er mit englischen und auch Spielern aus dem Ausland zu tun gehabt habe. "Auch mit einem ganz Großen, dem habe ich Epo, Testosteron und Wachstumshormone gegeben", sagte der Arzt. "Fußballer werden ja sowieso kaum getestet. Und ältere Spieler über 30 müssen was machen, die können mit den jungen Spielern um die 18 sonst doch gar nicht mithalten."

Der designierte Chef der Welt-Antidoping-Agentur (WADA), Olivier Niggli, reagierte auf die ihm vorab gezeigte TV-Doku bestürzt. "Es ist sehr beängstigend für mich zu sehen, wie ein Mediziner ein solches Verhalten an den Tag legt", sagte er. Pikant ist zudem, dass die britische Anti-Doping-Agentur (UKAD) im Auftrag der WADA nach Aufdeckung des flächendeckenden Dopings in Russland die Planung der Tests russischer Athleten übernommen hat. Denn die UKAD steht nun im Fall Bonar selbst unter Druck.

"Wie bei Lance Armstrong"

Laut WDR-Angaben soll sich nämlich ein selbst des Dopings überführter Sportler als Whistleblower vor länger Zeit an die britische Agentur gewandt haben und Beweise für die Doping-Umtriebe Bonars vorgelegt haben. Die UKAD habe dem Informanten aber Anfang 2015 mitgeteilt, keine Grundlage für Ermittlungen gegen den Arzt zu sehen. "Dr. Bonar ist für mich die britische Version von Lance Armstrongs Dopingarzt Doktor Ferrari", sagte der inzwischen gesperrte Sportler: "Es war Bonar, der mich zu Testosteron und anderen Substanzen brachte. Er fragte mich: Hast du schon mal Epo probiert? Oder Wachstumshormone?"

Symbolbild Erstliga Fußball FC Arsenal Foto: Javier Garcia / BPI Copyright: picture-alliance/Back Page Images

Auch Fußballer der Premier League soll der der englische Arzt Mark Bonar gedopt haben

Der britische Kulturminister John Whittingdale zeigte sich angesichts der Enthüllungen geschockt und zutiefst besorgt. Er ordnete eine Untersuchung der Vorwürfe gegen UKAD an. Entsetzt reagierte die britische Siebenkampf-Olympiasiegerin Jennifer Ennis-Hill: "Der Fall zeigt, dass der britische Sport ein größeres Doping-Problem hat, als sich viele von uns vorgestellt haben." Die britische Anti-Doping-Agentur erklärte in einer Stellungnahme, dass die von dem Athleten vorgelegten Beweise für ein verbotenes Handeln von Bonar nicht ausreichend gewesen seien. "UKAD erhielt im Oktober 2014 handgeschriebene Rezepte des Sportlers. Er behauptete, dass sie von Dr. Bonar ausgestellt seien", hieß es in der Mitteilung. Nach einer Prüfung durch einen unabhängigen Sachverständigen sei man jedoch zum Urteil gelangt, den Fall nicht weiter zu verfolgen.

cgn/qu (dpa, sid)