Kein Ende der Doppelmoral | Asien | DW | 23.02.2014
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Asien

Kein Ende der Doppelmoral

Prostitution ist in China illegal - offiziell. Gleichzeitig ist das Geschäft mit dem Sex flächendeckend verbreitet. Eine Fernsehreportage und eine großangelegte Razzia lösten nun eine Debatte über Prostitution aus.

China Prostitution

Antreten zur Polizeirazzia - die weiblichen Angestellten einer Sauna in der Stadt Qingdao

Mit versteckter Kamera hatten Journalisten des Staatssenders CCTV verschiedene Bordelle der als "Sexmetropole" berüchtigten Stadt Dongguan besucht. Mitte Februar wurde die Reportage ausgestrahlt. Darin kritisierten sie den "moralischen Verfall" in der südchinesischen Stadt. Die Polizei sei "nicht handlungswillig", so der Vorwurf des Senders. Wohl um das Gegenteil zu beweisen, begann nur Stunden später eine Razzia mit rund 7000 Beamten. 67 Personen wurden festgenommen.

Harte Strafen für Prostituierte

Prostitution ist in China zwar verboten, trotzdem ist sie allgegenwärtig. In Karaokebars, Luxushotels oder Badehäusern zahlen Männer und manchmal auch Frauen für Sex. Zwar existieren keine offiziellen Zahlen für das Sexgewerbe in China. Schätzungen gehen von vier bis sechs Millionen Sexarbeiterinnen in China aus.

Das Geschäft mit dem Sex ist tief in der Gesellschaft verwurzelt. Geschäftsleute laden zum Karaokesingen mit weiblicher Gesellschaft ein, um an lukrative Aufträge zu kommen. Besonders pikant: Auch Beamte nehmen käuflichen Sex gerne als "Geste der Aufmerksamkeit" an. Im Sommer letzten Jahres wurden fünf Richter in Shanghai mit Prostituierten erwischt und vom Dienst suspendiert. Oft genug kommen Kader aber auch straffrei davon.

Der Prostitution Beschuldigte werden in einer Hotellobby festgehalten

Bei der Großrazzia in Dongguan wurden 67 Personen festgenommen

Für die Prostituierten birgt die Arbeit ein hohes Risiko. Neben Geschlechtskrankheiten oder Aids müssen sie sich vor allem vor der Polizei in Acht nehmen. Werden sie festgenommen, droht ihnen nämlich Zwangsarbeit im Umerziehungslager. Anders als die meisten Sträflinge müssen sie auch noch selbst für den Aufenthalt in solchen Lagern bezahlen, kritisiert die New Yorker Menschenrechtsorganisation "Asia Catalyst".

Debatte über Prostitution

Die CCTV-Reportage hat eine Debatte über die Prostitution in China ausgelöst. "Der Staatssender prangert Prostitution als Verfall der Moral an", kritisiert die Frauenrechtlerin Ai Xiaoming im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Aber viele chinesische Beamte nehmen sexuelle Leistungen in Anspruch. Und sie geben sogar öffentliches Geld dafür aus. Das ist allgemein bekannt." Prostitution, so Ai, sei weniger ein Problem der Sexualmoral sondern vielmehr eine Frage von Machtmissbrauch und Korruption.

In Chinas sozialen Netzwerken wird die CCTV-Reportage heiß diskutiert. "Hosen runter und Hure nehmen, Hosen hoch und Hure verhaften", spotten die User im Hinblick auf die vielen Polizeibeamten, die selbst Stammkunden von Prostituierten sind. Viele Internetnutzer sehen hinter der Reportage eine Moralpredigt der Regierung. Andere vermuten innerparteiliche Machtkämpfe. Etliche lokale Parteikader wurden sofort nach der Sendung suspendiert.

Legalisierung von Sexarbeit?

Eine Prostituierte und ihr Freier werden bei einer Razzia im Hotelzimmer erwischt

Die Freier kommen in der Regel ohne Strafe davon

Inzwischen werden Stimmen laut, die eine schrittweise Legalisierung von Prostitution fordern. "Wenn man Hand- oder Kopfarbeit verkaufen kann, warum dann nicht Sex-Arbeit?", fragt die Sexualforscherin Li Yinhe auf dem chinesischen Nachrichtenportal iFeng. "Zwar könnte auch eine vollkommene Legalisierung problematisch werden. Die könnte eine Protestwelle der unmittelbaren betroffenen Nachbarschaft hervorrufen. Aber der erste Schritt sollte die Entkriminalisierung sein."

Das "schwedische Modell", wonach nur die Kunden, nicht aber die Prostituierten bestraft werden sollen, hält die Frauenrechtsaktivistin Ai für den falschen Weg. Es müsse eine "chinesische Lösung" gefunden werden. Zwar sieht sie noch keinen konkreten Lösungsansatz. Aber für sie steht fest: Alle Akteure sollen sich an der Problemlösung beteiligen - inklusive Vertreter des Sexgewerbes. Eine Razzia wie in Dongguang wäre dann nicht mehr nötig.

Allerdings scheint die Regierung einen anderen Weg zu wählen. Am Montag (17.02.2014) kündigte das Ministerium für öffentliche Sicherheit auf seiner Webseite an, den Kampf gegen Prostitution, Glücksspiel und Drogen landesweit intensivieren zu wollen.

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